Jahrgang 
1857
Seite
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kann auf die Frage, was ſind Tuberkeln, nur die Antwort geben: es ſind knotige Geſchwülſte, welche ſich vorzüglich in den Lungen und Lymphdrüſen, doch auch in andern Orga⸗ nen, ſelbſt in den Knochen bilden und bald vereinzelt in der Größe eines Hirſekorns bis zu der einer Erbſe auftreten, bald ſich in unregelmäßigen Maſſen anhäufen, bald wie eine vollſtändige Infiltration des ergriffenen Gewebes erſcheinen. Anfangs in halbflüſſiger Geſtalt ſich bildend, werden die Tuberkeln, wo ſie auch entſtehen, allmählig conſiſtenter, käſe⸗ artig; indem ſie auf dieſe Weiſe, wenn in größerer Menge vorhanden, das ergriffene Organ unwegſam machen, bildet ſich in ihrer Umgebung eine eigenthümliche Entzündung. Dieſe erzeugt in einem Fall, wenn die Tuberkelmaſſe nicht zu groß iſt oder kein neuer Nachſchub von Tuberkelbildung folgt, abſchließende Kapſeln, in denen der Tuberkelſtoff ſich gewiſſermaßen verknorpelt. Dann kann der noch geſunde Theil des Organs ſeine Functionen, freilich mit um ſo viel verminderter Energie fortführen, als der tuberkulöſe Verluſt an Gewebe beträgt. Es kehrt alſo eine relative Geſundheit zurück, obgleich niemals vollſtändige Brauchbarkeit des einmal erkrankt geweſenen Organs. Im andern und leider viel häu⸗ figeren Falle erweiſen ſich aber die Tuberkeln durch den Ent⸗ zündungsprozeß des umgebenden Gewebes, gehen in Ver⸗ jauchung und Vereiterung über und zerſtören gewöhnlich das Organ, worin ſie ihren Sitz haben. Denn Vernarbungen der Eiterhöhlen ſind ſehr ſelten, um ſo ſeltener, je zarter das von der Tuberkuloſe ergriffene Organ iſt.

Vollkommen unklar iſt man vollends über die veranlaſ⸗ ſenden Momente der Tuberkelbildung. Nur zuweilen tritt ſie als Erzeugniß eines rein örtlichen Prozeſſes, abhängig vom Zuſammenwirken rein örtlicher Verhältniſſe auf. In dieſem Falle iſt freilich noch die günſtigſte Prognoſe zu ſtel⸗ len. Aber um ganz ehrlich zu ſein, muß man eingeſtehen, daß dieſe örtliche und beſchränkte Tuberkuloſe im Leben nur ſelten mit Beſtimmtheit erkannt wird. Und wenn ſie ſelbſt erkannt wäre, ſo könnte auch der erfahrenſte Arzt nicht ſa⸗ gen: dieſe Tuberkuloſen ſind bloß lokaler Natur und werden es bleiben. Denn abgeſehen davon, daß immer eine Neigung des Organismus vorhanden ſein muß, um beim Zuſammen⸗ treffen örtlicher Schädlichkeiten gerad Tuberkeln und kein an⸗ deres Produkt zu bilden, kommt noch hinzu, daß dieſe, ſelbſt wenn ſie nur örtlich entſtanden, bei der geringſten Veranlaſ⸗ ſung geneigt ſind, ſich von Organ zu Organ fortzupflanzen. Viel häufiger iſt darum der andere Fall, nämlich daß die Tuberkeln ſich in verſchiedenen Organen ohne erkennbare Ur⸗ ſachen bilden, von immer neuen Tuberkelbildungen gefolgt ſind und endlich durch organiſche Zerſtörungen oder durch Aufhebung der functionellen Thätigkeit wichtiger Lebensor⸗ gane den Tod herbeiführen. In dieſem Falle geſteht die Wiſſenſchaft, indem ſie von einer tuberkulöſen Diatheſe, von tuberkulöſer Anlage u. ſ. w. ſpricht, daß ſie die Gründe die⸗ ſer Erſcheinung nicht zu erreichen vermag.

Den Leſern dieſer Blätter iſt nicht zuzumuthen, daß ſie uns in das Labyrinth der wiſſenſchaftlichen Unterſuchungen folgen, welche bemüht ſind, den Grund einer ſolchen Tuber⸗ kelſucht aufzuſpüren. Nur auf die Thatſachen der Erfahrung iſt hinzuweiſen; ſie ſind erſchreckend genug. Denn Tuber⸗ kelſucht iſt die häufigſte aller bekannten Krankheiten. Selbſt bloß auf die(allerdings gewöhnlichſte) Tuberkelbildung in den Lungen, die man gewöhnlich Lungenſchwindſucht nennt, kommt ein volles Fünftel aller Todesfälle. Kein Le⸗ bensalter iſt von ihr verſchont, kein bedeutender Unterſchied herrſcht zwiſchen den Geſchlechtern hinſichtlich ihrer Häufig⸗ keit, unter keinem Himmelsſtriche iſt ſie ſelten. Die Beob⸗

achtung, daß ihr im Allgemeinen doch mehr Frauen als Männer anheimfallen, modifizirt ſich wohl weſentlich dadurch, daß das Weib ſeiner ganzen Natur nach öfter als der Mann von der Tuberkelkrankheit direkt zum Tode geführt wird. Aber das Leiden an ſich iſt im männlichen Geſchlechte ſchwerlich ſeltener. Dagegen läßt ſich eine gewiſſe auf und abſtei⸗ gende Skala der Häufigkeit des tuberkuloſen Erkrankens nach dem Lebensalter aufſtellen. Vor dem erſten Zahnen iſt der Ausbruch der Tuberkelſucht und namentlich der Lungen⸗ tuberkuloſe verhältnißmäßig ſelten. Im Zahnalter wird am häufigſten eine mehr örtliche Tuberkelbildung in jenen Drü⸗ ſen beobachtet, welche die großen Aeſte der Luftröhren vor ihrem Eintritt in das Lungengewebe umgeben. Vom zweiten bis etwa zum vierzehnten Jahre ſind zwar tuberkulöſe Ab⸗ lagerungen in den Lungen nicht ſelten, doch ſelten tödtlich. Treten aber bis hierher keine Zeichen der Tuberkuloſe auf, ſo iſt der Organismus ungefähr bis zum zwanzigſten Jahre ziemlich geſichert davor. Dagegen beginnt jetzt eine ſehr ge⸗ fährliche, zu Tuberkelbildungen und raſch tödtlichem Krank⸗ heitsverlaufe äußerſt geneigte Lebensperiode. Sie erreicht ihren Culminationspunkt mit dem vollen Mannesalter, alſo ungefähr mit dem dreißigſten Jahr. An und in den Drei⸗ ßigern ſterben die meiſten Tuberkulöſen. Von da an vermin⸗ dert ſich allmälig die conſtitutionelle Neigung zu Tuberkel⸗ krankheiten, vom funfzigſten bis etwa zum fünfundſechzigſten Jahre iſt die Gefahr ſchon weſentlich verſchwunden, noch ſpäter tritt die Tuberkuloſe nur ausnahmsweiſe auf.

Und giebt es kein Lebensverhältniß, keine Leibesbeſchaf⸗ fenheit, welche wenigſtens einige Garantie gegen das Heran⸗ ſchleichen oder den plötzlichen Ueberfall dieſer Seuche bietet? Die bisher erkannten Garantien ſind großentheils wiederum Krankheiten, welche beinahe mit gewiſſer Todesgefahr drohen. Krebskranke ſah man faſt niemals tuberkulös werden; ſehr ſelten auch Solche, welche ihren Organismus durch übermä⸗ ßigen Genuß geiſtiger Getränke zerrüttet haben(Säuferdys⸗ kraſie); ſelten endlich Solche, welche an chroniſchen Herz⸗ oder Magenkrankheiten leiden. Ziemlich ſicher ſind ferner kropfige, bucklige, extrem magere und frühzeitig ſehr fette Menſchen.

Weit mannichfaltiger geſtalten ſich dagegen die Umſtände, Verhältniſſe, Gelegenheiten und Veranlaſſungen, von denen die Entwicklung der Tuberkelſucht begünſtigt wird. Und zwar kommt es hierbei nicht bloß auf die Leibesbeſchaffenheit und Lebensumſtände Derer an, welche noch leben und ſcheinbar geſund ſind, ſondern auch auf die Schickſale und Vergangen⸗ heit der Familie, in welcher ſie geboren wurden. Denn die tuberkulöſe Anlage iſt ſehr häufig ein ererbtes in der ur⸗ ſprünglichen Conſtitution begründetes, gleichſam angebornes Siechthum. Vornämlich begründen aber zwei Krankheiten der Eltern, einerlei ob beider, oder bloß der Mutter oder des Vaters, die von der Erfahrung äußerſt gerechtfertigte Sorge, daß die Kinder einer ſolchen Ehe zu tuberkuloſen Leiden ge⸗ neigt ſind. Die eine derſelben iſt ausgeſprochene Skrophel⸗ ſucht; die andere jenes furchtbare Leiden, deſſen wachſende Häufigkeit großentheils in den ſozialen Misſtänden unſe⸗ rer Gegenwart bedingt iſt, die Luſtſeuche. Sie übt aber ihre Nachwirkung nicht etwa bloß, wenn ſie bei der Eingehung der elterlichen Ehe noch nicht gänzlich getilgt war, oder in verdächtigen und unklaren Leiden wenigſtens noch ihre Schat⸗ ten in das eheliche Leben hereinwarf. Nein, ſelbſt in Fäl⸗ len, wo ſie gänzlich verſchwunden ſchien. Aber auch noch eine andere Thatſache, welche nur allzuhäufig von unſeren ſozia⸗ len Mißzuſtänden bedingt iſt, die Verheirathung in einer relativ ſpäten Lebensperiode, hat man in ſehr vielen Fällen als Gelegenheitsurſachen für die Entwicklung einer tuberku⸗