Jahrgang 
1857
Seite
522
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Engliſche Blätter erinnern bei Gelegenheit von Macaulay's Peerſchaft an die Auszeichnungen, welche in früheren Zeiten literariſche und künſtleriſche Berühmtheiten in England erlangt haben: eine Beförderung in's Oberhaus iſt nicht darunter. Das Höchſte iſt die Erhebung zu Rittern(Knights). Carl I. machte Rubens und Van Dyk zu Rittern, Carl II. den Baumeiſter Chriſtoph Wren, Königin Anna Iſak Newton, Georg I. den Journaliſten Richard Steele, Georg IV. Walter Scott. Die großen Geſchichtsſchreiber des früheren England Hume, Gibbon, Robertſon blieben Plebejer. Ein würdiges Seitenſtück zu dieſer königlichen Auszeichnung für Macaulay bilden die wohlgelun⸗ genen Bemühungen von Dickens, Will. Ruſſel und Andern, um durch öffentliche Vorleſungen und Vorſtellungen die Zukunft der Familie des kürzlich arm verſtorbenen Humoriſten Douglas Jerrold ſicher zu ſtellen. Bereits liegen als Frucht dieſer Be⸗ mühungen 2000 Pfd. St. beim Bankhauſe Coutts und Cie, um in eine Jahresrente für die Wittwe und die einzige unverheira⸗ thete Tochter verwandelt zu werden.

Man findet jetzt auch in franzöſiſchen Blättern Anklänge der Strenge, mit welcher vor einiger Zeit die neue preußiſche Zeitung Béranger vom ſittlichen Standpunkt aus beurtheilt hat. So ſagt die Revue des deux Mondes:Man prüfe nur einmal den Dichter in ſeinen Werken etwas näher: in ſittlicher Hinſicht hat er zuweilen das Heiligſte im Menſchen profanirt. Sein Ideal in der Liebe erhebt ſich nicht über einen gewiſſen alltäg⸗ lichen Epicuräismus; ſein philoſophiſches Ideal beſchränkt ſich

auf einen heitern, leichten Deismus. Auch läßt ſie es nicht an einigen bittern Seitenhieben auf das heutige Frankreich fehlen, dem gerade dieſer Dichter der liebſte geweſen:das Pariſer Volk, ſagt die Revue, bildete ein Spalier auf ſeinem Heimgang, da es bis zu ſeiner letzten Behauſung ihm nicht folgen konnte; die

Jugend windet ihm Kränze, und gleichwohl haben wir, als wir dieſe Ehrenbezeigungen ſahen, nicht ohne Schmerz uns erinnern

ter der Jugend genannt zu werden. Liſette beſungen, er hatte dieNächte, dieHoffnung in Gott geſchrieben; er iſt ſtill heimgegangen, begleitet von einigen Freunden, ohne daß man nöthig hatte, Maßregeln zu treffen um die Maſſen in reſpectvoller Entfernung zu halten.

Eine bedeutſame Erſcheinung zeigt ſich in Bulgarien: ein theilweiſer Abfall von der griechiſchen Kirche. Die Bulgaren verlangten eingeborne Prieſter auch zu den höchſten geiſtlichen Stellen und da der Patriarch von Conſtantinopel dieſem Ver⸗ langen nicht willfahrt, ſondern fort und fort die Stellen, meiſt gegen Kauf, an ausländiſche Cleriker vergiebt, ſo wandten ſich die Gemüther von ihrer Kirche ab und es ſtehen natürlich ſowohl die katholiſche wie die evangeliſche Kirche bereit ſie aufzunehmen. 85 Gemeinden ſind bereits katholiſch geworden, während andre nach evangeliſchen Miſſionären verlangen.

Georg Washington erhielt einſt von einem ſeiner Officiere, der ſich zum Organ einer militäriſchen Partei hergab, einen

Brief, worin er zur Aenderung der republikaniſchen Regierungs⸗

form und zur Annahme der Königswürde aufgefodert wurde. Washington gab hierauf folgende denkwürdige Antwort;Mit einer Miſchung von Erſtaunen und Beſtürzung habe ich die mir von Ihnen vorgelegten Bemerkungen geleſen. Seien Sie ver⸗ ſichert, mein Herr, daß kein Ereigniß im Verlauf des Krieges mir peinlichere Empfindungen verurſacht hat als die Entdeckung,

Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſecke a Devrient in Leipzig.

daß in der Armee ſolche Geſinnungen herrſchen, die Sie ausge⸗ drückt haben und die ich mit Abſcheu betrachten und mit Strenge verurtheilen muß. Für jetzt ſoll die Mittheilung derſelben in meiner eignen Bruſt verſchloſſen bleiben, wenn ihre Enthüllung nicht durch eine weitere Agitation in der Sache nothwendig wird. Es iſt mir völlig unbegreiflich, welcher Theil meiner Handlungs⸗ weiſe zu einem Antrag hat ermuthigen können, der mir mit dem größten Unglück ſchwanger zu ſein ſcheint, das mein Vaterland befallen könnte. Wenn ich mich nicht in der Kenntniß meiner eigenen Gefühle täuſche, ſo hätten Sie nicht einen einzigen Men⸗ ſchen finden können, für den Ihre Plane widerwärtiger wären. Ich beſchwöre Sie alſo, wenn Sie Rückſicht auf Ihr Vaterland, auf ſich ſelbſt oder auch auf die Nachwelt nehmen oder Achtung für mich fühlen, ſo verbannen Sie dieſen Gedanken aus Ihrer Seele und vermeiden Sie es mir je wieder, aus eignem Antrieb

oder auf fremde Einflüſterung hin, dergleichen Geſinnungen zu

unterbreiten.

Die Reden, welche bei Enthüllung der Dichterdenkmale in Weimar von Schöll(für Wieland), von Heiland(für die Schiller-Goethe⸗Gruppe) gehalten wurden, ſind nun, wie zu er⸗ warten war, im Druck erſchienen. Die einfach ſchlichte Weiſe, in welcher Schön mit kurzen Zügen Wieland, den heute faſt vergeſſenen, charakteriſirte und ihm ſeine Bedeutung vindicirte, wird Jederman anſprechen und iſt auch von uns ſchon nach Ge⸗ bühr gewürdigt worden. Heiland, deſſen Rede, als ſie gehalten wurde, den Wenigſten verſtändlich war, iſt die Charakteriſirung der zwei Dichtergrößen ebenfalls gut gelungen. Er ſagt zuvör⸗ derſt von Schiller:Er war ein herrlicher, prächtiger Menſch, wie ihn ſein großer Freund nannte. Jedes Alter und jedes Ge⸗ ſchlecht hat ſich an ihm erhoben. Durch ſeine fleckenloſe Lauter⸗ keit und Wahrheit, durch die Größe ſeiner Geſinnung, durch den Ernſt, den keine Mühe bleicht, iſt er noch heute ein Führer und

Erzieher des Menſchengeſchlechtes zu den höchſten ſittlichen Zielen. müſſen, daß vor ganz kurzer Zeit ein andrer Dichter ſtarb, Alfred de Muſſet, der auch wohl einigen Anſpruch darauf hatte der Dich⸗ Dieſer hatte freilich nicht

Wer ſo wie dieſer Geiſt ringt, das ſtarre Geſetz in den freien Willen aufzunehmen und zur ſittlichen Neigung zu machen, der iſt vorgedrungen bis zu der Liebe, die des Geſetzes Erfüllung iſt. Wahrlich als der Mann ſich nach den Göttern Griechenlands ſehnte, war es ihm unbewußt, daß er ſelbſt ein Prieſter des Unſichtbaren war. Und von Göethe:Schöpferiſch anhauchend

machte er hier das Irdiſche und Vergängliche in Natur und

Leben zu einem Gleichniß des Unvergänglichen und Ewigen, dort ſang er den Abglanz des Göttlichen im Menſchlichen, als ob er jenes ſelber geſchaut. Die gewaltige Kraft des Menſchengeiſtes und die Nichtigkeit der Erdengeſchlechter, wie ſie Aeſchylos und Sophokles beſungen hatten, rauſchten noch einmal vorüber in Liedern im höheren Chor, und die Sonne Homers ſchien von Neuem auf uns. Hier griff er hinein in das mittelalterliche Volksleben, dort verſtand er es, als ob die Geiſter qlle ihm unterthänig wären, noch als Greis auch den Orient uns näher zu bringen. Altes und Neues, Nahes und Fernes verbanden ſich ſeinem weit umfaſſenden Geiſte. Und das Alles war ein ſo inneres Herzenseigenthum, daß es mit der ganzen Macht unmit⸗ telbarer Eingebung wirkte. u. ſ. w. Natürlich verfehlt Herr Heiland auch nicht herauszuheben, daß Goethezwar die Har⸗ monie und das Gleichgewicht ſeines Lebens nicht an die großen Bewegungen der Zeit preisgab, daß ihn aber doch ſchließlich derGlaube an die dereinſtige Wiedergeburt des deutſchen Volkes mit Vertrauen auf den erfüllt habe, der uns zerriſſen hat und wieder heilen wird. Das mag jedenfalls ein ganz bequemer Glaube ſein!