den Theile Frankreichs immerhin reichlich der Mühe. Daß von den zweihundert Burgen, die zur Zeit Sickingen's das Wasgau gekrönt haben ſollen, hochromantiſche Ruinen in Menge ſtehen geblieben ſind, die man nach Belieben anſchwär⸗ men kann, verſteht ſich von ſelbſt. Auch die Thaleinſchnitte, obgleich waſſerärmer, trockener, als die des Schwarzwaldes, ſind reich an mannigfaltigen Schönheiten; die Thäler von St. Amarin, Münſter, Kayſersberg, Andlau, Barr, wie das Jägerthal bei Niederbronn, möglichſt verſchieden unter ſich, haben unſtreitig das Eine gemein, daß man ſie mit wahrem Entzücken durchwandert.
Die Ebene zwiſchen Rhein und Vogeſen, einſt das Be— ſitzthum zahlloſer Fürſten, Biſchöfe, Grafen und Herren aller Art, wird durch die größtentheils ſchiffbare Ill, die vom Jura kommend, ſich unterhalb Straßburg in den Rhein ergießt, auf mehr als zwei Drittel ihrer Länge in zwei Streifen ge⸗
theilt. Am Gebirge hin iſt das Land durchgehends ſehr fruchtbar. Vor den Vorhügeln ziehen ſich Weinberge weit
in die Ebene herunter und bedecken oft genug meilenbreite Strecken derſelben. Im nördlichen Theile des Niederrheins nach Pfälzerart an horizontalen Spalieren, ſonſt überall an Pfählen gezogen, liefern unſre Reben, vorzüglich die ober⸗ rheiniſchen, gar feurige und ſchwere Weine. Beſonders ge⸗ ſchätzt ſind die Tokaier, Klävener und Riesling der beſten Lagen, wiewohl es den Deutſchen meiſt ſcheinen will, als übten ſie nicht die erheiternde, herzerfreuende Wirkung der Rhein- und Moſelweine. Außer den Reben, trägt der weſt⸗ liche, gleich der fruchtbaren Partie des öſtlichen Theils der Ebene, zwiſchen appetitlichen Wieſen, Getreide jeder Gattung, Obſt und Gemüſe der beſten Qualität, neben Kartoffeln, die man hier zu Lande Grundbirnen nennt, den ſaftigen helian-
thus tuberosus, deſſen Knollen„Erdäpfel“ heißen, Mohn,
Hanf und Flachs, Krapp, Tabak und Hopfen in ſtets wach⸗ ſender Menge. Die geſteigerte Hopfenproduktion wird nie⸗ mand auffallend finden; ihren Anbau lernt man erſt in unſern Tagen verſtehen, und Bier trinkt nachgerade alle Welt. Das Pflanzen des Tabaks aber iſt ein lukratives, wenn auch läſtiges Geſchäft; die Regierung, die ſeine Ver⸗ arbeitung als Monopol betreibt, kauft ihn ſicher und zu hohen Preiſen, übt aber dafür auch eine Controle, die ſo weit geht, daß beim Ausſchlagen der Pflanze jedes Blatt auf jedem Acker von Beamten gezählt und einregiſtrirt wird. Wälder von Laub⸗ und Nadelholz lagern ſich durch's ganze Elſaß zwiſchen die bebauten Strecken, und die wilden Schweine darin ſind noch nicht in dem Grade zur Mythe geworden, wie die Wölfe in unſern Bergen. Nach dem Rheine hin giebt es übrigens viel ſumpfiges und verſandetes Land und die Leute, die z. B. den„Rieth“ in Unterrhein bewohnen, dürfen ſich weder leichter Ernährung, noch allzugeſunder Luft rühmen; über Mangel an Fieber haben ſie ſicher nicht zu klagen.
Was die Menſchen im Elſaß angeht, ſo werde ich mich hüten, ein Langes und Breites von Mediomatrikern, Tri⸗ bokken und ähnlichem Gevölk zu erzählen, das hier vor Jahr⸗ tauſenden geathmet haben ſoll. Die jetzigen Illſaſſen, die im Oberrheine im Einklang mit der allgemeineren Verbrei⸗ tung und beſſeren Qualität des Weins leichter, lebhafter,
erregter und geiſtig bewegter, franzöſiſcher ſind, bilden, wenn ſtreitig die Eiſenbahn nach Zabern(Saverne). Man fährt
man die Menge herumziehender Zigeunertrupps mit ihren engen Karren und weiten Gewiſſen abrechnet, eine kunter⸗ bunte Miſchung von germaniſchen und galliſchen Eingebornen, wie deutſchen und franzöſiſchen Einwanderernz; letztere ziehen theils Induſtrie und Handel, theils vacante Aemter und Stellen unaufhörlich hierher. Da werden denn die Sitten,
Tugenden, Laſter und Sprachen beider Nationen„aus einem Brautgemach in's andere gequält;“ nicht ſelten trifft man, wie in den Niederlaſſungen franzöſiſcher Flüchtlinge: in Graſſendorf bei Hochfelden und den drei„wälſchen Dörfern“ Rauweiler, Görlingen und Kirberg jenſeit Phalsburg Leute mit ſtarkwälſchen Namen, die kein Wort Franzöſiſch, Andere mit urteutoniſchen, die kein Wort deutſch reden, wie in der Gegend von Belfort, und, abgeſehen von der gebildeten Ge— ſellſchaft der Städte, durchgehends alemanniſche Dialecte mit zahlreichen romaniſchen, oder umgekehrt romaniſche Pa⸗ tois mit eben ſo viel deutſchen Einſchiebſeln— letztere natür⸗ lich im Gebirge, nach Frankreich hin. Das ſchilt ſich dann wohl„Schwob“ und„Wälſcher“, und der Fremde kann froh ſein, wenn er wenigſtens den Einen oder Andern verſteht. Mir iſt's einmal nie gelungen, das krauſe Patois, in der Gegend von Lapoutroie und Bonhomme z. B., auch nur an⸗ nähernd zu enträthſeln. Den Charakter des Deutſchen kennen die Leſer; über den der romaniſirten Gallier iſt ſchwer zu reden. Sie ſind zu verſchieden unter ſich und zu durch— greifend mit fremden Elementen verſetzt, als daß ein paar ſcharfgezeichnete Hauptzüge ein wahrheitsgetreues Bild geben könnten. Möglich, daß auch ſie, wie ihre Urväter nach Cäſar's Bericht, weniger zur Ueberſchätzung fremden, als des eigenen Thun's geneigt ſind; daß ſie aber, gleich Jenen, auf Rückzahlung im ewigen Leben Geld verleihen, hätte ich große Luſt zu bezweifeln. Weitem der größte Theil katholiſch; viele Gemeinden, die einſt proteſtantiſch waren, haben zum Theil die Biſchöfe von 1648, zum Theil die barbariſchen Maßregeln der Bourbonen in den Schooß der Alleinſeligmachenden zurückzuführen ge⸗ wußt. Häufig wehrten ſich die Frauen viel energiſcher da⸗ gegen, als die Männer, aber auch ſie wichen am Ende wenn nicht empörender Gewalt, ſo doch der Liſt, mit der man die Renegaten in ökonomiſcher Hinſicht begünſtigte.
Wovon endlich die Million Menſchen lebt? Je nun, was der Wein⸗- und Ackerbau und die etwas rückſichtsloſe Ausbeutung der Wälder nicht ernährt, das wendet ſich, wie anderwärts, den Gewerben und dem Fabrikbetriebe zu. Nicht umſonſt ſpielt Merkur eine ſo große Rolle bei den hier auf— gefundenen Alterthümern. Am großartigſten ſind die An⸗ ſtalten zur Verfertigung baumwollener Zeuge, beſonders in und um Mülhauſen, und es wäre ein hübſches Stück Arbeit, die Spinnereien, Webereien, Druckereien, Färbereien, Blei⸗ chen und was weiß ich Alles zu zäͤhlen. Dann kommen die niederrheiniſchen Eiſenſchmelzen, Gießereien, Hammerwerke und Schmieden ohne Ende, aus denen neben taufend andern Dingen Waffen genug hervorgehen, um halb Europa damit todt zu ſchießen, niederzuhauen, zu durchbohren. Daß wir auch Papier und Tapeten, Leder, Tuch und Band, Wachs⸗ tuch und chemiſche Producte ſchaffen, Strohhüte flechten und Socken ſtricken, zu guter Letzt gar Erdbeeren ſammeln und Beſen binden, werden Sie uns nicht verargen.
Doch was helfen Ihnen meine allgemeinen Bemerkungen? Sie geben nimmermehr ein Bild, und darum iſt's Ihnen doch zu thun. Wohlan, greifen wir uns einmal das nieder⸗ rheiniſche Departement heraus. Der kürzeſte Weg zu der intereſſanteſten, wirklich reizenden Partie deſſelben iſt un⸗
da durch die ſaftig reiche, in ſanften Wellenlinien geſchwungene ) 9
Ebene zwiſchen Feldern und Wieſen hin, auf denen einzelne Baumgruppen und Dörfchen ſo zierlich, die Weidenreihen nach allen Richtungen ſo ſchnurgerade ſtehen, als hätte ein ſpielendes Kind in friſches Moos hinein grüne Halmbüſchel,
Haufen von Nürnberger Häuschen und Reihen von hölzer⸗
In religiöſer Beziehung iſt bei—
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