Jahrgang 
1857
Seite
519
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Der Feierabend iſt kein politiſches Blatt, d. h. er theilt weder politiſche Tagesereigniſſe mit noch ſind ſeine Spalten po⸗

litiſchen Betrachtungen oder politiſchen Parteibeſtrebungen ge⸗ widmet. Aber wir bitten daraus nicht zu ſchließen, daß der Feierabend, wie wohl andre ſogenanntenicht politiſche Blätter,

geſinnungslos und für die Ehre und Schande des Vaterlands gleichgiltig ſei. Es gibt Augenblicke wo Jedermann, mag er ſonſt noch ſo ſehr von der Politik abgekehrt und ſeinen ſtillen friedlichen Beſchäftigungen ergeben ſein, politiſch werden d. h. in öffentlicher Angelegenheit eine Anſicht haben, ausſprechen und dafür einſtehen muß und wo er eine heilige Pflicht verletzt, wenn er dieß unterläßt. Ein ſolcher Augenblick tritt dann ein, wenn das gemeinſame Vaterland, wenn der Inbegriff aller der höchſten ſittlichen und materiellen Güter, welche ſeine Nation errungen hat, in Gefahr geſetzt iſt durch fremde Pläne. Dann gibt es nur noch Patrioten und Verräther, und zu den letzteren gehört Jeder, der ſeine Stimme für das allgemeine Wohl erheben könnte und es unterläßt. In ſolchen Augenblicken hört auch für Zeit⸗ ſchriften der Unterſchied zwiſchen Politiſchem und Unpolitiſchem auf; ſie müſſen alle inſofern politiſch werden, als ſie ſich laut und feierlich auf die Seite ſtellen, wo die Ehre ihres Vaterlandes liegt und nach Kräften bemüht ſind, den Geiſt der Vaterlands⸗ liebe in ihren Leſern zu entzünden. Die Leſer des Feierabends wiſſen längſt, daß wir inſofern ſtets politiſch waren und wir werden es auch in Zukunft ſein. Ein Augenblick aber, wie wir ihn eben bezeichnet haben, iſt ohne Folge jetzt eingetreten. Wenn auf deutſchem Boden und am Hofe eines deutſchen Mittelſtaates, der von jeher einer der eifrigſten Vertreter der Rheinbundspolitik war, die Beherrſcher von Frankreich und Rußland zuſammen⸗ kommen, wenn die ofſicielle Preſſe Frankreichs zwar behauptet, dieſe Zuſammenkunft bedeute den Frieden, dieſe Aeußerung aber mit Bemerkungen begleitet, die wie Spott und Hohn gegen den erſten deutſchen Staat klingen und ſich an derIſolirung dieſes Staates erfreuen, wenn von Frankreich aus diejenigen Deutſchen, welche einſt gegen ihr Vaterland unter franzöſiſchen Fahnen die Waffen getragen haben, zu Belohnungen und Auszeichnungen bezeichnet werden, ohne daß deutſche Regierungen dieſem be⸗ leidigenden Treiben des Nachbarſtaates entgegentreten, wenn deutſche Fürſten ſogar ſich geſchäftig zeigen um doch ja Frank⸗ reich und Rußland in die engſte Intimität zu bringen: dann ſagen wir, iſt der Augenblick da, wo kein Mann von Ehre und Vater⸗ landsgefühl ſich von der Pflicht entbinden kann ſeine Stimme zu erheben und es laut zu ſagen, daß das Vaterland in Ge⸗ fahr iſt und daß die Nation wachſam ſein muß um dro⸗ hende Gefahren abzuwenden, welche durch die Schlaffheit oder den böſen Geiſt der Regierungen förmlich auf uns hereingezogen werden. Dieſes Gefühl der Gefahr und der Verpflichtung Aller zur Abwendung derſelben geht jetzt durch ganz Deutſchland und ähnlich wie im Jahre 1840, als von Frankreich her die Freiheit und Sicherheit Deutſchlands bedroht zu ſein ſchien, äußert ſich die öffentliche Stimme in Proſa und Verſen für die Erhaltung

der heiligſten Güter der Nation. Die Stiftung der ſogenannten

Helena⸗Medaille und ihre Verleihung an Deutſche, die einſt unter franzöſiſchen Fahnen gegen Deutſchland gefochten, hat Alles, was in Deutſchland noch ehrenhaft und patriotiſch denkt, mit der tiefſten Entrüſtung erfüllen müſſen. Auch wir haben uns(Nr. 35.) darüber ausgeſprochen. Es gehört zu den Unglaublichkei⸗ ten, die nur in Deutſchland möglich ſind, daß die deutſchen Re⸗ gierungen, ohne deren Connivenz eine ſolche Verleihung nicht einmal möglich iſt, da ja nur die eigenen Behörden die Legi⸗ timationspapiere ausfertigen können, welche einen Anſpruch auf

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die Medaille begründen, keinen Schritt gethan um dieſe na⸗ menloſe Schmach abzuwenden. Wenn nur ein einziger Fürſt eines größeren deutſchen Staates mit Beſtimmtheit erklärt haben würde, daß in ſeinem Staate keine ſolche an die Zeiten der tief⸗ ſten Erniedrigung Deutſchlands erinnernde Medaille getragen werden dürfe, ſo darf man überzeugt ſein, daß die napoleoniſche Regierung es für klug gehalten haben würde in aller Stille den Rückzug anzutreten. Nur eine Schlaffheit und Widerſtandsloſig⸗ keit ohne Gleichen, die aber am beſten den gefahrvollen Zuſtand Deutſchlands enthüllt, konnte die franzöſiſche Regierung zu die⸗ ſem Akt des Hohnes ermuthigen. Um ſo mehr iſt es an der Na⸗ tion die von den Regierungen verſäumte Pflicht zu erfüllen und kräftig zu proteſtiren gegen die fremde Schmach. Alles was in Deutſchland noch von unabhängiger Preſſe vorhanden iſt, hat

dieß redlich gethan und der alte Leopold Schefer hat auch einen

poetiſchen Proteſt erlaſſen, den wir, und wäre es auch nur zur Charakteriſtik der augenblicklichen Stimmung, hier herſetzen:

Der neue Silberling.

Mel.Sie ſollen ihn nicht haben.

Wir werden ihn nicht nehmen Den Silberling erkühnt!

Wer will zu Tod ſich ſchämen, Daß er dem Feind gedient!

Nur dafür wird er geboten, Und nicht für Tapferkeit.

Friſch werft ihn hin den Todten, Sie haben ſich ſelbſt noch befreit.

Du wär'ſtder Streiche größter, 7 Du frecher Silberling!

Das wär' des Abfalls böſ'ter

Fort falſches Kaiſerding!

Geht, zeigt ihn dem alten Blücher, Dem Gneiſenau und dem Stein! Die ſpucken darauf Euch ſicher; Ihr Zorn iſt heilig und rein.

Wir? je für Dich uns balgen? Verſchluckt ein Fiſch das Ding? Auf, nagelt es an den Galgen!

Als Spion: wie es Deutſchen kling'?

Es klingt uns Deutſchen abſcheulich, Doch nicht zum fürchten, zum Graus; Wir lachen darüber getreulich Lacht laut es dem Prüfer nach Haus.

Zum Schluß wird im Chor die Melodie eines Verſes wort⸗ los gelacht.

Leider ſind die Nachrichten, die von den verſchiedenſten Seiten her einlaufen, nicht von der Art, daß man annehmen konnte, die dargebotene Auszeichnung werde allenthalben mit Verachtung zurückgewieſen. Im Gegentheil berichten die Blätter, daß allenthalben Meldungen in großer Anzahl einlaufen. Es ſind indeſſen dabei zwei Punkte zu bemerken: einmal ſcheint es gewiß, daß die franzöſiſchen Geſandtſchaften das Gerücht von ſolchen Meldungen durch die Blätter verbreiten, auch wenn daſſelbe völlig unbegründet iſt, wenigſtens haben die beiden Zeitungen von Weimar auf eine von da ausgegangene Correſpon⸗ denz des erwähnten Inhalts öffentlich erklärt, daß ſie an dieſe