Jahrgang 
1857
Seite
545
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nen Soldaten gepflanzt, wie's ſie auf dem Exercierplatze ge ſehn. Dann brauſt der Zug durch einen dichten Wald von Birken und pinienartigen Föhren in ein weites, weites Wie⸗ ſenthal, an deſſen Eingang die geräumigen, durchaus nicht unfreundlichen Gebäude der elſäſſiſchen Irrenanſtalt Ste⸗ phansfelden liegen. Sie ſind großentheils neu, ein paar verwitternde Schieferthürme deuten indeß auf längſt ver⸗ gangene Zeiten. In Wahrheit ſtand hier ſchon im Mittel- alter ein Findelhaus, das im 11. Jahrhundert vom Vater Leo's IX. des Elſäſſers, der die Tiare trug gegrün⸗ det ſein ſoll. Daß man nicht immer ſehr menſchlich darin

gelegt worden, ſo ſprengté ſofort ein von großen Hunden be⸗ gleiteter Reiter zum Thore hinaus, den Ueberbringer zu verfolgen. Gelang es, auf dem Gebiete der Anſtalt ſeiner habhaft zu werden, ſo peiſchte man ihn unbarmherzig durch und gab ihm das Kind wieder mit. Jetzt beherbergen die Räume mehr als 500 Geiſtesſchwache, und Art wie Reſul⸗ tate der Behandlung ſollen kaum etwas zu wünſchen laſſen.

Quer durch das, oceaniſchen Ueberſchwemmungen aus⸗ geſetzte Wieſenthal, in das einſt Julian der Apoſtaͤt ſeine Schaaren zum Siege über die Alemannen führte, während es in unſern Tagen zur Zeit der Heuernte von Hunderten harmloſer Wagen und Tauſenden der friedlichſten Menſchen belebt zu ſein pflegt, gelangt man nach Brumath, der zur Römerzeit als Hauptort der Tribokken bedeutendenBruch⸗ ſtadt(Brocomagus) ein Name, den der ſumpfige Boden leicht erklärt. Links von der Bahn tritt nun eine heiter belebte Hügelkette auf, die bald vorſpringend, bald wieder zurückeilend, ein neckiſches Fangſpiel mit dem Dampfroſſe zu treiben ſcheint. An ihr ſelber klettern wieder liebliche Dörf⸗ chen herum, mit republikaniſch rothen Dächern und gemäßigt

blauem Kirchthurm, wie das hinter Pappelpflanzungen halb⸗

verſteckte, rings in dunkles Laub gewickelte Mommenheim. Da iſt's urgemüthlich, beſonders wenn Störche durch die Wieſen ſtolziren,Schäfchen am Himmel wallen und linde Lüfte durch die Landſchaft ſtreichen. Und wenn ein Einge⸗ borner neben Ihnen ſitzt, ſo erzählt er Ihnen, daß Sie nun⸗ mehr imKochersberg ſeien, wie man nach einem längſt zerfallenen Schloſſe die Gegend von hier bis an's Gebirge nenne, daß die Bauern des Kochersberges mit ihren weißen Arbeitsſchürzen noch die echten alten Bauern ſeien und ihre Frauen bei allem Reichthum die hergebrachten grünen und rothen Röcke nicht, wie die Landmadamen anderswo, gegen den Modeflitter der Stadt vertauſchen. Kein Zweifel, das etwa neun Quadratmeilen große Gebiet hat in der Bauart der Höfe, der Tracht, den Sitten und Gebräuchen etwas ſo Alt⸗ fränkiſches, daß es mich unwillkührlich an meine weſtphäliſche Heimath erinnert.

Fährt man nun ſo weiter durch dieſen Kochersberg und hat das Glück, daß es gerade Morgen und der Himmel um⸗

zogen iſt, daß die immer näher rückenden Vogeſen ſich dunkel

und ſcharf vom Horizont abheben, während aus den Schluch⸗ ten langſam und feierlich krauſe, milchweiße Nebel empor⸗ wallen: ſo erreicht man gewiß in der angenehmſten Weiſe erſt die Station Steinburg, dann die Stadt Zabern. Die ganze Fahrt hat kaum über eine Stunde gedauert.

Gleichwohl werden Sie nicht böſe! wollen wir

einen andern Weg, den am Gebirge hin wählen. Eine Eiſenbahn giebt's da freilich noch nicht, aber wir haben Zeit genug, und mancherlei zu ſehn, zu genießen iſt ja unſer einziger Zweck. Nehmen wir deßhalb nicht einmal den di

recten Weg zu den Bergen; der würde uns über Wolfis⸗ heim führen, wohin bis zur großen Revolution die Straß⸗ burger Reformirten, die in der Stadt nicht beten durften, allſonntäglich zur Kirche gingen, und von da nach Sulzbad entweder durch Oberſchäffelsheim, an dem Schlachtfelde vor⸗ über, auf dem die beiden wunderbaren Freundfeinde Ludwig der Baier und Friedrich der Schöne ihre Kräfte maßen, oder über den weichen Damm des Breuſchkanals, unter dem be⸗ gehrenswerthen Kolbsheimer Landhauſe des Herrn Humann hin, wo man wie auf perſiſchen Teppichen ſchreitet, kühl, ein⸗ ſam, andächtig. Folgen Sie mir lieber in etwas ſüdlicherer Richtung; ich denk es Ihnen ſo bequem wie möglich zu machen.

Nur ſei'n Sie mir von vorn herein, wenn wir Nachmit⸗ tags um vier Uhr die Imperiale der Obernai'er Diligence beſteigen, nicht zu delikat. Dort oben wären eigentlich nur drei Plätze, aber nichts iſt menſchlicher, als daß der Kutſcher Freunde und Bekannte hat, die ſich unterwegs zur Aufnahme melden, und wenn dann das Innere beſetzt iſt, ſo packt er ſie neben, auf, über uns, daß es Einem faſt zu Muthe wird, wie den Unglücklichen im Hauenſteiner Tunnel. Mißlicher Weiſe ſind dieſe Ankömmlinge oft eigenthümlich parfümirt, rauchen auch wohl aus kurzen, offenen Stummeln. Man lernt von dieſer Geſellſchaft nicht wenig, z. B., daß der Dampf der Locomotiven ſich zu Wolken ſammle, die ganze Luft vergifte, Cholera, Kartoffel⸗ und Traubenkrankheit ver⸗ urſache, daß der Napoleon alle Eiſenbahnfahrten verbieten ſolle, und was dergleichen Orakel mehr ſind. Träumt man überdieß im Vorbeifahren bei Lingolsheim von den Zeiten, wo Condé und Montecuculi ſich hier gegenüber lagen, beim Miniaturſee zu Ensheim von der letzten Fahrt, die man über den Bieler See gemacht, wo gerade ſo eine Inſel, Rouſſeau's Petersinſel, in der Mitte liegt, oder von den Schlägereien zwiſchen Türenne und dem deutſchen Heere, die hier herum nach der ſchändlichen Verwüſtung der Pfalz ſtatt⸗ hatten; bevölkert man in Gedanken den alten Thurm auf dem Glöckelsberge mit kettenraſſelnden, verſchmachtenden Ge⸗ fangenen oder meinetwegen mit Burggeiſtern und Ahn⸗ frauen; ärgert man ſich etwa an dem blühenden Raps, der mit ſeinem ſchreienden Gelb die Landſchaft ſo unedel belebt, wie Trödler mit ihren grellen Stimmen den Markt, und freut ſich wiederum, wenn die Straße rechts abbiegt, daß man nicht zu den rohen Grobianen von Niedernai trans⸗ portirt wird: ſo kommt man an ſein Ziel, d. h. nach Ober⸗ nai(Oberehnheim), ohne zu wiſſen wie.

Raſten können wir hier ungenirt, denn das Aſylrecht, das der ſonſt nicht eben liberale Kaiſer Friedrich III. vor vierhundert Jahren der alten Reichsſtadt gab, wird man hoffentlich heute noch achten. Kehren wir in der Schenke da, dem Rathhauſe gegenüber, ein, ſo daß wir das merk⸗ würdige, wenn auch nichts weniger als rein ſtyliſirte Ge⸗ bäude aus der Reformationszeit, während eine Erfriſchung genommen wird, im Auge behalten. Da uns aber in der engen, bedrückenden Stadt vollſchwatzender, ſchwüler Ge⸗ werbe ſonſt nichts feſſeln kann und die Sonne immer tiefer ſinkt, ſo zäumen wir alsbald Schuſters Rappen auf und reiten längs der maleriſchen Trümmer einſtiger Mauern und Gräben hinaus gen Otrott.(Siehe die Abbild.) Ob irgend ein Stück dieſer Mauern ſtand, als der böſe Auſtraſier Attich, der erſte Herzog des Elſaſſes, hier hauſte und ſeine Tochter zur Heiligen, zur geſegneten Schutzpatronin des Landes miß⸗ handelte? Wie, Sie kennen die Geſchichte nicht? Kommen Sie, während wir den Bergen zuwandern, die ſich, kaum eine Stunde entfernt, im Abendlichte baden, will ich Ihnen er⸗ zählen.