Auſtralien und die deutſche Einmanderung.
Wir entnehmen einem Privatbriefe aus Bendigo in der Colonie Victoria vom 18. Juni 1857 nachfolgende Stellen, welche für die Kenntniß dieſer Kolonie von Intereſſe und zu⸗ gleich geeignet ſind dem Auswanderungsſchwindel einen wohlthätigen Zügel anzulegen.„Seit einem Jahre ſind die Verhältniſſe für die Leute ohne Capital ſehr ſchlimme
geworden. Tauſende von Beiſpielen von hier und aus Mel⸗
bourne könnte ich namhaft machen, daß tüchtige deutſche Arbeiter Monate hindurch außer Stand geſetzt waren, ſich ihr tägliches Brod zu verdienen. Täglich wenn ich nach meinem Comptoir gehe(der Briefſteller iſt Dollmetſcher und Sachwalter) liegen 10, 20, 30 Leute vor der Thür und wollen Arbeit nachgewieſen haben, und Wochenlang ſuchte ich vergebens nach einem Unterkommen, obwohl ich mit ſämmtlichen Arbeitgebern des Bezirkes genau und perſönlich bekannt bin. In der vorigen Woche kam ein deutſches Schiff mit 75 Mann von Melbourne herauf, mit Empfehlungen vom preußiſchen Conſul. Mit vieler Mühe gelang es mir 40 Mann davon bei den großen Landbeſitzern für 20— 25 Schilling per Woche unterzubringen; die übrigen ſind noch heute ohne Arbeit, abgeriſſen, hungernd. Dieſe Verhältniſſe können ſich hier auch nicht ändern, bevor das Landverkaufs⸗ geſetz völlig umgeſtaltet iſt, was in den nächſten 12 Monaten unter dem jetzigen Miniſterium durchaus nicht zu erwarten. Bisher nämlich giebt es in der Colonie Victoria eine Klaſſe fürſtlich großer Grundbeſitzer, ungefähr 40 an der Zahl, die in den Jahren 1843— 47 ganze Strecken Landes, oft 60 bis 80 Quadratmeilen um den geringen Preis von vielleicht 1 Schill. per Acre von der Krone pachteten, um Rindvieh, Pferde, Schafe darauf zu ziehen. Dieſe Pachtverträge wur⸗ den damals, weil eine Agrikultur⸗Bevölkerung noch nicht da war, auf 14 Jahre abgeſchloſſen. Als nun die Gold⸗ minen entdeckt wurden, Bevölkerung zuſtrömte und das Land für Ackerbauzwecke begehrt wurde, da ſtellte es ſich heraus, daß 9/10 an dieſe großen Grundbeſitzer(Squatters) verpachtet war und die Krone kein Recht habe, dieſes Land zu verkaufen. Folge davon war, daß ſeither nur ſehr wenig gutes Land urbar gemacht werden konnte, daß ſomit auch nur ſehr wenige Arbeiter in den Landbaudiſtricten gebraucht wer⸗ den; ferner aber auch, daß*/10 der Lebensmittel vom Aus⸗ land bezogen werden mußten zu enormen Preiſen, endlich daß die Regierung, weil ihr /10 des Landes faſt nichts, d. h. nur einen ganz geringen Pacht eintrugen, auf die andern Artikel, wie Lebensmittel, Arbeit, Geld enorme Steuern zu legen ge⸗ zwungen war. So kommtes, daß die Colonie, trotz der enormen Goldausfuhr von 60,000 Unzen per Woche(2,400,000 Pfd. Sterl.) durchſchnittlich berechnet, die ärmſte iſt, welche Eng⸗ land beſitzt. Seit ungefähr zwölf Monaten iſt die Einwan⸗ derung hier ſehr ſtark geweſen! Die Folgen davon wurden ſo ſtark gefühlt, daß es zunächſt in den Goldminen zur Re⸗ volution kam und England gezwungen wurde, der Colonie ihr eigenes vollſtändig unabhängiges Parlament und dieſem das Recht zu geben, ein eigenes verantwortliches Miniſterium ſelbſt zu wählen. Allein nicht auf einmal laſſen ſich tief ſitzende Uebel beſeitigen. Im Parlament wird zwar jetzt zu Melbourne heftig für ein neues Landverkaufgeſetz gekämpft, allein es iſt noch nicht fertig. Bis dies aber der Fall iſt, bleiben die Verhältniſſe ſchlecht und ich möchte bis dahin allen Deutſchen ohne Capital unbedingt abrathen hierher auszuwandern, da von 10 9 die allertraurigſten Aus⸗ ſichten haben, und ſich unendlich glücklich ſchätzen würden,
wenn ſie nur wieder zurückkehren könnten. Ganz anders ſtellt ſich die Sache für die, welche Geld haben. Sie können es auf erſte Landhypothek zu 20— 30 Prozent ausleihen, ſomit mit einigen tauſend Thalern in kurzer Zeit ein anſehn⸗ liches Vermögen erwerben. Freilich iſt auch dann noch immer Vorſicht und Erfahrung nöthig. Sonſt iſt allerdings unſere Colonie außerordentlich raſch vorgeſchritten. Melbourne, vor 3 Jahren ein unbedeutender, unregelmäßig gebauter Ort, hat jetzt 100,000 Einwohner, und kann ſich in Ge— bäuden, Anlagen u. ſ. w. mit jeder Stadt Europas meſſen. In Luxus und Lebhaftigkeit übertrifft es Leipzig ſelbſt zur Meßzeit. Bendigo, ebenſo wie drei bis vier andere Städte, an deren Stelle vor drei bis vier Jahren nichts als Wald und Zelt ſtand, zählt jetzt 30— 40,000 Einwohner, be⸗ ſteht faſt ganz aus ſteinernen Häuſern. Eiſenbahnen wer⸗ den nach allen Richtungen gebaut, Telegraphenlinien ins Innere gehen nach allen wichtigen Plätzen; die ſchwarzen Eingebornen verſchwinden mehr und mehr und man hat jetzt ſchon 50(engliſche) Meilen weit zu gehen, bis man einzelne findet, während ſie vor 2 Jahren noch zu Hunderten hier herumſchwärmten, und ich ſelbſt einen Eingebornen als Haus⸗ knecht hielt. Die europäiſchen Berichte über dieſe Eingebornen ſind meiſt falſch, weil ſie von den Küſtenpunkten aus aufge⸗ nommen ſind, wo ſie ſchon durch ſogenannte„Civiliſation“ leiblich und geiſtig ruinirt ſind. Kommt man dagegen ins Innere, wo ſie in Stämmen zuſammenleben, ſo findet man nicht nur meiſt wohlgewachſene Männer und Weiber, ſon⸗ dern ich habe ſie auch, ſelbſt wenn ich nur in Begleitung eines einzigen Weißen war, ſtets edel und gaſtfrei gefunden. Sie fangen Fiſche oder Enten, weiſen dem Gaſt eine Hütte an, entzünden ein Feuer und thun Alles, um es ihm behag⸗ lich zu machen. Wochenlang habe ich mit ihnen unter einem
Dache gewohnt und geſchlafen für einige Stangen Tabak, da es verboten iſt, ihnen Geld zu geben und habe mich ſehr wohl unter ihnen befunden. Ihre Sprache iſt wohllautend durch die Menge von Vokalen z. B. Moama, Burraburra (Ortsnamen). Sie glauben an einen guten und einen böſen Geiſt, verehren aber auch viele untergeordnete Weſen, Naturkräfte, und ſind der Meinung, daß die Verſtorbenen in irgend einer andern Geſtalt, ſei es als Menſch oder Thier zurückkehren. Hieraus erklärt ſich zum Theil ihre Gaſtfreundſchaft. Ich ſelbſt habe mehrmals auf meinen Reiſen die Erfahrung gemacht, daß ein ganzer Stamm mir zu beweiſen ſuchte, ich ſei der ſelige König Bill. Was den Boden betrifft, ſo ſind allerdings unermeßliche Ebenen ſo verbrannt von Hitze und Dürre, daß nichts darauf fort⸗ kommt. Aber in anderen Gegenden haben wir die ſchönſten ſchiffbaren Ströme, z. B. den Murray, auf welchem jetzt acht Dampfbote gehen, der Lachlan, Edwards, Goulboure, wir haben Gebirge wie die Snowy Alps, die Pyrenäen, die was romantiſche Scenerie, liebliche Thäler u. ſ. w. betrifft, ſich mit jedem Gebirg Deutſchlands meſſen können; in der Nähe von dieſen Gebirgen und Flüſſen aber ein Land, das, in Verbindung mit ſeinem herrlichen Klima, jedes deutſche Land an Ueppigkeit und Fruchtbarkeit übertrifft, wo die Früchte Preußens und Neapels auf demſelben Boden gezogen werden, in einer fabelhaften Maſſe und Größe. Kartoffeln zieht man zwei Mal des Jahres. Der Wein gedeiht herr⸗ lich und wird ſeit einem Jahre ſehr ſtark angebaut, ſo daß gute Weingärtner ſehr geſucht ſind und 2— 3 Pfd. in der
Woche verdienen. Sobald das anbaufähige Land auch ge⸗


