Jahrgang 
1857
Seite
540
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einem Tumult auf den Taſten, daß es kein Wunder war, wenn ſie in Folge der Anſtrengung abermals Durſt be⸗ kam und dem Bierkrug ihre Aufwartung machte. Ihre Wangen nahmen jetzt eine tiefe brennende Röthe an, ihre Augen warfen Feuer und, in Ermangelung einer anderen Zerſtreuung, ging ſie mit verſchränkten Armen und ſchlen⸗ kernden Beinen durch Stall und Hof, um über Knechte und Mägde ſeltſame Bemerkungen zu machen und die Zimmerleute zu unterhalten, welche vom Bau der neuen Scheuer eben Feierabend machten...An Der hätte man viel erſparen können, wenn man ſie nicht gewaltſam in die Stadt gefrohnt hätte; ſo iſt ja doch nichts als die Schneiderarbeit an ihr hängen geblieben. Das war der Gedanke manches Dienſtboten und Arbeiters, als man ſpäter, die hereinbrechende Nacht wahrnehmend, allerſeits das Lager ſuchte...

Indeſſen hatten ſich ſchon den ganzen Nachmittag im Weſten zackige Wetterwolken gezeigt, welche, von lebhaf⸗ ten Winden vertrieben, ſich immer wieder von Neuem bildeten, bis ihnen der ſtillere Abend jetzt Muße ließ, ſich zu einem anſtändigen Gewitter zu ſammeln und allmälig heranzuziehen. Gegen zehn Uhr, als man in dem Dorfe überall zur Ruhe war, durchbrachen denn auch raſchfol⸗ gende Blitze das ſchwerwogende Gewölk, die rollenden Donner ließen nicht lange auf ſich warten und eh' man ſich's verſah, ſchoß auch ein ſcharfer Regenguß hernieder, der indeſſen den Wolken bald ihre beſte Kraft und ihre Schrecken nahm. Mancher Hausvater, der mit den Hühnern zu Bette gegangen und im Begriffe war, vor⸗ ſichtshalber wieder aufzuſtehen, drehte ſich jetzt nur auf die andere Seite, da er als Wetterkundiger wohl erkannte, die Gefahr habe angefangen dem Segen für Feld und Wieſe Platz zu machen.

Auch der Gemeinderath Gruber, der bereits aufge ſtanden war, um Licht zu machen und in die Vorderſtube zu gehen, ſuchte jetzt beruhigt ſein Lager wieder auf, in⸗ dem er für ſich dachte:Ein Regelchen, bei dem ſich ruhig ſchlafen läßt! 8

Er würde ſchwerlich ſo bald wieder eingeſchlafen ſein, wenn er geahnt hätte, wer heute noch trotz des Wetters, ja durch daſſelbe gerade begünſtigt, ſeinem Hauſe einen Beſuch zu machen kam. Denn an der neuen Scheuerecke ſtand ſchon eine Weile dieſelbe düſtere Geſtalt wieder, welche einſt dem Ambros auf ſeinem letzten Liebesgange unter ſo drohenden Zeichen gefolgt war; heute ſchien dieſe Geſtalt ſogar Luſt zu haben, den Weg nach dem Holz balkon und vor die Kammerthüre der Vrone ſelbſt zu gehen. Kaum hatten denn auch die Wolken aufgehört, ihre verrätheriſchen Blitze zu entſenden, als die Geſtalt vorſichtig ſich dem Hauſe Grubers näherte, noch einmal prüfend ringsum ſpähte und hierauf, begünſtigt durch das Dunkel und das Rauſchen des Regens, den Balkon be ſtieg, wo ſie bis zum Kammerfenſter der Vrone mit weit⸗ ausholenden Schritten vorwärts ſchlich und daſelbſt nach einer Pauſe an die Scheiben pochte.

Die Vrone mußte ſehr feſt ſchlafen, da ſie in der Nähe des Fenſters ruhend erſt nach wiederholtem und verſtärktem Klopfen geweckt wurde.

Was giebt's? fragte ſie jetzt leiſe und ſchlaftrun ken,wer iſt draußen?

Ein Bote vom Ambros, erwiderte die Stimme leiſe,ich habe von ihm zu ſagen!

Die Worte ſchienen auf die Vrone ſtark zu wirken, da

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ſofort ihre Hände an den Scheiben taſteten und einen Flügel etwas öffneten.

Wer biſt Du? Was willſt Du mit dem Ambros? fragte die Vrone mit einer von Beſtürzung und Verle⸗ genheit bewegten Stimme.

Ich bin verzeih, Vrone ich habe vom Ambros eigentlich nichts zu ſagen ich bin wegen mir ſelber da. Ich bin der Vincenz!

Mit krampfhafter Haſt wurde jetzt der Fenſterflügel wieder zugeſchlagen, Vrone's Hände fuhren von innen nach Haken und Reibern, um ja feſt genug zu ſchließen, und eine Weile hörte man wieder nichts als den leiſe niederſäuſelnden Regen; dann aber begann die Geſtalt vor dem Fenſter ihr leiſes Trommeln an den Scheiben wieder und ſagte:

Brone ich bin zum letzten Mal bei Dir, laß' mich gutwillig noch ein paar Worte mit Dir reden, oder Du wirſt ächzen und bereuen, wenn ich unverrichteter Sache fort muß! Die Vrone gab keine Antwort und der Beſuch fuhr fort:

Du willſt mir nicht Red' und Antwort geben? Gut, ſo hör' nur an, was ich zu ſagen habe! Er glaubte ein leiſes Geräuſch am Fenſter zu hören und ſchloß daraus, daß Vrone wieder näher komme.

Du wirſt vermerkt haben, fuhr er fort,daß ich nicht umſonſt vom Ambros rede und daß ich mehr weiß als Andere, und Dich und Ambros in den Händen halte. Du haſt es mit dem Ambros, ſetzte er nach ſchwerem Athmen hinzu,wegen Ambros haſt Du mich vor die Thüre geſetzt, wegen ihm haſt Du mir Deinen Vater aufſäſſig gemacht, daß er mir den Dienſt gekündet Du haſt Raum und Sicherheit für Deinen neuen Schatz haben wollen, darum hab' ich aus dem Hauſe müſſen! Mach' fort und laß ſolche Reden, ſagte Vrone drinnen mit einer Stimme, die von Zorn und Sorge bebte:Ich weiß von keinem Ambros und will von Dir nichts wiſſen!

So? Verleugneſt Du jetzt Beide? Auch er iſt im Unglück verlaſſen?

Ich werde meinen Vater rufen und Dir zeigen, wo Dein Weg iſt! ſagte Vrone und ſuchte Nachdruck in ihre Stimme zu legen.

So? Das willſt Du? Immer zu! Ruf' ihn nur, Deinen Alten; dann ſoll er gleich Alles wiſſen und daß der Ambros den Brand nicht gelegt haben kann weil er bei Dir war, wie das Feuer ausgebrochen!

Vincenz, ſagte die Vrone nach einer Pauſe und

öffnete den Fenſterflügel wieder,Vincenz, Du weißt nicht, was Du redeſt; ſei klug, Du haſt im Traume geredet!

Im Traume? Das wäre möglich, wenn ich damals in der Nacht geſchlafen hätte, ſtatt dem Ambros nachzu ſchleichen und zu ſehen, wie er ſich nach Deiner Kammer drückte!

Das iſt nicht wahr! Das haſt Du nicht geſehen! rief Vrone mit gepreßter Stimme heftig.

So gut hab' ich's geſehen und ſo gewiß bin ich mei⸗ ner Sache, daß ich hingeh'n will und Alles vor Gericht beſchwören, wenn Du nicht von heut' an Deine Gunſt mir wieder ſchenken willſt!

Verlier' den Verſtand nicht, Vincenz, und mach' fort! Ich bin Braut, Du weißt es und ich darf nichts weiter von Dir wiſſen!

Aber ich will von Dir wiſſen! Ich bin mit Niemand