löſen Diatheſe bei den Nachkommen annehmen zu müſſen geglaubt. Ob nun ferner Ehebündniſſe von ſehr ungleichem Alter der Gatten oder bei ſehr großer Jugend beider Theile wirklich mit gleichem Rechte zu den Begründungsurſachen einer tuberkulöſen Dispoſition der Kinder zu zählen ſind, muß wohl erſt noch durch weitere Beobachtungen feſtgeſtellt
werden. Dagegen unterliegt es kaum einem Zweifel, daß
ſelbſt in ganz geſunden Familien durch fortgeſetzte Verhei⸗
rathungen innerhalb naher Verwandtſchaftsgrade allmählich
eine krankhafte Verkümmerung des Geſchlechts mit vorwie⸗ gender Neigung zur Tuberkuloſe ſich entwickelt. (Fortſetzung folgt.)
Die Weinleſe.
Skizze von S. D.
Wann Droſſel und Lerche ſcheiden, wann ſich die Wipfel
des Laubwaldes in allerlei bunten Schattirungen färben, dann zieht, gleich einem ſüßen Abſchiedsgruß, ein wunder⸗ barer Hauch von Poeſie über unſere Thäl führt eine Reihe wunderſchöner Herbſttage herauf, ſo duftig und weich, wie keine andern im Kreiſe des deutſchen Jah⸗
res. Und willſt Du, lieber Leſer, in dieſer Herbſtpoeſie
Dich einmal recht berauſchen, ſo richte Deine Schritte dahin, wo die Reben wachſen, wo der Jubel der Weinleſe ſchallt, und tauſend fröhliche Herzen dem jungen Freudebringer ent⸗ gegenſchlagen. Man muß die Tage ſelbſt in ſolchen Ge— genden durchlebt haben, meinen Luſt, der tollen Laune, men, in denen ſich alle Stände vereinigen, um das Feſt zu einem ächt volksmäßigen zu machen. Kommt beſonders die Ausſicht auf ein gutes Gewächs hinzu und iſt das Wet⸗ ter ſchön, ſo erſcheint dem Fremden das Treiben wahrhaft bacchantiſch.
So erging es mir, als ich zum erſtenmal an einem pracht⸗ vollen Octobertage in X... eintraf, wo ich, nach vollendeten Univerſitätsſtudien, meine Laufbahn im Juſtizdienſte begin⸗ nen ſollte. Schaaren heiterer Menſchen ſtrömten aus den Thoren und vertheilten ſich auf den Pfaden, die nach dem Weingebirg führen, welches im maleriſchen Hügelkranze das reiche, vom Fluß durchſtrömte Thal umſchließt. Die Leſe war im vollen Gange, und Jung und Alt auf den Beinen, ihr Theil an dem Feſte nicht zu verſäumen. Sobald als möglich machte auch ich mich auf den Weg nach einer beliebten Bergwirthſchaft, welche denjenigen zum Mittelpunkt diente, die in den Privatbeſitzungen ihrer Freunde nicht in Anſpruch genommen waren. Das ausgelaſſenſte Treiben herrſchte überall, Böllerſchüſſe und Muſik begrüßten die An⸗ kommenden, Moſt und Wein floſſen in Fülle. Um die zier⸗ lichen Landhäuſer auf den Bergen, an den Weinhängen mit ihren grünen Rebſtöcken und Spalieren, die Felsſtiegen her⸗ auf und hinunter war Alles von Menſchen belebt, und zwiſchen feinen Geſellſchaften trieb luſtiges Geſindel aller Art ſein Weſen.
Einen Ueberblick über das Ganze zu gewinnen, erſtieg ich den Bergkamm, deſſen Gipfel dichter Buchenwald bedeckte. Gedämpft ſchallten die Töne des Feſtes in die ſtille Wald⸗ einſamkeit, und eine eigenthümliche Stimmung beſchlich mich, wie ſie das Gefühl der Vereinſamung in der allgemeinen Luſt mit ſich zu bringen pflegt. Ich ſtand ſo fremd, ſo allein unter den vielen Fröhlichen, in deren Freude ich doch ſo von ganzem Herzen gern eingeſtimmt hätte. Doch ich mußte an den Rückweg denken, und folgte nun im Herabſteigen einem felſigen Gerinne durch dichtes Geſtrüpp, welches plötzlich im
9 cE
er und Berge, und
um einen Begriff von der allge⸗ der Gaſtlichkeit zu bekom⸗
I
als mich ein überraſchendes Bild feſſelte. Dicht an der Faſſung des Brunnens erblickte ich zwei liebliche Mädchen⸗ geſtalten. Ohne den Lauſcher zu ahnen, ſchnitt die eine ihren Namenszug in die Rinde der jungen Eſche, die den Rand des Waſſers ſäumte, und die andere ſchaute zu, ſie traulich umſchlingend. So unerwartet, und doch ſo im Ein⸗ klange mit dem heimlichen Plätzchen ſtellte ſich mir die rei⸗ zende Gruppe dar, wie eine Erſcheinung, wie ein Paar jun⸗ ger Nixen, die aus dem Quell aufgetaucht, geheimen Zauber übten, die Söhne der Oberwelt zu umſtricken. Vorſichtig ſuchte ich mich zu nähern, allein die ſchnurrenden Steine unter meinen Füßen verriethen mich, und mit einem Schrek⸗ kensrufe entflohen die Mädchen die Stiege hinauf, die zu dem benachbarten Weinberge führte, wo ſie ſich der dort ver⸗ ſammelten Geſellſchaft anſchloſſen. Alle Träumerei von mir abſtreifend, war ich ſogleich entſchloſſen, mich in jenem Kreiſe einzuführen und kehrte raſch nach der Reſtauration zurück. Ein blinder Lautenſpieler gab meinen Plänen eine beſtimmte Richtung. Gern überließ mir der Mann gegen ein Trinkgeld ſein Inſtrument und den grünen Blend⸗ ſchirm, der den obern Theil des Geſichts verbarg, der Wirth aber ſchaffte einen weiten Ueberrock herbei, der Wuchs und Anzug vollkommen verdeckte. So geleitete mich die kleine Führerin des Blinden nach dem Berge, der, wie ich erkun⸗ dete, dem Großhändler Feldner gehörte, einem der ange⸗ ſehenſten Kaufleute des Orts. Als wir uns auf der Terraſſe, welche das geräumige Landhaus mit den geſchmackvollen Gartenanlagen enthielt, der Geſellſchaft näherten, erkannte ich meine Dämchen ſogleich, eine Blondine, wie ſich ergab die Tochter vom Hauſe, und deren Freundin Emilie. Unſer Erſcheinen fiel Niemanden auf, und wir wurden an einem beſondern Tiſche freigebig bewirthet. Fühlte ich mich durch den ganzen Auftritt ſchon ungewöhnlich angeregt, ſo bewirkte die Milde, die man mir als Bedürftigem erwies, beſonders aber das Mitgefühl, mit welchem die Augen der Mädchen auf mir ruhten, daß ich mich ganz in die angenommene Rolle verſetzte. Der Keckheit, mit welcher ich die Myſtifikation begonnen, iſchte ſich eine Weichheit der Stimmung bei, als rege ſich Weinen und Lachen zugleich in meiner Seele, und nach einigen einleitenden Griffen ſang ich die folgenden Strophen nach einer bekannten Melodie.
Der Blinde auf der Leſe.
Die Freudenernte ſchallt im Thal, Daran ſich alle Weſen laben,
Und auch der Arme naht zumal, Sein karg beſchieden Theil zu haben.
Ich trete ſchüchtern vor euch hin,
jähen Abſturz endete, in deſſen Tiefe der Quell zu Tage kam, der die Bergbewohner mit Trinkwaſſer verſah. Die Schlucht war ſchattig und ſtill, und faſt hatte ich den Grund erreicht,
Ich kann euch nicht in's Antlitz ſchauen, Zu ſpähen eures Herzens Sinn, Ob ich der Milde darf vertrauen.


