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weit entfernt iſt, die Rachedrohungen der engliſchen Jour- nale für baare Münze zu nehmen, wird man glauben dürfen, daß dieſes letzte Ereigniß die Geſchichte von Delhi abſchlie⸗ ßen und daß es für die Zukunft immer tiefer in Bedeutungs⸗ loſigkeit verſinken wird.
Uebrigens war Delhi bis zuletzt die Stadt des Luns und des mahommedaniſchen Fanatismus. Tänzerinnen, Vo⸗ gelhändler, Schlangenbeſchwörer, perſiſche Muſiker, Gaukler ſtrömten hier von ganz Aſien zuſammen. Auch für manche Engländer iſt Delhi ein Capua geworden. Der Diener waren in jeder europäiſchen Familie Legion. Daß es von mahommedaniſchen Frommen jeder Art wimmelt und daß
Voöolksmwirthſchaftliche
es die fanatiſchſte Stadt des muhammedaniſchen Hindoſtan iſt, erklärt ſich leicht aus ſeiner Geſchichte.
Der Fall dieſer Stadt wird von allen Geſitteten in Europa und Amerika mit Jubel begrüßt werden, denn die Gräuel des indiſchen Aufſtandes zeigen hinlänglich, wie wenig dieſes Volk zur Freiheit reif iſt. Aber dieſer Fall iſt vielleicht erſt im December zu erwarten; noch ſind die eng— liſchen Belagerer ohne Geſchütz und Verſtärkung, von der Cholera und von fortwährenden Ausfällen decimirt. Aber ſelbſt wenn Delhi gefallen iſt und ſein letztes Schickſal er⸗ füllt hat, wird noch eine gute Zeit hingehen, bis Hindoſtan wieder als völlig pacificirt betrachtet werden kann.
Skizzen.
Von H. Schulze⸗Delitzſch.
V. Die einzelnen Momente der wirthſchaftlichen Bewegung.
Bedürfniß Anſtrengung— Befriedigung, in dieſen drei Momenten vollzog ſich, wie wir ſahen, der wirthſchaftliche Kreislauf unſeres Lebens, welchen das einem Jeden eingeborne Eigenintereſſe dahin zu regeln ſucht: ſoviel als möglich Befriedigung gegen ſo wenig als möglich Anſtrengung zu erlangen. Faſſen wir dieſe Momente im Einzelnen auf, ſo treffen zunächſt das erſte und letzte: Be⸗ dürfniß— Befriedigung, ſtets mit Nothwendigkeit in einer und derſelben Perſon zuſammen, und keins von ihnen kann auf eine andere übertragen werden. Es giebt wohl ein unbefriedigtes Bedürfniß, nicht aber ein Bedürfniß bei dem einen und deſſen Befriedigung bei dem Andern; weder meinen Hunger noch meine Sättigung kann ich einem D Dritten mittheilen. Anders iſt es dagegen mit der Anſtrengung. Sie kann von jedem beliebigen Anderen ausgehn, als von dem, welcher das Bedürfniß empfindet, und doch zu deſſen Befriedigung führen, weil ihre Frucht übertragbar iſt. In ihr alſo, nicht in den beiden andern auf ein und daſſelbe Subject beſchränkten Momenten, liegt der Keim der Geſell⸗ ſchaft. Folgte die Befriedigung dem Bedürfniſſe von ſelbſt,
bedürfte, ſo lebten die Menſchen in völliger Abgeſchloſſen⸗ heit, Jeder für ſich. So aber iſt ihnen die Fähigkeit ver⸗ liehen, für einander zu arbeiten, und der Austauſch von Dienſten macht ſie geſellig.
Weiter iſt zu beachten, daß wir in dem Bedürfniß überall keine feſte Größe ſondern etwas höchſt Perſönliches
und Beweglich es vor uns heben⸗ ein unter den Einzelnen
der Quantität und Qualität nach höchſt Verſchiedenes und Schwankendes. Kaum in der dbensnothonlſt finden wir unter den verſchiedenen Klaſſen einige Gleichheit, während für die Annehmlichkeit der Begehr his in das Unendliche wechſelt. Und nicht blos verſchieden bei den Verſchiedenen ſind die Bedürfniſſe, ſondern auch unendlich dehnbar in einer und derſelben Perſon zu erſchiedenen Zeiten. Ins⸗ beſondere wird in dieſer Hinſicht ein ſtetes Wachsthum wahr⸗ genommen, welches mit Bildung und Wohlſtand der Be⸗ theiligten Hand in Hand geht. Das gilt ſchon von den nothwendigen, materiellen Bedürfniſſen, noch mehr aber von den feineren, geiſtigen. Man nehme nur einmal Nahrung, Kleidung, Wohnung, wie wechſeln dieſelben nach Alter, Klima, Gewohnheit! Eine Koſt, die dem Neapolitaniſchen Lazzaroni genügt, wäre für den Engliſchen Arbeiter
ſation enthalten ſein. Stillung nicht gleichzeitig mit einander fortſchreiten, daß ohne daß ſie Mühe koſtete, ohne daß einer des andern dabei
Die Arbeit.
der Tod, Kleidung und Wohnung des Hindu für den Nordländer unmöglich. Ferner: kaum iſt der Menſch vor dem Wetter geſchützt, will er bequem wohnen, kaum hat er ſeine Blöße bedeckt, will er ſich ſchmücken. Was anfangs nur ein unbeſtimmtes Verlangen war, wird durch mehrfache
Befriedigung zum Geſchmack, dieſer durch regelmäßiges Ge⸗ nießen zum gebieteriſchen Bedürfniß. Jeder glaubt, mit Erreichung der Stufe des Wohlſtandes, die er unmittelbar über ſich erblickt, am Ziele aller Wünſche anzulangen, und kaum iſt er dahin, ſo wendet er ſeine Blicke wieder der nächſt höheren Stufe zu. Und ebenſo, wie die Bedürfniſſe der Menſchen, ſind die Befriedigungsmittel in fortſchreiten⸗ der Zunahme begriffen, durch die unausgeſetzte Steigerung der Ergiebigkeit menſchlicher Arbeit. Auch würde, wäre dies anders, blieben unſere Fähigkeiten an einem gewiſſen Punkte
ſtehen, entſpräche nicht die ſtetige Steigerung der Befriedi⸗
gungsmittel der unbegrenzten Dehnbarkeit unſerer Bedürf⸗ niſſe, in dem Wachsthum der letztern kein Hebel der Civili⸗ Nur daß das Verlangen und deſſen
vielmehr das erſtere dem letzteren ſtets voranläuft, und eben dadurch zum Sporn unſerer ſchlummernden Fähigkeiten wird. Was die Befriedigung anlangt, ſo ſtellt ſich uns die⸗
ſelbe in der Form des Genuſſes(denn das iſt jede Befrie⸗
digung eines Bedürfniſſes) als Endzweck, als Schlußer⸗ gebniß der ganzen wirthſchaftlichen Organiſation dar, wor⸗ aus wir für deren Tüchtigkeit und Zweckmäßigkeit den Maaßſtab entnehmen. An dem Mehr oder Minder der leib⸗ lichen, geiſtigen, und ſittlichen Genüſſe, deren ſich ein Volk oder ein Einzelner erfreut, erkennen wir den Grad ihrer Kultur und ihres Wohlſtandes. Konſumtion heißt aber dieſer Vollendungsakt, ſobald der Genuß mit der Vernichtung gewiſſer, dazu beſtimmter Sachgüter verknüpft iſt, wie bei den Nahrungs⸗, Kleidungs⸗ und Bauſtoffen, u. a.
Die Anſtrengung alſo, das Mittelglied in der Kette,
iſt es, welche vermöge ihrer Uebertragbarkeit einen Haus⸗
halt der Geſellſchaft möglich macht. Bei ihr werden wir alſo hauptſächlich verweilen müſſen, indem wir, als zum Bereich der Volkswirthſchaft gehörig, aufzufaſſen haben: jede Anſtrengung welche übertragbar, d. h. geeignet iſt, die wedifniſſ eines Andern zu befriedigen. Eine ſolche An⸗ ſtrengung heißt Arbeit, inſofern ſie die in Vorausſicht künf⸗ tiger Bedürfniſſe, ſowohl eigner wie fremder, planmäßig


