kungen vorausgeſchickt, da wir den vorliegenden Aufſatz„die Schwindſucht“ überſchrieben. Jedermann weiß, welches Lei⸗ den gemeint iſt. Dennoch iſt es ein ganz falſcher und von der modernen Wiſſenſchaft mit vollſtem Rechte zurückgewie⸗ ſener Name. Jeder halbwegs gebildete Laie in der Medizin würde es kopfſchüttelnd leſen, wenn man unter dem Namen „das Fieber“ eine ſelbſtändige Krankheit beſchreiben wollte. Denn er weiß, daß Fieber niemals ein ſelbſtändiges Erkran⸗ ken, ſondern immer und überall nur hinzutretendes Sym⸗ ptom irgend einer Erkrankung iſt. Auch die„Schwindſucht“ i*ſt nichts anderes. Ja, das allmählige Schwinden der Mus⸗ kulatur und Organenthätigkeit iſt ſelbſt recht häufig ein ganz normales, wenn ein geſundes Leben in hohem Alter allmäh⸗ lig zur Neige geht. In dieſem Falle ſind wir gewohnt, die Schwindſucht„Altersſchwäche oder Marasmus“ zu nennen, und denken weder an unſern ererbten Begriff von Schwind⸗ ſucht, noch an Krankheit überhaupt; wir ſehen darin einen regelmäßig zum Ende laufenden Lebensprozeß. So lebhaft wehrt ſich ferner der gewöhnliche Sprachgebrauch vor der richtigen Anwendung von„Schwindſucht,“ daß er ſelbſt da, wo dieſe, ohne erkennbares Grundleiden, eine der Gliedma⸗ ßen oder eines der Organe ergriffen hat, höchſtens die Be⸗ zeichnung„Schwund“ in Anwendung bringt. Wenn dage⸗ gen ein Menſch am ganzen Leibe conſequent abmagert, zu⸗ ſammenſchwindet, dabei huſtet und reichlich auswirft, ſo glaubt ſich Jeder berechtigt, ihn als ſchwindſüchtig zu be⸗ zeichnen. Und dennoch irrt er ſo oft.
Trotzdem haben auch in der Medizin die Namen Schwind⸗ ſucht, Auszehrung, Phthiſis Jahrhunderte lang ſich feſt und unerſchüttert forterhalten. Ja, ſchon lang nachdem man es wußte, daß die Abzehrung nur von rein ſymptomatiſcher Bedeutung iſt, während das Weſen der ſo benannten Krank⸗ heit auf der Neigung des Organismus zu beſtimmten Abla⸗ gerungen eigenthümlicher Maſſen in den Lungen, Drüſen u. ſ. w. beruht, konnte ſich die Wiſſenſchaft von dem über⸗ kommenen Namen noch nicht trennen. Und wenn ſie auch ſeit etwa einem halben Jahrhundert dahin gekommen iſt, nicht mehr die Abzehrung, ſondern ausſchließlich jene krank⸗ haften Ablagerungen zum Gegenſtand ihrer Forſchungen zu machen, ſo iſt ſie doch noch nicht mächtig genug geweſen, im größeren Publikum mit der richtigen Bezeichnung des Krank⸗ heitsprozeſſes auch klarere Anſichten über deſſen Grundwe— ſen zu verbreiten. Den meiſten Nichtärzten iſt noch heute der Begriff„Tuberkuloſe“ für Schwindſucht eben ſo fremd, als etwa„Enterohelkoſis“ für Unterleibstyphus.
Hier nahm und nimmt man die ganz unweſentliche Be⸗ täubung(25909) anſtatt der bedingenden Geſchwürsbildungen im Darmkanal für das ſpezifiſche Krankheitsmoment; dort die erſt nachfolgende, vom Allgemeinleiden abhängige Abzeh⸗ rung des Körpers(phthisis), nicht die dahin führende Ab⸗ lagerung käſig⸗kreidiger Maſſen(tubercula) in den Orga⸗ nen. Hätte aber die allgemeine Kenntniß vom innern Baue des Menſchen im großen Publikum gleichen Schritt gehal⸗ ten mit dem Vorſchreiten der Wiſſenſchaft in der Kenntniß und Würdigung der krankhaften Veränderuugen, denen die Organe unterworfen ſind, ſo würde es jetzt weit minder ſchwierig ſein, einen allgemeinfaßlichen Begriff vom Grund⸗ weſen der ſogenannten Schwindſuchtskrankheiten zu geben.
Wie wenig jedoch trotzdem dem großen Publikum der feſtgehaltene Ausdruck Schwindſucht genügt, dafür zeugt am deutlichſten, daß daſſelbe ſchon ſeit längerer Zeit den Krank⸗ heitsbegriff mit beſtimmten Organen verbindet. Man un⸗ terſcheidet im gewöhnlichen Leben„Kehlkopf⸗, Lungen⸗, Un⸗ terleibsſchwindſuchten, ja ſelbſt Nervenſchwindſucht“ u. ſ. w.
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Damit hat allerdings die populäre Kenntniß von den Schwindſuchtskrankheiten einen Fortſchritt gemacht. Die ſpeziellere Bezeichnung verſchiedener Arten derſelben deutet darauf hin, daß auch die Laienwelt lernt, wie ein und der⸗ ſelbe allgemeine Zuſtand der äußern Körpererſcheinungen— das Hinſchwinden der Muskulatur und der Kräfte— auf einem vorausgehenden Leiden verſchiedener Organe oder Or⸗ ganengruppen beruht. Aber weil die hervortretenden Krank⸗ heitserſcheinungen dieſer verſchiedenen Organe wieder einen verſchiedenen Charakter tragen, betrachtet man ſie gewöhn⸗ lich nicht als ein und daſſelbe Grundweſen, von welchem bei⸗ läufig auch die allgemeine Abzehrung abhängt, ſondern viel öfter dieſe als eigentliches Krankheitsmoment, durch welches das ſcheinbar beigeſellte Leiden der verſchiedenen Organe be⸗ dingt oder doch genährt wird. Darin liegt wieder eine neue Verkehrung des Begriffes von den geſammten Schwind⸗ ſuchtskrankheiten.
Denn man kann es nicht oft genug wiederholen, daß die Sucht des Körpers hinzuſchwinden, kein und in keinem Falle ein ſich ſelbſtändig entwickelndes und geſtaltendes Lei⸗ den iſt, ſondern immer und überall bedingt durch länger vor⸗ ausgegangene Störungen in der regelmäßigen Function der Organe. Selbſt jene Schwindſucht des hohen Alters, welche wir Alle als normales allmähliges Aufhören des Lebens be⸗ trachten, beruht, wie die anatomiſchen Zergliederungen be⸗ weiſen, auf ſehr weſentlichen Abweichungen verſchiedener Organe von ihrer geſunden Beſchaffenheit. Ebenſo laſſen ſich häufig gleiche organiſche Veränderungen als Urſachen der partiellen Schwindſuchten(Gliederſchwund) nachweiſen; und wo die Wiſſenſchaft dies nicht vermag, da muß ſie offen ein⸗ geſtehen, daß eben ihre anatomiſche, phyſiologiſche, patholo⸗ giſche, chemiſche Kenntniß noch nicht weit genug vorgedrun⸗ gen iſt. Analogien beweiſen dies am beſten. Jeder Arzt wird Fälle erlebt haben, wo eine ganze Reihe von Krank⸗ heitsſyſtemen auf ſehr beſtimmte Veränderungen ſehr be⸗ ſtimmter Organe hinwies; und wenn der Kranke erlag, ſo fand die Leicheneröffnung weder die erwarteten, noch über⸗ haupt irgendwelche Veränderung der Organe, welche ſich krank geäußert hatten, noch auch irgend eines andern Körper⸗ theiles. Tollwuth iſt ſicherlich eine entſetzliche Krankheit; aber die anatomiſche Unterſuchung vermochte noch durchaus keine Affection der Organe zu erkennen, welche auch nur ent⸗ fernt die grauſenhafte Heftigkeit der vorangegangenen Leiden erklärt. Oder um von einer ſelbſtändigen Krankheit zu reden: die Fallſucht(Epilepſie) ſetzt durchaus keine anatomiſche Ab⸗ normität im Gehirn und Rückenmark voraus. Ebenſowenig kann man dieſe in andern Organen nach Hypochondrie, Hy⸗ ſterie, Rheumatismus und dergl. mehr conſtant nachweiſen. Trotzdem iſt die Ueberzeugung nicht im Geringſten erſchüt⸗ tert, daß alle dieſe Leiden auf Abweichungen der normalen Functionen des Körpers beruhen, welche ihren Grund wie⸗ der nothwendig in Anomalien der organiſchen Bildungen haben.
Bei den ſogenannten Schwindſuchtskrankheiten iſt man glücklicher geweſen; man hat die Ablagerung des oben erwähnten Tuberkelſtoffes überall und immer als die eigentliche Grundkrankheit erkannt. Damit hat man in der Erkenntniß der Krankheit allerdings einen bedeutenden Vor⸗ ſchritt gemacht. Aber man ſteht zugleich vor einem neuen Räthſel. Denn die natürlichſte Frage iſt: was ſind Tuber⸗ keln, wie, warum entſtehen ſie? Auch die ſchärfſte Forſchung hat bisher noch nicht vermocht, eine dieſer drei Fragen genü⸗ gend zu löſen. Ihnen gegenüber kann ſich die Heilkunde vorläufig nur als Erfahrungswiſſenſchaft verhalten. Sie


