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Marienhütte eine große Anzahl von Dampfmaſchinen, Pumpen, Hammern, Oefen u. ſ. w. vorhanden.
Das Ausbringen der beiden Hohöfen betrug im Jahre 1856 für die Gießerei und den Walzwerksbetrieb 106,200 Ctnr. Roheiſen in 102 Schmelzwochen. Vom gekauften
Roh⸗ und alten Eiſen ſind 1856 über 30,000 Ctnr. Guß⸗
waaren in 52 Wochen für die Unterhaltung des Walzwerks und für du Debit erzeugt worden. Beim Walzwerk
ſind im Jahre 1856 überhaupt 255,000 Centner fertiges Fabrikat, größtentheils in Eiſenbahnſchienen, Tyres, und Zweifel, daß die Königin Marienhütte das Königreich Sachſen unter den Eiſenwerken— ſelbſt dem Auslande
Laſchen⸗ und Platteneiſen beſtehend, hergeſtellt und in den Handel gekommen.
Die Anzahl ſämmtlicher Arbeiter auf Königin Marien⸗ hütte beträgt gegenwärtig circa 1200 Mann exeluſiv der Bergleute auf Eiſenſtein. Der techniſchen und kaufmänniſchen Oberleitung ſteht der Generalbevollmächtigte und Procura⸗
träger der von Arnim'ſchen Berg⸗ und Hüttenverwaltung, Herr Oberhüttenmeiſter Schildbach als Disponent vor.
Unter demſelben leitet der Herr Hüttenmeiſter von Lilienſtern die Betriebsführung der Coaksanſtalt, die Hoh⸗ öfen und das Walzwerk mittelſt 7 coordinirter Beamten und 20 ſubordinirter Offizianten. Die Leitung des Bergbaues iſt dem Herrn Bergfactor C. J. Richter und unter dieſem Herrn Schichtmeiſter Helſig mit 5 Ober⸗ und 20 Unter⸗ ſteigern übertragen.
Nach alle dem Angeführten unterliegt es wohl keinem
gegenüber— würdig vertritt und durch weitere Ausdehnung der Betriebsbranchen für Keſſelplatten, Walzeiſen ꝛc. allen
Anforderungen der großen Maſchinenfabrikbeſitzer des In⸗
landes genügen wird.
Aus der Krankenſtube. III. Die Schwindſucht.
Einer der geiſtreichſten und humanſten Aerzte unſerer
Gegenwart ſtellte vor Kurzem in einer Abhandlung über die modernſten Entwicklungen der Medicin den Satz auf: ihre nothwendige Zukunft und Aufgabe ſei es, Allgemeingut zu werden, Zubehör der allgemeinen Bildung jedes Einzel⸗
nen. Der Satz klingt kühn, und dennoch iſt er eine Wahr⸗
heit. Wundert ſich heut Jemand, wenn man dieſelbe Stel⸗ lung für Geſchichte, Geographie, Naturwiſſenſchaften im Allgemeinen in Anſpruch nimmt? Die Nothwendigkeiten der umgeſtalteten Lebensverhältniſſe und neu entſtandenen Be⸗ dürfniſſe haben es herbeigeführt. Hätte aber noch zu unſerer Väter Zeiten Jemand gerad dieſe Entwicklung der Allgemein⸗ bildung gefordert, man hätte ihn als einen zwar wohlmei⸗ nenden doch ganz unpraktiſchen Phantaſten bezeichnet. Wenn
wir nun jenen Ausſpruch in Bezug auf die Heilkunde voll⸗
ſtändig unterſchreiben, ſo müſſen wir es motiviren, damit man uns nicht mißverſtehe. Nicht inſofern kann die Medi⸗ zin jemals zur Allgemeinheit werden, daß Jedermann Re⸗ zepte verſchreiben, auscultiren, perkutiren, kunſtrecht verbin⸗ den, operiren u. ſ. w. könne. Darin beruht jedoch auch nicht ihr Weſen, ſondern nur ein Theil ihrer praktiſchen Aus⸗ übung. Dagegen muß jeder Arzt, um endlich zur Praxis ſchreiten zu können, den Bau des Organismus, Zweck und Ineinandergreifen der verſchiedenen Organengruppen und Organentheile kennen, muß mit dem materiellen Gange des Lebens bekannt und klar ſein über die Wechſelwirkungen, von denen das Leben erhalten, in Geſundheit fortgeführt oder zur Krankheit übergeleitet wird. Nur aus dieſer Kenntniß heraus vermag er dem abgeänderten Lebensprozeſſe, welchen wir Krankheit nennen, mit Kunſtmitteln zu begegnen. Aber weit entfernt, daß dieſe Kunſtmittel immer in der Apotheke zu ſuchen wären, genügt es oft ſchon, das Leben des Erkrank⸗ ten ſo zu regeln, daß die nicht erkrankten Organe zu ver⸗ mehrter Thätigkeit angeregt, die angegriffenen in Minder⸗ thätigkeit verſetzt werden und ſo allmählig jene Ausgleichung der geſammten Körperthätigkeit ſich wieder herſtellt, welche wir Geſundheit nennen. Vor Allem und über Alles gilt es aber, den Uebergang der Lebensprozeſſe in Krankheit zu ver⸗ hüten, alſo namentlich beim Einzelnen nach jener Seite wach⸗ ſam zu ſein, nach welcher bei ihm die Neigung zum Erkran⸗ ken geht. Das Erkennen dieſer individuellen Neigung, das
Bemeſſen der Lebensordnung danach beim Geſunden, das Modifiziren der Behandlung des Erkrankten nach dieſer ſpe⸗ ziellen Vorausſetzung wird immer nur die Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft Desjenigen bleiben, der ſich dieſes Studium zur Le⸗ bensaufgabe macht und zu Beobachtungen an Vielen Gele⸗ genheit hat. Dagegen können und müſſen die allgemeinen, in der geſammten Beſchaffenheit der Menſchennatur gelege⸗ nen Bedingungen für geſundes und krankes Leben allmählig zu einer Wiſſenſchaft Aller werden. Heut fragt der Unter⸗ ſuchungsrichter bei jedem wichtigeren Falle den Arzt um Rath, um nach den Gemüths⸗ und Körperzuſtänden des An⸗ geklagten den Grad ſeiner Zurechnungsfähigkeit für ſeine That zu beſtimmen. Schon aber regt ſich der Gedanke und wächſt einer klareren Entwicklung entgegen, daß auch das Le⸗ ben der Völker in ſeinen verſchiedenen Geſtaltungen keines⸗ wegs unabhängig iſt vom Einfluſſe allgemeiner, weitverbrei⸗ teter, körperlicher Zuſtände. Wir würden hinzufügen kön⸗ nen„gemüthlicher und geiſtiger Zuſtände,“ wenn überhaupt die Wiſſenſchaft ſo weit vorgedrungen wäre, ſich ebenſo über ein Bild vollkommen normaler Beſchaffenheit der Seele, wie des Körpers zu verſtändigen; wenn ſich vor Allem die Wech⸗ ſelwirkungen zwiſchen Geiſt und Körper auf beſtimmte, faß⸗ bare, beweisbare Urſachen zurückführen ließen; wenn nicht die Wiſſenſchaft von der Seele noch in den allererſten An⸗ fängen ſtünde. Trotzdem hat man bereits mit großem Scharf⸗ ſinn nachgewieſen, wie manche Volkserſcheinungen der Ver⸗ gangenheit, z. B. die Geislerfahrten, die Bilderſtürmerei und dergl. viel wahrſcheinlicher von krankhaften Körperzu⸗ ſtänden abhingen und nach Art der Epidemien ſich verbreite⸗ ten, als daß bloß eine zufällige Erregung und Verbreitung fanatiſcher Vorſtellungen zu den bekannten hiſtoriſchen Er⸗ ſcheinungen geführt. Ja ſelbſt das Jahr 1848 aus ähnli⸗ chen Urſachen zu erklären, blieb nicht unverſucht.— Indeſ⸗ ſen hier gerathen wir auf vorläufig noch ganz dunkle und abſeits gelegene Gebiete. Aber vergegenwärtigen wir uns dagegen den Begriff„Nationalität.“ Was iſt er denn am Ende anders, als eine beſtimmte Modiſication der körperli⸗ chen und geiſtigen Erſcheinungen, herbeigeführt durch die be⸗ ſtimmten äußern und innern Verhältniſſe, unter denen die⸗ jenigen Maſſen leben, die wir als Nationen zuſammenfaſſen?
Nur beiläufig und faſt zufällig wurden dieſe Bemer⸗


