Jahrgang 
1857
Seite
536
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hörig angebaut wird, was nur die alten Pachtverträge hin⸗ dern, wird unſre Colonie zu ſeltner Bedeutung aufblühen und Hunderttauſende von Einwandrern ernähren können. Bis dieß aber durch Geſetze neu geregelt iſt, muß von der

gleich erwägen, daß das Pfund Brod 3 Pence, das Pfund Butter 3 Schilling, der Centner Kartoffeln 11 Schilling, das Dutzend Eier 5 Schilling koſtet. Unſer Correſpondent, welcher ein kleines Comptoir, ein Reitpferd, und einen Einwanderung entſchieden abgerathen werden. Auch in Schreiber, der zugleich Pferdeknecht iſt, hält, führt folgende den Goldminen können nur noch Leute mit Capital arbeiten. V nothwendige Wochenausgaben auf:

Der gewöhnliche Arbeiter ſchlägt im gewöhnlichen Falle nur NR s,.

das Aben erans Unter 503 hat vielleicht Einer einmal Pfd. Sterl. Kichlr

R ür Comptoir ein beſonderes Glück. Nur wer große Maſchinen anwenden Kuandeanidin mitriran Logis 1 10 kann, hat mehr Wahrſcheinlichkeit guten Erfolges. Ein Futter ꝛc. für das Pferd 2 2 deutſcher Landsmann in meiner Nähe, Ballerſtedt aus Koſt für Herrn und Schreiber 2 10 Magdeburg, iſt vom Glück ſehr geſegnet geweſen. Seine Taſchengeld 1 Mine liegt bei Bendigo. Er hat ſeit zwei Jahren vielleicht

Wöchentlich zuſammen 8 Pfd. St. 12 Schill.

Die Druckſchriften aus Melbourne erzählen von einem Vortrage des auf Koſten des Königs von Bayern reiſenden Innächſt behaupten ſie zwar, es ſei ſtarke Nachfrage nach Profeſſor Neumayer über die Theorie des Erdmagnetismus, Arbeitern; dies wird aber ſehr abgeſchwächt, wenn man fin⸗ welche großen Beifall gefunden. Ferner berichten ſie, daß det, daß die Löhne im letzten Juni durchaus gegen den März die LiedertafelHarmonie ebendaſelbſt am 11. Mai den geſunken waren. Verheirathete Paare ohne Familie können Tod Schillers gefeiert und daß Profeſſor Damm, wahr⸗ 70 80 Pfd., weibliche Dienſtboten 25 35 Pfd., Gärtner ſcheinlich der ehemalige Reichstagsabgeordnete, eine Rede 56 60 Pfd., Schäfer 35 40 Pfd. per Jahr, Ackerbau⸗ dabei gehalten habe. Ein neuer Beweis, daß wo Deutſche knechte 20 30 Schill. per Woche verdienen. Das iſt nach ſich in größerer Anzahl verſammeln, alsbald ein Singverein unſern Begriffen freilich ein hoher Lohn, aber man muß zu- entſteht und der Cultus von Schillers Genius gepflegt wird.

2500 Unzen Goldes(1000,000 Pfd. Sterl.) gewonnen. Soweit unſer Brief. Die beiliegenden Druckſachen aus Melbourne enthalten ebenfalls einige intereſſante Notizen.

X

. Aus dem Weltleben.

An unſerem ſchweren Blutemuß es liegen, daß wir Deutſchen

gar ſo melancholiſche Ammenmärchen und Ammenlieder haben,

von denen der Eine dieſes, der Andere jenes ſein ganzes langes Leben nicht los wird. wir eigentlich ſehr tiefſinnige Gedanken erſchaffen ſollten, kommen ſie uns immer von Neuem in den Sinn, wie lang verlorene Melodien und es knüpft ſich daran mehr Stimmung und Grübeln, als folgerechtes Denken und Ueberlegen. Heinrich Heine, der doch keiner der ſchlechteſten unter Deutſchlands beſten Dichtern war, ſang z. B. mit dem Refrain eines Ammenliedes,Sonne, du klagende Flamme eines ſeiner ſchönſten Gedichte. Leider haben ſie es ſeiner Zeit preßpolizeilich verboten, darum ward es deſto eifriger geleſen und gelernt. Schreiber dieſer Zeilen rühmt ſich des ſeltenen Ruhmes, ein hochverehrliches Publikum niemals mit Gedichten incommodirt zu haben; aber ſeinen Ammenvers trägt er trotzdem mit ſich herum. Eigentlich iſts eine Ballade von einem ſehr hungrigen, aber wunderbar geduldigen Kinde, welches ſeine Eltern um Brot bat. Auf ſeine erſte dringende Bitte antworteten die Eltern:

Warte nur, mein liebes Kind

Morgen woll'n wir ſäen geſchwind.

Das geſäete Korn keimte, wuchs und reifte ſelbſt verhältniß⸗ mäßig raſch, aber die flehendlichen Bitten des Kindes waren doch noch raſcher und dringender auf einander gefolgt.

Und als das Brot gebacken war, Das Kindlein lag auf der Todtenbahr'

Nun giebt es in Europa ein gewiſſes, eben ſo geduldiges, juſt nicht nach Brot, aber nach andern Dingen verlangendes Volk, welchem ſeine Bitten im Verſchmachten ebenfalls mit Ver⸗ tröſtungen beantwortet werden, wie jene des Kindes. Das Volk iſt wohl noch kräftig, aber doch ſchon ſchwer angekränkelt von vergeblichem Hoffen und Harren. Sein Lebensbrot iſt ſeit langer, langer Zeit nur Täuſchung geweſen, ſein Wünſchen umſonſt,

ſein Erwarten eine immer neue Geduldprobe. Da iſt es denn

gendes für Europa, zumal nicht für Deutſchland.

mistrauiſch geworden gegen die Gaben, welche ihm mitunter über⸗ raſchend geboten werden, in trüber Zeit banger Beſorgniß, es

hat den Glauben an Manna und Wunder weſentlich eingebüßt. Bei den größten Ereigniſſen, bei denen

Solch ein Manna und Wunder überraſcht uns aber ſoeben, da

Frankreich mit Rußland Berathung gepflogen hatte über Europas Geſchicke in der Württembergſchen Hauptſtadt, Berathungen, von denen Deutſchlands Fürſten ferngehalten worden waren,

Berathungen, welche alle ſchiedsrichterliche Gewalt vollkommen fraglos und ausſchließlich für die Kaiſer des Oſtens und Weſtens zu uſurpiren ſchienen. Freilich hatte uns die gewohnte Be⸗ ſchwichtigung in ſchönen Phraſen verſichert, den andern Macht⸗ habern ſei die gemeſſenſte Zuſicherung geworden, die ruſſiſch⸗ franzöſiſche Conferenz beabſichtige durchaus nichts Beunruhi⸗ Aber lag nicht ſchon etwas tief Demüthigendes für die Mächte Europas in ſolcher Zuſicherung, indem man ſie von der Zuſammenkunft ausſchloß? Hatte nicht der ganze protectorliche Ton etwas revol⸗ tirend Verletzendes, jener protectorliche Ton, womit die Organe

ruſſiſcher und franzöſiſcher Politik dem Publikum die diploma⸗ tiſchen Verſicherungen ihrer inſpirirenden Kabinete paraphra⸗

ſirten? Nahm nicht faſt im ſelben Momente der Stuttgarter Conferenz gerade die brennendſte deutſche Herzensfrage, die der Herzogthümer, wiederum einen Anlauf, als ſolle unſer gerechteſtes und ſtärkſtes Nationalintereſſe nunmehr bloß ein Gegenſtand von Pariſer oder Petersburger Conferenzen werden, bei denen Frank⸗ reich und Rußland den entſcheidenden Vorſitz führen? Ging's

dooch ſchon als anſtändig verhaltener, aber deſto feſter bewußter

Jubel durch die Pariſer Preſſe und mit ſtärkerem Echo durch die ruſſiſch vergoldeten Organe des nichtruſſiſchen Europa, daß nunmehr vollkommen entſchieden und feſtgeſtellt ſei, wie fürder⸗ hin einzig und allein bei Napoleon III. und Alexander II. die oberſte Entſcheidung wohne über jegliche europäiſche Frage, die hegemoniſtiſche Beſtimmung über jede innere Entwickelung aller zwiſchengelegenen Staaten.