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Das Schuldgefüngniß Aueens-Bench in London.
Von Eduard Schmidt⸗Weißenfels.
Schulden und Schuldgefängniſſe ſpielen in unſrer Zeit eine Hauptrolle. Schulden können unter Umſtänden ein Ver⸗ dienſt, einen Stolz und ein Privilegium bilden; an den Schuldgefängniſſen haftet aber immer noch ein leidiges Vor⸗ urtheil, und eben darum allen Schuldnern zu Liebe und allen Gläubigern zum Trotze ſkizziren wir aus einer lieben Erin⸗ nerung Queens⸗Bench in London, das Eldorado aller Schuldgefängniſſe.
So mancher Touriſt geht wohl hundert Mal in der City Londons an jener Republik der renitenteſten Geiſter Oldeng⸗ lands vorüber, ohne hinter den Mauern eines ziemlich un⸗ anſehnlichen Hauſes das Paradies aller Zahlungsunfähigen zu vermuthen. Wir aber treten, vermöge eines Inſtincts, den man Inſtinct der Schulden nennen könnte, die wir mo⸗ dernen Menſchen— unter uns geſagt— doch faſt Alle be⸗ ſitzen, durch die kleine Hausthür, nachdem wir in üblicher Weiſe den eiſernen Thürklöpfel, nur nach Art der Foreigner, der Laien, nicht nach der eingeweihter Engländer, gehandhabt haben.
Ein wohlgemäſteter Portier empfängt uns mit dem ſtrengen Blick eines Cenſors aus der alten guten Zeit nicht privilegirter Preßfreiheit. Er ſieht uns fragend an, prüft, ob wir Schuldner oder Gläubiger ſind, was einzig die Taxe dieſes Menſchenbeobachters bildet. Wir verneinen Beides und verlangen Mr. Louis Schulze, unſern unglücklichen Landsmann mit italiſchem Namenklange zu ſprechen.
Der Portier muſtert uns noch einmal vom Scheitel bis zum Stiefel, ſchlägt dann ein vor ihm liegendes dickleibiges Buch auf, ſucht eine Zeitlang darin und antwortet uns lakoniſch:
„Nummer 47, zwei Treppen hoch!“
Wir treten demnächſt in einen langen Corridor, dann in einen großen viereckigen Hofraum, welcher gewiſſermaßen das paradieſiſche Territorium der Republik„Renitentia“ bildet. Wir erblicken dort Bäume, Gras, Blumen, und Bänke; Männer, welche zur Leibesübung, vielleicht auch zur Verdauung laufen und ſpringen, und andere, die in Gedanken verſunken ſtill ſtehen. Einer dieſer Republikaner zeigt uns die Hausnummer 47. Wir paſſiren eine der vier langen Fronten, welche den Hof umgeben, treten in der bezeichneten Thür ein und ſteigen die mit engliſcher Sauberkeit polirte Treppe hinan.
Ein Gentleman begegnet uns auf der zweiten Flur.
„Sir,“ fragen wir,„wohnt hier Mr. Schulze?“
„ Ves, Sir, hier wohnt Mr. Skulz,“ entgegnet uns der Gentleman, bezeichnet eine Thür, welche wir darauf mit allen Formen angelernter engliſcher Höflichkeit öffnen.
Wir befinden uns in der Werkſtätte eines Schneiders mit drei Geſellen. Alle vier beeifern ſich mit der vollen Ge⸗ ſchwindigkeit der berühmten Nadelritterlichkeit uns nach dem hinten liegenden Zimmer unſeres theuren Landsmannes zu dirigiren.
„Aber Sie werden ihn jetzt nicht antreffen,“ ſagt dabei der Meiſter;„er wird im Publichouſe ſitzen, hier unten in Nummer 46.“
„Publichouſe?“ fragen wir verwundert.„In einem Schuldgefängniß auch noch Bierhäuſer?— Gut, gehen wir nach dem Publichouſe!“ 3
Der Mann der Nadel hatte Recht. Wir fanden das Publichouſe und in dem Parlour oder Geſellſchaftszimmer
deſſelben unſern theuren Landsmann Louis Schulze, Maler ſeines Zeichens, und eben beſchäftigt, die Phyſiognomie eines anderen Republikaners von Queens⸗Bench abzuconterfeien.
Er ſah uns an, erkannte uns auf den erſten Blick, warf ſchnell Pinſel und Palette aus der Hand und hieß uns mit vielen„How do you do?“ Was machen Sie? im Staate des Staates willkommen. Sein Glück war ſo groß, daß er ſich genöthigt ſah, noch ein halbes Dutzend ſeiner hier an⸗ weſenden Freunde zu Zeugen deſſelben zu machen; auch ver⸗ minderte es ſich keinesweges, als wir verſicherten, daß wir die Ehre von Mitbürgern vorläufig noch nicht beſäßen.
„Alſo auf Beſuch kommen Sie nur? Um ſo beſſer! He, Job, rief der edle Landsmann darauf, zwei Pint Bitter⸗Ale, aber vom allerbeſten— dieſe Herren hier bezahlen!“
Damit meinte er uns, mit„dieſen Herren,“ und wir bezahlten natürlich, um darauf die Virtuoſität von ſieben Kehlen zu bewundern, welche die beiden Quart Bier, ohne unſer Zuthun mit electro⸗magnetiſcher Geſchwindigkeit ſpur⸗ los verſchwinden ließen.
„O Sie meinen wohl,“ ſagte dann unſer ſchuldbewußter Louis Schulze, Maler,„daß wir hier wie arme Schlucker leben? Gefehlt! In dieſem Reiche giebt es keine Noth und keinen Hunger, nicht einmal Credit giebt es hier; aber was ſoll uns auch der Credit, wenn wir Geld verdienen, ſo viel wir brauchen— und noch mehr?“
„Geld verdienen?“ fragten wir erſtaunt; denn wir waren doch ſehr ſicher, daß wir uns im Schuldgefängniß befanden.
„Zweifeln Sie daran? Hier, meine Herren, verdient ein Jeder ſo viel, wie er kann. Ich z. B. mache Portraits und laſſe ſie mir bezahlen— es giebt hier genug, die ſich gern auf Leinwand ſehen wollen, lieber denn im Spiegel, weil die Kunſt nur reine Geſichter ſchafft.— Mein Wirth,
zweites Beiſpiel, verfertigt Kleider und vermiethet Zimmer, die er ſelbſt der Direction von Queens⸗Bench abgemiethet
hat. Hier ſind alle Gewerbe, Profeſſionen und Künſte ver⸗ treten, ſogar, was man kaum glauben ſollte, die des Schul⸗ denmachens; faſt Jeder verdient hier Geld, um es zu ſparen, oder im Publichouſe, in den Reſtaurationen und Chophäuſern zu verzehren. O, wir leben hier ſehr gut; noch beſſer aber, wenn wir Beſuch erhalten, wie Sie, zum Beiſpiel.— He, Job, zwei Flaſchen Portwein, aber vom beſten— dieſe Herren hier bezahlen!“
„Dieſe Herren,“ nämlich wiederum wir, bezahlten auch den Portwein; jedoch trugen wir diesmal Sorge, ein Glas davon mitzutrinken.
„Alle, die Sie hier ſehen,“ fuhr unſer theurer Louis Schulze fort,„ſind Schuldner, für welche die Gläubiger die Koſt und Unterhaltung bezahlen müſſen. Viele verdienen hier aber ſo viel, um nach einiger Zeit ihre draußen gemach⸗ ten Schulden bezahlen zu können. Ich werde es auch ſo machen; mir fehlen nur noch einige ſechzig Pfund Sterling; aber binnen drei Wochen habe ich bereits zwölf Pfund er⸗ ſparen können. Portraitmaler iſt, wie Sie ſehen, kein übles Geſchäft, beſſer, wie draußen. Auch glauben Sie gar nicht, daß uns hier eine Annehmlichkeit fehle. Wir ſind frei in dieſem Hauſe, deſſen Größe koloſſal iſt; wir gehen ſpazieren, wir ſingen, wir tanzen; wir haben Caféhäuſer, Concerte, ſogar ein Theater beſteht hier; die Gefangenen haben hier ihre Frauen, Mädchen, Kinder und Ammen; Zeitungen hal⸗ ten wir, Beſuche nehmen wir an— wir entbehren gar nichts,


