Jahrgang 
1857
Seite
538
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fähigen Ländern ſtärker hervortreten. Dr. Barth hat in ſeinem zweiten Band die Gewerbthätigkeit der Stadt Kano in Sudan geſchildert und unter den europäiſchen Waaren, die daſelbſt ge⸗ ſucht ſind, auch rothes Tuch aus Sachſen, Glasperlen von Vene⸗ dig, Spiegel, Nadeln und Kurzwaaren aus Nürnberg, Schwert⸗ klingen von Solingen und Raſirmeſſer aus Steiermark aufgeführt. Es liegt, zumal für Oeſtreich, ſehr nahe eine gute Verbindung mit Sudan über Aegypten hergeſtellt zu wünſchen, zumal da der Transport durch die Wüſte von Tripolis aus, wie die neueſten traurigen Ereigniſſe zur Genüge darthun, für Europäer ſehr ge⸗ fährlich und die Communikation durch den Niger oder Kuara noch nicht hergeſtellt und wohl auch vorzugsweiſe für engliſche Zwecke vorbehalten iſt. Zwiſchen Aegypten und dem öſtlichen Sudan beſteht bereits ein Verkehr, der immer mehr an Bedeu⸗ tung gewinnt, und ſich namentlich von der Einfuhr europäiſcher Produkte nährt. Die türkiſche Regierung hat freilich bis jetzt nichts gethan, um eine Verbeſſerung der Verkehrsſtraße herzu⸗ ſtellen: es käme vor allen Dingen darauf an, die Flußſchifffahrt zwiſchen Aegypten und Chartum zu reguliren, d. h. ſämmtliche Nilkatarrakte zu ſprengen. Da dieß ſo raſch nicht zu erwarten ſteht, ſo muß man hoffen, daß die Durchſtechung der Landenge von Suez, welche doch nicht für immer aufgehalten werden kann, dem Handelsverkehr nach Sudan eine neue Richtung geben werde. Bis jetzt ging der Hauptverkehr die Nilſtraße hinauf. Der Nil iſt aber nur von Juni bis Oktober für größere Schiffe fahrbar, durch eine Menge Stromſchnellen zwiſchen Berber und Aſſuan gefährlich, weshalb der größte Theil der Waaren den Weg zwiſchen Berber lund Koroso zu Lande durch die Wüſte macht. Ein weit praktiſcherer Verkehrsweg wäre von Suez zu See nach Suakin, von Suakin aber auf bequemen Karawanenwegen über Fokar, das waſſerreiche Thal der Baraka, den Chor⸗al⸗Gaſch und ſeine Verzweigungen nach Berber oder Chartum. Dieſer Verkehrsweg kommt neuerdings um ſo mehr in Aufſchwung, je mangelhafter die Transportverhältniſſe auf der Nilſtraße ſind.

Unter den Schriften der Neuzeit, welche bemüht ſind, ein⸗ zelne Fachwiſſenſchaften in populärer Darſtellung auch dem Laien zugänglich zu machen, verdient ein Werk hervorgehoben zu wer⸗ den, deſſen erſtes Bändchen eben erſchienen. Es trägt den Titel: Aerztliche Hausbücher von Karl Weller, pract. Arzt in Dresden und beginnt mit einer Abhandlung über das Auge. Der Verfaſſer gibt in einer gedrängten, allgemein faßlichen Zu⸗ ſammenſtellung lehrreiche Mittheilungen über die einzelnen Theile des Auges und ſeine Pflege und Erhaltung in krankem wie ge⸗ ſundem Zuſtande. Die Wahrung unſerer Geſundheit und ſo⸗ mit die menſchlich mögliche Verlängerung unſeres Lebens hängt im Grunde nur von Kleinigkeiten ab, welche allerdings vernach⸗ läſſigt zu den unheilvollſten Uebeln werden können. Es wird ſomit auf ſolche Schriften, die uns zu dieſem Zwecke auf Wiſſen⸗ ſchaft und Erfahrung begründete Fingerzeige liefern, die uns ge⸗ rade auf jene ſcheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten hinweiſen, ohne den Menſchen zum Hypochonder machen zu wollen, welcher pedantiſch jeden Lebensgenuß vorher mediziniſch zerlegt, auf der⸗ artige geſunde Schriften wird mit Recht Werth gelegt. Manches auf dieſem Gebiete erſcheint heut zu Tage, welches man als Char⸗ latanerie erkannt und als ſolche raſch vergeſſen wird, aber von Erſterem iſt dieſes Werk des ſtrebſamen Verfaſſers ſchon in ſeinem Beginn grade das Gegentheil und wird ſomit auch ſicher vor Letzterem bewahrt bleiben. Das Ganze wird etwa 8 Bändchen umfaſſen à 10 Ngr. und iſt der Ertrag des eben erſchienenen einem wohlthätigen Zweck gewidmet.

Der Redakteur desArbeitgeber, Max Wirth in Frank⸗

furt a. M. gibt einen Bericht über den Erfolg ſeines gerade vor einem Jahr gegründeten Unternehmens, in welchem er ſagt, daß es ihm allerdings gelungen ſei ein Centralorgan für Arbeit und Arbeiter, gleichſam eine allgemeine Arbeitsbörſe zu gründen, ein Blatt nämlich, welches, in allen induſtriellen Kreiſen Deutſch⸗ lands geleſen, eine wahre Ausgleichung der Nachfrage nach Ar⸗ beit und nach Arbeitern zu vermitteln im Stande ſei. Herr Max Wirth will ſich aber mit dieſem Reſultat keineswegs be⸗ gnügen, ſondern er hat ſich kein geringeres Ziel geſetzt als die Entfernung des Pauperismus auf dem Wege eines praktiſchen Experiments. Dieſes Experiment beſteht darin, daß derArbeit⸗ geber überall geleſen wird, wo es Geſchäfts⸗ und Erwerbs⸗ branchen gibt, deren Arbeiter nicht an die Scholle gebunden ſind, kurz daß, wenn nicht Jedermann, doch wenigſtens jede Familie auf den Arbeitgeber abonnirt, wodurch derſelbe in den Stand geſetzt zu werden hofft allen Arbeitsloſen Arbeit und allen Arbeiterbedürftigen Gehilfen zu verſchaffen. Wir wollen, ſagt Herr Max Wirth, durch ein Paar Sätze be⸗ weiſen, daß wir mit unſerer Behauptung auf dem ehernen Grund der wiſſenſchaftlichen Principien und der Thatſachen und nicht auf dem der Phraſe fußen. Mit wenigen Ausnahmen gibt es in unſern civiliſirten Staaten keinen Hungertod mehr, nur Armuth. Die vorhandene Lebensmittelmaſſe reicht zur Ernäh⸗ rung der Bevölkerung hin. Die Armen werden ernährt, ob ſie arbeiten oder nicht. Unter dieſen Armen iſt gewiß die Hälfte arbeitsfähig und ein großer Theil der andern Hälfte wäre nicht arm oder nicht arbeitsunfähig geworden, wenn er immer Arbeit gehabt hätte. Die mit Willen Arbeitsſcheuen und die Krüppel oder die der Arbeit völlig unfähigen ſind in der Minderzahl. Es gibt Induſtriezweige, deren Betriebsfond nur aus Arbeits⸗ lohn d. h. aus der Nahrung für die beſchäftigten Arbeiter beſteht. Die Auslagen für dieſe Nahrung werden in den Produkten der Arbeiter wieder erſetzt und können im nächſten Jahre wieder ver⸗ wendet werden; die Auslagen für die Nahrung der arbeitsfähigen Armen ſind verloren. Könnten dieſe Armen Arbeit bekommen, dann würde jene Summe erhalten. Die Armenſteuer hat im Jahr 1856 in England 70 Mill. Gulden betragen. Nehmen wir an, daß die Hälfte der unterſtützten Armen arbeitsfähig geweſen, ſo hätte dieſelbe mit 35 Mill. als Betriebskapital induſtriell be⸗ ſchäftigt werden können, wenn ein Mittel vorhanden wäre, um induſtriellen Capacitäten immer den rechten Unternehmer und dem Unternehmer immer das genügende Arbeitsperſonal zur Ver⸗ fügung zu ſtellen. In ſolchem Falle aber wären die jetzt ver⸗ lorenen 35 Mill. am Ende des Jahres mit Gewinn wieder er⸗ ſchienen. Im zweiten Jahre hätte man ſchon 70 Mill. ſammt den Zinſen der Hälfte zur Dispoſition, im vierten Jahre 105 Mill. ſammt den Zinſen. Nach wenigen Jahren käme eine ſo große Summe heraus, um welche der induſtrielle Betriebsſtamm der Nation vermehrt worden wäre, daß man bald allein mit deren Zinſen die Arbeitsunfähigen ernähren könnte. Der Gedankengang des Herrn Max Wirth iſt ganz einfach: um den Pauperismus zu entfernen, bedarf es nichts als das unproduktiv verzehrte Capital und die brach liegende Arbeitskraft mit einander in Verbindung zu bringen zu produktiver Thätigkeit; dieß ge⸗ ſchieht, wenn derArbeitgeber von allen Arbeiter⸗ und Be⸗ ſchäftigungſuchenden geleſen und benutzt wird, ergo wird der Arbeitgeber, ſofern das Publikum ihn nur unterſtützt, den Pau⸗ perismus beſeitigen. Wir unſrerſeits halten den Arbeitgeber für ein ſehr gutes, verdienſtliches und empfehlenswerthes Unter⸗ nehmen, wenn wir auch vorläufig noch zweifeln, ob es ihm ge⸗ lingen werde, den Pauperismus zu verbannen nnd wenn wir auch in der Argumentation des Herrn Max Wirth einige weſent⸗ liche Zwiſchenglieder vermiſſen.

Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſecke* Heprient in Leipzig.