Jahrgang 
1857
Seite
521
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wie manchem baroniſirten Bürger: zu Haus belächelt man ſeinen ſtolzen Namen und in der Fremde gilt er doch für etwas Rechtes. Aber auch im Weinberge des Herrn hat es reichliche Früchte gegeben. Wie ſie am Rhein kaum Fäſſer genug haben für das flüſſige Feuer der Rebe, ſo hatten die Zeitungen kaum Spalten genug für den fluthenden Redeſtrom, der ſich aus der Verſamm⸗ lung der evangeliſchen Chriſten zu Berlin und aus dem Wohl⸗ thätigkeitscongreß zu Frankfurt ergoß freilich nicht immer wie flüſſiges Feuer, aber doch äußerſt flüſſig. Die Herren ſind mit dem Bewußtſein guter Lungen, vortrefflicher Mägen und frommer Wünſche wieder bei ihren Hauspenaten angelangt, um künftiges Jahr im ſchwarzen Frack dieſelben Proben mit der⸗ ſelben chriſtlichen Geduld abzulegen. Ueberhaupt, faſt alle Fach⸗ genoſſen, polizeiliche, eiſenbahnliche, alterthümliche, geſchichts⸗ forſchende, bierbrauende, apothekernde, ſchneidernde, natur⸗ wiſſenſchaftliche, ſtatiſtiſche, augenärztliche ꝛc. haben mit Eifer getagt; nur die Lehrer der heranwachſenden Jugend es iſt bezeichnend für unſere ſozialen Zuſtände konnten die angeſagte Verſammlung nicht abhaltenwegen Mangel an Theilnahme, oder wegen eines andern Mangels, der beſchämend genug für Diejenigen iſt, welche die Schullehrergehalte zu normiren haben. Man hat ſich natürlich in allen dieſen Verſammlungen höchſt zufrieden erklärt mit den Jahresreſultaten, wenn auch noch einige Erwartungen unbefriedigt blieben. Uns übrigen profanen Erdenſöhnen, die wir uns nicht verſammelten, ziemt alſo wohl auch die beſcheidene Anſrage nach den Ergebniſſen einiger poli⸗ tiſchen Intereſſen, die zwar nicht unſeres Amtes, aber doch, ſo zu ſagen, unſeres Rechtes ſind. Es giebt zwar Zeitungen und Leute, die verſichern, wir Publicum hätten nach unſern eigenen Angelegenheiten gar nichts zu fragen, in Stuttgart und Darm⸗ ſtadt ſei dies Alles von den Kaiſern Frankreichs und Rußlands und ihren Premierminiſtern in beſte Ordnung gebracht. Da⸗ gegen müſſe der engliſch⸗indiſche Kampf alle unſere Gedanken abſorbiren, denn das ſei ein Kampf um die Macht des Chriſten⸗ thums in Aſien. Sehr ſchön, und wahrſcheinlich auch ſehr weiſe! Nur denkt man dabei unwillkührlich an jenen Vereinzur Kindheit Jeſu, für welchen die katholiſchen Schulkinder ganz Europas wöchentliche Kreuzerſammlungen freiwillig machen müſſen, um einmal im Jahre von dem Herrn Katecheten zu hören, daß in China und auf allerlei unbekannten Inſeln von den hochwürdigen P. P. Miſſionären ſo und ſo viel heidniſche Kinder für die alleinſeligmachende Kirche angekauft worden ſeien. Das mag nun den frommen Gemüthern ſehr wohlthun, gleich wie uns etwa einer der unfindbaren engliſchen Siege in Oſtindien. Aber damit werden die heimiſchen Zuſtände vorläufig eben ſo wenig geändert, als etwa die holſteiniſche oder donaufürſten⸗ thümliche oder irgend eine noch intimere Angelegenheit unſerer nationalen und politiſchen Politik durch Delhi's Fall oder der⸗ gleichen. Offen geſtanden, der größte Theil von uns weiß von den oſtindiſchen Zuſtänden und Verhältniſſen gerad nicht mehr, als die kreuzerzahlenden Schulkinder vom Miſſionsweſen in China. Es iſt mühſam zuſammengeklaubtes Skizzenwerk, wel⸗ ches in keinem Leſer ein lebendig klares Bild erbauet. Geſteht es neueſtens doch Times, Daily News und manches andere eng⸗ liſche Organ offenherzig ein, daß man felbſt in England von den intimeren Verhältniſſen, deren ſchreckliche Kundgebung jene Revolutionskämpfe, kaum einen entfernten Begriff habe. Und wenn wir ihn hätten, wir in Deutſchland, und wenn wir es wüßten, wir in Deutſchland, durch welche Einflüſſe jener Brand emporgeblaſen würde was könnten wir thun? Ja, wir dürf⸗ tens nicht einmal ſagen, was wir wüßten, wie jüngſt noch die franzöſiſche Verwarnung über die deutſche Kritik der donau⸗ fürſtenthümlichen Verhältniſſe bewieſen hat.

Dagegen wiſſen wir es ganz wohl und dürfen es vorläufig

auch noch ſagen, worum es ſich in Holſtein⸗Lauenburg handelt, wenn auch das Ding ſelber, nämlich des deutſchen Volkes gutes Recht, unſerer praktiſchen Erfahrung fremder und fremder ge⸗ worden ſein könnte. Wie weit hat nun das Jahr dieſe Ange⸗ legenheit gefördert? Genau auf dem Standpunkte verharren wir, wie vor zwei, drei, vier, fünf Jahren. Nur in mancher Be⸗ ziehung ſchlimmer; denn die Kaiſerconferenz in Stuttgart hat nach franzöſiſch⸗ruſſiſchem Intereſſe Beſchluß gefaßt über Deutſch⸗ lands Recht. Oder blicken wir nach den Donauländern, deren Verhältniſſe eben wegen der Donau ein ſo wichtiges deutſches Intereſſe ſind, daß ſelbſt der Bundestag, ja ſogar Preußen ſich verpflichtete für die darauf bezüglichen Friedensgarantien des orientaliſchen Kriegs wie weit iſt man dort gelangt? Frank⸗ reich und Rußland haben ſich verſtändigt, Oeſterreich iſt iſolirt, der preußiſche Geſandte iſt aus Conſtantinopel, der preußiſche Commiſſar aus den Donauländern abgereiſt. Und nachdem die Wahlen zum Divan unioniſtiſch gefallen, ſtehen die Dinge genau noch auf demſelben Punkte, wie ſie am 30. März 1856 geſtellt waren. Nur hat Oeſterreich kein Heer mehr in der Moldau⸗Walachei, hat England wegen Indiens keinen militä⸗ riſchen Nachdruck für ſeine politiſchen Begehren, hat der erſte Eindruck friedlicher Verſtändigung von damals auf allen Seiten neuen Verſtimmungen Platz gemacht. Als damals der Pariſer Friede geſchloſſen war, ging auch eine Hoffnung durchs Land, die deutſch⸗öſterreichiſche Zolleinigung werde raſchen Schrittes ihrer Vollendung nahen; und Oeſterreich hatte im Voraus viel, ſehr viel dafür gethan. Aber erfolglos blieben die Wiener und Berliner Conferenzen dafür, ebenſo erfolglos der Berliner Zoll⸗ vereinscongreß. Das Jahr muß enden, ohne daß auch in dieſen materiellen Fragen ein Wunſch Gewähr, eine Hoffnung Er⸗ füllung gefunden......

Man hat jedoch anſtatt deſſen entſetzlich viel Denkmale auf⸗ geſtellt. Nach Zeitungsnotizen, die gewiß noch lückenhaft ſind, wurden in England 14, in Frankreich 7, in Skandinavien 3, in Rußland 5, in Deutſchland,(wie man es eben rechnet) 35 bis 42 Enthüllungen, nämlich von Denkmalen ausgeführt. iſt alſo Alles für bedeutende Menſchen, energiſche Naturen, epoche⸗ machende Kräfte, das ſind eigentlich lauter ſteinerne Eingeſtänd⸗ niſſe, daß uns heute das fehlt, was jene waren.... Doch der deutſche Troſt bleibt nicht aus, denn Vieles iſt ja heute beſſer, als damals. Wir erfinden ja tagtäglich Wunderdinge, haben Eiſenbahnen, Telegraphen und Paßkarten, Preßpolizeien und Preßbureaus, bauen Klöſter in Pommern und ſepariren die Todtenäcker confeſſionell, zahlen den Ruſſen ihre Eiſenbahnen und mauern den Franzoſen ſteinerne Rheinbrücken, kurz, wir rühren uns beſtens und ſind bereits im ſchönſten Zug ein großes Volk zu ſein, als deſſen erſtes Symbolum am 17. Oktober der Bundestag zu Frankfurt nach zehnwöchentlichen Ferien zu⸗ ſammentreten wird in einem Bundespalaſte, welchen Oeſterreich neu anſtreichen ließ. Um aber ſo recht eigentlich alle Vortheile und Vorzüge unſerer Gegenwart zu fühlen, iſt es nothwendig, daß man Kulturgeſchichte treibe. Der Verein dafür iſt da; er wurde zur Nachfeier des Goethe⸗Schillerfeſtes in Weimar ge⸗ boren. Wer jedoch für deſſen Studien keine Zeit hat, der leſe unterdeſſen ein Stücklein Kulturgeſchichte im reizendſten novel⸗ liſtiſchen Gewande.Der Reichspoſtreiter in Ludwigsburg heißt das Buch und Robert Heller ſein Verfaſſer. Vom Herzog Eberhard Auguſt von Würtemberg und ſeinem Hofhalt mit der Gräfin Würben erzählt es, auch von des Landes Noth, die man heute nicht ſchildern dürfte, und von heute unmöglichen Artikeln desReichspoſtreiters, der ſich allmählig zurFrank⸗ furter Poſtzeitung herankultivirt hat. Das Buch iſt unter den belletriſtiſchen Herbſtfrüchten die früheſte. Sie iſt ſchmackhaft und aromatiſch, eine echte 1857 er Traube.

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