als die Freiheit, die Grenzen unſeres Staates überſchreiten zu dürfen, was draußen auch nicht ſo leicht iſt, als es ausſieht.“
„Es wundert uns nur,“ meinten wir erſtaunt über dieſe Worte, die Alle Anderen beſtätigten,„daß die Gläubiger in ſolchem Falle noch überhaupt gegen ihr ſchweres Geld ſetzen laſſen.“
„Ja, das wundert Viele, mich auch,“ antwortete der
Maler und füllte die Gläſer aus der zweiten Flaſche.„Sehen
Sie, ein neues Beiſpiel unſrer Wohlfahrt— heute Abend giebt Herr Asley drüben in Nummer 12 wieder eine große Soiree mit Concert, Ball, Spiel und förmlichem Drawing⸗ Room. Der Mann ſitzt ſchon zwanzig Jahre hier und hat mehr als zehntauſend Pfund Sterling geſpart. Geſpart! Hören Sie wohl? Auch denkt er gar nicht daran, die acht⸗ tauſend Pfund, die er Schulden hat und um die er hier ge— fangen iſt, zu bezahlen; er wird hier ſterben und ſeine Kinder erben in dieſem Falle ungeſchmälert ſein Vermögen. Be⸗ zahlte er ſeine Schulden, ſo würde er allerdings ein ſoge⸗ nannter rechtſchaffener Mann; aber ſeine Familie hätte als⸗ dann, da er doch ſchon alt iſt, nichts zu leben, drum bezahlt er nicht und läßt ſeinen Kindern die hier erworbenen, unan⸗ taſtbaren zehntauſend Pfund, mit denen dieſelben Queens⸗
Bench verlaſſen können, wenn ſie wollen. Wenn Sie hier bleiben wollen, führe ich Sie bei ihm ein— er hat zwei reizende Töchter, von denen ich eine für ihren Bräutigam gemalt habe, der ein großes Seidengeſchäft in Regent⸗Street hat. Sie lachen? Es iſt mein Ernſt.— Ja, ja! der Mann gehört in unſrem Staat zur Nobleſſe und nur Nobleſſe und Künſtler, wie ich zum Beiſpiel, haben Zutritt zu ſeinen Salons. Queens⸗Bench, meine Herren, iſt ein Staat für ſich, müſſen Sie wiſſen.“
Alle im Parlour anweſenden Gäſte beſtätigten wiederum des Malers Rede und dieſer fuhr fort, zum Kellner gewandt:
„He, Job, ein Paar Flaſchen Sherry,— dieſe Herren hier bezahlen!“
Und wir bezahlten wirklich noch einmal, obwohl mit etwas ſaurer Miene; dann verabſchiedeten wir uns, um nicht noch einmal„dieſe Herren“ dem Kellner gegenüber genannt zu werden, wünſchten unſrem Landsmann baldige Befreiung, dankten ihm für ſeine Belehrung und geſtanden uns, daß
man in Queens⸗Bench beſſer als draußen in der Freiheit lebe.
Vor der Thür des Gefängniſſes bettelte uns ein armer
Deutſcher an. Der Arme! Er war zu elend, um an der Klippe
„Credit“ zu ſcheitern und an dieſen gaſtlichen Strand des
Gefängniſſes von Queens⸗Bench geworfen zu werden!
Chüringer Skizzen. Von A. B. II. Neudietendorf.
Der Bahnhof des zwiſchen Erfurt und Gotha gelegenen Neudietendorf iſt ſehr belebt, indem die Chauſſee von Arn⸗ ſtadt, Plaue, Ilmenau hier auf die Eiſenbahn ſtößt.
und zahlreiche Vergnügungsreiſende des Thüringer Waldes bilden die Perſonenfrequenz und der Güterverkehr an Im⸗ port und Export hat ſich in den Jahren von 1848 bis 1856 von 1700 Ctrn. auf 106000 Ctr. geſteigert. Man ſieht, wie Neudietendorf, das bei ganz ſtädtiſchem Anſtrich kaum über 400 Einwohner zählt, ſeine Induſtrie zu entwickeln ge⸗ wußt hat. Woll- und Baumwollwaaren werden hier ge⸗ webt und gefärbt, Siegellack, Schreibfedern(aus Gänſe— kielen) und Fiſchbeinſtäbe werden fabricirt. Man bereitet Leder, Seife, buntes Papier und Liqueurs.
Der Ort iſt eine im Jahr 1750 vom Grafen Gotter gegründete Herrnhutercolonie, die ſich deshalb auch Gottern, lieber Gnadenthal nennt. Kaum iſt ein frommeres, fried⸗ licheres Geſchlecht denkbar, als dieſe Herrnhuter. Ihren
Urſprung führen ſie bekanntlich auf die mähriſchen Brüder
zurück, welche aus ihrem Vaterlande vertrieben, im prote⸗ ſtantiſchen Deutſchland eine Zuflucht fanden. So weit die Secte in Schleſien, in der Oberlauſitz, in Thüringen, in den Hanſeſtädten und Holſtein, in der Schweiz, in Holland,
Schweden und Rußland, in England und Nordamerika,
auf dem Cap der guten Hoffnung und in Indien Anhänger zählt, bekennt ſie ſich als evangeliſche Brüdergemeinde aus⸗ drücklich zur Augsburgiſchen Confeſſion.
Gnade Gottes. In die Sündhaftigkeit des Menſchenge⸗ ſchlechts kann ſie ſich mit ſchmerzlichem Seelengenuß ver⸗ tiefen; aber der Heiland ſetzt das Mittleramt zwiſchen Gott
und Menſchen durch Offenbarungen in den geheimſten Her⸗
Viele Geſchäftsleute, die Badegäſte von Arnſtadt und Elgersburg
zensvorgängen unausgeſetzt fort. Der Tod iſt nichts als freudiger„Heimgang“ zu Gott und dem Heiland. Neben dem Abendmahle ſind Liebesmahle mit Thee und Backwerk eine regelmäßig wiederkehrende Feier. Außer dem verord⸗ neten Prediger kann auch jedes ſich dazu berufen fühlende Mitglied vor der im Bethauſe verſammelten Gemeinde reden. Auf Geſang und Muſik wird großer Werth gelegt. Beim Tode eines Bruders oder einer Schweſter ertönen die Poſaunen und die Melodie derſelben richtet ſich nach dem Alter und Geſchlecht. Im hell und heiter geſchmückten Sarge wird der Todte begraben. Unter Muſik und Geſang zieht die Gemeinde am Oſtermorgen bei Sonnenaufgang auf den ſorglich gepflegten Gottesacker, um die Auferſtehung des Herrn und das Andenken an die um ihn verſammelten Todten feſtlich zu begehen. Die Stätte der Entſchlafenen iſt deshalb in Neudietendorf ein großer, von hohen Linden⸗ alleen überſchatteter ernſter Garten, nahe beim Orte ſelbſt. Die Männer ſind für ſich beſtattet, die Frauen für ſich, die Kinder für ſich. Jeder bekommt einen Leichenſtein von der⸗ ſelben Größe und Form, mit derſelben einfachen Inſchrift. Mit Ordnung und Zucht wird es unter den Brüdern ſehr genau genommen. Die Gemeindeverfaſſung fällt mit der Kirchenverfaſſung zuſammen und theilt ſämmtliche Mit⸗ glieder nach Alter und Geſchlecht in verſchiedene Chöre. Die Kinder bleiben bei den Aeltern, aber ſtehen bereits unter
ihrem eigenen Aufſeher und Seelſorger; die Jünglinge wie Den Hauptnach⸗ druck ihrer religiöſen Anſchauungsweiſe legt ſie auf die
die Jungfrauen, die Eheleute, die Wittwer und Wittwen haben ihre Diaconen und Diaconiſſinnen. Unverheiratheten ſteht es frei, in das Bruder⸗ oder Schweſternhaus zu treten; es geſchieht gegen beſtimmte Einlagen, zu gemeinſamer An⸗ dacht, Arbeit und Wirthſchaft, ohne Aufgabe des Privat⸗ eigenthums und der Austritt bleibt ſtets unbenommen. Im


