b
ͤ“
537
Wo blieb Preußen? Wo Oeſterreich? Vollkommen beſeitigt ſcheint jenes im europäiſchen Areopag; vollkommen vereinſamt dieſes im Syſtem der europäiſchen Politik. Gewiſſe Stimmen mit autoritätiſchem Nimbus, deren deutſcher Patriotismus er⸗ bärmlich genug iſt, in jeder Zurückſetzung Oeſterreichs eine Ge⸗ nugthuung für Preußen zu erblicken, jubelten ſelbſt zu der neuen Conſtellation, gleich als ob nicht Deutſchlands Ehre und Macht⸗ ſtellung das Ziel einer deutſchen Politik ſein könne, ſondern als ob es ſich nur darum handeln dürfe, daß Oeſterreich und Preußen in gleicher Weiſe vom Ausland— behandelt würden. Die Jämmerlichkeit der Anerkennung und Verherrlichung des fait accompli um jeden Preis trat dem Vaterlandsfreundeerſchrecken⸗ der und beſchämender als jemals entgegen; die ſogenannten Ver⸗ treter einer ſogenannten deutſchen Politik ſtanden bereits voll⸗ kommen in Poſitur, den ſtuttgarter Triumph der franzöſiſch⸗ ruſſiſchen Continental⸗Autokratie als Deutſchlands herrlichſte Zukunftshoffnung zu preiſen, weil als vollendeten Ausſchluß Oeſterreichs. Von Glanz und freundlichen Schmeichelreden be⸗ rauſcht, tanzten die Bacchanten des preußiſch⸗-öſterreichiſchen Dualismus über die ſchlecht und flüchtig überdeckte Kluft hinweg, in welche der ganze Begriff einer ſelbſtſtändigen Zukunft Deutſch⸗ lands, ob auch nicht augenblicklich, doch im unvermeidlich ſchei⸗ nenden Fortſchritte der Dinge unrettbar hinabzuſinken drohte.
Unterdeſſen rauſchte, ſchillerte und blendete die Pracht der Kaiſerconferenz in Stuttgart. Im ſtolzeſten Style wurde ſie von den Offiziöſen gefeiert, in himmelnden Poemen prieſen hungrige Gelegenheitsdichter ſelbſt in deutſcher Zunge den vereinten Flug des franzöſiſchen mit dem ruſſiſchen Adler.„Napoleon III. auf dem Gipfel ſeiner Macht“ war eine Art von loyaler und wohlge⸗ fälliger Loſung in manchem ſüddeutſchen Lande, ſelbſt die Sehn⸗ ſucht altersſchwacher Greiſe nach der Helenamedaille ward als
rühmlicher Monarchismus und Patriotismus drapirt. Das Selbſtbewußtſein und die Begriffsverwirrung ſchien kaum tiefer ſinken, das franzöſiſche Triumphbewußtſein kaum höher ſteigen zu können.
Da plötzlich klirrt es der Telegraph durch die Welt: unmit⸗ telbar von der ſtuttgarter Conferenz eilt der Zar zum Zuſammen⸗ treffen mit dem Kaiſer von Oeſterreich. Einen Moment ſchwankt die Wahl des Ortes zwiſchen Dresden und Weimar. Man wählt den letzteren Ort, aus welchem vor Kurzem, vom offiziöſen Jargon verſpottet, vom Volke aller Orten aufathmend empfangen, bei einem nationalen Feſte feurige Mahnungen an Deutſchlands Einheit erklangen; in Thüringen wird durch Oeſterreichs Kaiſer Deutſchland vertreten, wie wenige Tage früher Frankreich von ſeinem Kaiſer in Schwaben.
Deutſchland?—— Vermögt Ihr dieſe Zweifelsfrage dem deutſchen Volke zu verargen. Oeſterreich hat uns zu oft zu⸗ gerufen:„Warte nur mein liebes Kind“ u. ſ. w. Wir haben lang, allzulang warten müſſen, als daß wir jetzt in Jubel aus⸗
brechen könnten. Nur Eines können wir im Momente des Er⸗ eigniſſes bereits deutlich erkennen: die franzöſiſchen Triumphlie⸗ der ſind plötzlich abgebrochen, die für Deutſchland nicht minder als für Oeſterreich drohende Kluft zwiſchen den beiden Oſtreichen ſchließt ſich unter dem Händedrucke der beiden Herrſcher. Aber das Erdreich darüber wartet noch der Saat des Heiles für Deutſch⸗ land. Wird Oeſterreich ſie in wahrhaft nationalem Sinne aus⸗ ſtreuen und nicht in jenem Sinn, der einſt die Metternich⸗Neſſel⸗ rodeſche Saat entſtehen ließ? Das Ammenliedchen, das uns durch den Sinn geht, hat einen ominöſen Schluß. An Oeſterreich iſts heute, zu beweiſen, daß auch ſeine neue Zeit der Kindheit ent⸗ wuchs, nicht bloß für Oeſterreich, ſondern für Deutſchland.
Was beliebt.
Arnold Ruge's Idealismus iſt offenbar durch die Ereigniſſe der letzten Jahre nicht im Geringſten erſchüttert worden, denn er zeigt jetzt eben das Wiedererſcheinen der halle'ſchen Jahr⸗ bücher an. Iſt ſchon dieſer Gedanke ein Idealismus der un⸗ glaublichſten Art, ſo iſt es noch merkwürdiger, daß er auf eine Subſcription von 1000— 1200 Abonnenten hofft; und wenn er wirklich von dieſer Zahl das Erſcheinen abhängig macht, ſo darf man überzeugt ſein, daß die Welt nie eine Nummer zu ſehen be⸗ kommt. Wir fürchten von keiner Seite widerlegt zu werden, wenn wir behaupten, daß die halle'ſchen Jahrbücher zur Zeit ihrer größten Blüthe niemals 1000 Abonnenten hatten. Es iſt überhaupt nicht ſo leicht in Deutſchland, für eine wiſſenſchaft⸗ liche Zeitſchrift im Preis von 9 Thalern auch nur 500 Abonnen⸗ ten zu erhalten. Wir zweifeln nicht, daß Hr. Arnold Ruge ſchon mit 400 Abonnenten ans Werk gehen wird, aber ſelbſt für dieſe möchten wir keine Garantie übernehmen. Uebrigens iſt Hr. Ruge durch und durch preußiſch, d. h. gothaiſch, und es läßt ſich gar nicht recht begreifen, warum er ſich nicht geradezu mit den Go⸗ thanern vereinigt, die jetzt wieder eine neue Zeitſchrift:„preu⸗ ßiſche Jahrbücher“ gründen, die von Haym redigirt werden
werden ſollen. Wozu ſich denn eine ganz verderbliche Concur⸗
renz machen, wenn man einig im Ziele iſt!
Auf die Stuttgarter Conferenz iſt alſo wirklich die Zuſam⸗ menkunft in Weimar gefolgt, und wir waren perſönlich Zeuge der Ankunft des Kaiſers von Oeſtreich in der Stadt, in welcher Carl Auguſt's deutſcher Geiſt noch lebt, wir ſahen ihn nach
2*
Belvedere zum Zaren hinausfahren, und an deſſen Seite ins hieſige Schloß zurückkehren. Die Enttäuſchung der franzöſiſchen Blätter und des Nord iſt groß. Fragt man uns nach der Be⸗ deutung dieſer Zuſammenkunft, ſo können wir allerdings nur mit der öſtreichiſchen Preſſe antworten: ſie bedeutet Friede. Unter Friede iſt aber nur eine Negation zu verſtehen: kein Krieg. Die Gefahr eines ruſſiſch⸗franzöſiſchen Bündniſſes gegen Deutſchland iſt für den Augenblich beſeitigt: das iſt aber V auch Alles. Es iſt nichts Poſitives gewonnen. Es iſt der Cha⸗ rakter unſerer Zeit, daß ſie alle großen Fragen in der Schwebe läßt und der künftigen Generation auf die Schultern ladet. Wie lang ein ſolches Syſtem möglich iſt, kann Niemand wiſſen. Wir würden aber misverſtanden, wenn man glauben wollte, wir leugnen die große Bedeutung der Weimarer Zuſammenkunft. Dieſe Thatſache, zuſammen mit der Haltung der deutſchen Preſſe, iſt ein ſehr wohlthätiger Dämpfer auf die übermüthigen Rodo⸗ montaden der franzöſiſchen Preſſe. Nur darf man nicht glauben, die Frage der Herzogthümer oder der Donau⸗Fürſtenthümer ſei jetzt geordnet. Die hieſige Kaiſerzuſammenkunft bedeutet eben nur, daß dieſe Fragen in der Schwebe bleiben. Die Intereſſen Rußlands und Oeſtreichs verharren in ihrem Zwieſpalt. Dieſer kann nicht durch perſönliche Zuſammenkünfte gelöſt werden.
Die Erforſchung des inneren Afrika, der ſich in der letzten Zeit ſo viele Europäer gewidmet haben, und die ſchon ſo viele Opfer gefodert hat, läßt den Werth von Handelsverbindungen Europas mit jenen fruchtbaren, der reichſten Produktion


