Schweſternhauſe zu Neudietendorf giebt es für den beſuchen⸗ den Fremden allerlei hübſche Handarbeiten zu kaufen.
Die Brüder ſollen eigentlich einen grauen oder braunen Rock tragen und die Schweſtern das weiße mähriſche Häub⸗ chen, kindliche Mädchen mit hochrothen, Jungfrauen mit
roſarothen, Frauen mit blauen, Witwen mit weißen Bän⸗
dern. Doch die Männer weichen ziemlich allgemein von der urſprünglichen Vorſchrift ab, und unter den Frauen tragen ſich wenigſtens die reicheren ganz modiſch. Vor der Verheirathung iſt die Trennung der Geſchlechter ſehr ſtreng; ſelbſt auf dem Spaziergange haben ſie ſich zu meiden. Der Tanz iſt unbedingt verboten. Selbſt die Verlobung wird
nicht unmittelbar von den Betheiligten, ſondern durch die
Aeltern und Vorſteher verhandelt.
Einigen Sonderbarkeiten ſind auch die Herrnhuter nicht entgangen. Sie beſtehen darin, daß in Fällen, wo das Nachdenken nicht ausreichen will, die Entſcheidung dem Hei⸗ lande anheim gegeben wird und der Heiland durch das Loos ſpricht. Keineswegs ſind jedoch deßhalb Lotterie, Hazard, Karten, Würfel erlaubt, wobei das, was die profane Welt Zufall nennt, ebenfalls eine Rolle ſpielt. Bei Amtsbe⸗ ſetzung oder wenn es ſich darum handelt, ob ein Miſſionär und welcher Miſſionär gehen ſoll, greift die höhere Hand vermöge des Loſes unmittelbar ein. Namentlich kann bei
In dieſem Falle iſt jedoch nur der Theil an die Entſcheidung
wird. Vielfach ſoll das Loos für geheime Wünſche höchſt glücklich fallen. Bisweilen hielt man es aber auch für zweck⸗ mäßig, dem Ausſpruch deſſelben keine Folge zu leiſten.
Wie den Erziehungsanſtalten der Brüdergemeinde über⸗
haupt große Sorgfalt gewidmet wird, wenn auch der Unter⸗
richt nicht hervorragt, ſo genießt das Mädcheninſtitut zu Neudietendorf beſonderes Anſehen unter den ſogenannten Altlutheranern, und gegenwärtig befindet ſich eine Tochter des Herrn Haſſenpflug aus Marburg in dieſer Anſtalt. Von der großen Synode, welche alle zehn Jahre wieder⸗ kehrt, in den verfloſſenen Monaten zu Herrnhut gehalten wurde und aus allen Welttheilen zahlreich beſchickt worden war, zeigten ſich noch alle Gemüther erfüllt. Eine Frage, welche lange Zeit Aufregung und Beſorgniß erregt hatte, war hier zu einem vorläufigen Abſchluß gelangt: die Frage um die Trennung der amerikaniſchen Gemeinde von der Centralregierung in Berthelsdorf. Der Gemeindeverband der Herrnhuter enthält nämlich, ohne daß er die Mitglieder den Pflichten gegen die Staatseinrichtungen anderer Baſis abwendig machte, oder auf Unfrieden mit Nichtgemeinde⸗ gliedern ausginge, wenigſtens ſo viel Beſonderes, daß er am beſten in völliger Trennung von Andersgeſinnten, vornehm⸗ lich in eigenen kleinen Colonien gedeiht. Doch die Ameri⸗ kaner haben umfaſſenden Maßſtab anzulegen gelernt, ſie
lieben die ſtete Neugeſtaltung und die beſtändige Wechſel⸗
wirkung der Menſchen: die dortigen Brüdergemeinden tru⸗ gen daher kein Bedenken, in engere Aſſociation mit Nicht⸗ herrnhutern zu treten. Daran nahmen die ſorglichen und bedächtigen Brüder in Deutſchland lebhaften Anſtoß. Da
„..—— 1 2 8 Sbã Eingehung von Chebündniſſen das Loos geworfen werden. Ambos loshämmert.
ſich England jedoch ohne Zweifel im Falle der Trennung zu Gunſten der Amerikaner entſchieden haben würde, die Eng⸗ länder aber die reichſte Beiſteuer zur„Heilandskaſſe“ entrich⸗ ten, ſo haben ſich die deutſchen Mitglieder ſchließlich klug be⸗ wieſen und haben, um den Bruch zu verhüten, nachgegeben.
Natürlich giebt es auch Herrnhuter ohne Brüderge⸗ meinde, unausgeſprochene Herrnhuter, wie es Reformatoren gab vor der Reformation und Chriſten nach dem Ausſpruche Neander's vor Chriſtus. Aber die ſtrenge Zucht und die Tradition durch mehre Geſchlechter erzeugte einen Typus, der in den Brüdergemeinden allgemein vorherrſcht. In der Geſichtsbildung der Männer wie der Frauen von Neudie⸗ tendorf zeigt ſich faſt ausnahmlos ein Zug von Gutmüthig⸗ keit, beſcheidener Heiterkeit, von Zufriedenheit und Redlich⸗ keit, Eigenſchaften, denen Niemand ſeine Achtung verſagen wird. Einem mächtigen, ſcharfen Geſichtsausdruck begegnet man kaum, oder er iſt nicht mehr unbedingt herrnhuteriſch. Zunächſt dachte ich mir deshalb die Weberei, die Siegellack⸗ bereitung, das Abziehen von Schreibfedern, zierliche Drechs⸗ lerarbeit, Papparbeit als die ſolchem, dem Ackerbau entfrem⸗ deten Geſchlechte am meiſten entſprechende Beſchäftigung. Allein es finden ſich handfeſtere Gewerbe, ſogar Feuerarbeiter und ein Schmied, welcher ſeine„Nachrichten aus der Brü⸗ dergemeinde“ andächtig lieſt, zugleich aber wieder auf ſeinen Außerdem hat der Beſitzer jener Siegellack⸗, Schreibfeder⸗ und Fiſchbeinfabrik, Herr Lillien⸗
ebunden, welcher looſt, nicht der Theil, um welchen geloſt dahl, abgeſehen davon, daß er ein höchſt achtungswerther, 8 ſ d— han geloſt liebenswürdiger Charakter iſt, kürzlich eine Zinnoberfabrik
eingerichtet, vermittels welcher er weſentlich mitwirkt, der Welt das grellſte Roth zu zeigen.
Keine andere Secte reiſt ſo viel von Ort zu Ort, von Land zu Land, wie die Herrnhuter, Männer und Frauen. Ihre Handelsbeziehungen, bei welchen mitunter ſehr anſehn⸗ liche Capitale in Betracht kommen, vielfach nur ein kleines Vermögen mitwirkt, reichen leicht von einer Seite des Ozeans auf die andere. Die Ehepaare haben ſich bei der Gelegenheit oft wunderbar zuſammengefunden und lieſt man die ſchmuckloſen Grabſchriften des Gottesackers, ſo kann man erſtaunen, wie hier die Kinder Moskau's und Sarepta's, der St. Thomasinſel, Schwedens, Nordamerikas von der Sichel des Todes zuſammengemäht wurden.
Männer und Frauen erzählen gern, wenn ſie Abends auf ihrem Bänkchen vor der Hausthür ſitzen, von den weiten Reiſen, welche ſie zurücklegten; am liebſten jedoch von den Gemeindeeinrichtungen, welche ſie fanden, von den ſegens⸗ reichen Erfolgen, welche ein Prediger, ein Miſſionär erzielte, von der Glaubenskraft und dem Liebeswerk eines Schwer⸗ geprüften oder Hochbegnadigten. Zugleich ſpielt die Homöo⸗ pathie mit ihrer Myſtik eine Rolle, denn ängſtlich iſt man um Leben und Geſundheit bei aller Glaubenszuverſicht. Eine homöopathiſche und eine allopathiſche Apotheke giebt es im kleinen Neudietendorf und die einheimiſchen, wie der von Gotha oft herbeigerufene Arzt curiren, je nachdem es ge⸗ wünſcht wird, auf die eine oder die andere Art. Auch an einer Conditorei, ſo wie an Kuchen aller Art in den Bäcker⸗ läden fehlt es nicht: ſüßes Naſchwerk ſtimmt außerordent⸗ lich gut zu der Beſchaulichkeit zarter Seelen.


