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ſam, hat dieſe Stadt zum Mittelpunkt eines entſetzlichen, grauenvollen Dramas gemacht. Wir haben gelegentlich in dieſen Blättern über das indiſche Ereigniß unſern Leſern Bericht erſtattet und Geſichtspunkte aufgeſtellt, ſoweit dieß heute möglich iſt. nicht mit Beſtimmtheit angegeben werden. War eine fremde Macht durch Emiſſäre thätig die Truppen aufzuwiegeln, durch welche ein Häufchen Europäer das reichſte Land der Welt nach und nach bezwang und ſich unterthänig machte? Glaubte die muhammedaniſche und Hindumannſchaft ſich wirklich durch die Engländer in ihrem religiöſen Glauben bedroht? War es eine tief und planvoll angelegte Ver⸗ ſchwörung oder eine plötzliche unwillkürliche Aufwallung des verletzten Gefühls? Die Zukunft wird dieſe Fragen genau beantworten. Aber gewiß iſt, daß die Muhammedaner und nicht die Hindus die Leiter und Rädelsführer waren; und daß der Ausbruch von langer Hand vorbereitet und Delhi von vorn herein zum Mittelpunkt der Empörung bezeichnet worden, wenigſtens ſehr wahrſcheinlich. Denn Delhi war von uralten Zeiten der politiſche Mittelpunkt des Islam in Hindoſtan und von hier gingen die muhammedani⸗ ſchen Heere aus die Ganges⸗ und Indusländer zu erobern und deren ungeheure Schätze in ihre Hauptſtadt zuſammen⸗ zutragen.
Keine Stadt der Welt, ſelbſt Rom nicht ausgenom⸗ men, hat eine ſo ungeheure Geſchichte aufzuweiſen wie Delhi. Tauſende von Jahren vor unſerer chriſtlichen Zeitrechnung,
in der altindiſchen Zeit, war es ſchon gefeiert unter dem Namen Indrapraſtha, und obwohl wir von ſeiner damaligen Geſchichte ſo gut als nichts wiſſen, ſo müſſen wir doch an⸗ nehmen, daß es in Macht und Glanz beſtanden habe, denn
Im
noch heute iſt der alte Name den Hindus geläufig. eilften und zwölften Jahrhundert nach Chriſtus drang der Islam in Hindoſtan ein und Delhi mußte ihm zum Opfer
fallen, um durch ihn erſt zu einem nie geahnten Glanze zu... 3 fallen, hihn erſt geah 50 ſind meiſt eng und krumm, die Häuſer unanſehnlich; nur
erblühen. Es war die Dynaſtie der Ghuriden, die zuerſt von Delhi aus ein muhammedaniſch-indiſches Reich gründete und es zum Mittelpunkt dieſes Reiches machte. Fünfzehn einſt mächtige Könige Aſiens umſtanden damals als Vaſal⸗ len den Thron von Delhi, ganze Stadtviertel von Paläſten, Moſcheen, zauberiſche Gärten erhoben ſich und ſelbſt die perſiſche und arabiſche Weisheit fand hier eine Stätte. Dann kam, freilich nach blutigen Wirren, die Glanzperiode Delhi's unter Alaeddin, der, nach einem großen Siege ſeines berühmten Feldherrn Zafferkhan über ein gewaltiges Mon⸗ golenheer unter den Mauern Delhi's, ganz Hindoſtan durch⸗ zog und aus den Schatzkammern der altindiſchen Reiche, in denen der Hausrath der Bewohner nur aus geſchlagenem Golde beſtand, Alles nach Delhi ſchleppte, was von Gold und Diamanten ſeit Jahrtauſenden daſelbſt aufgehäuft war. Nur von einem dieſer Feldzüge brachte Alaeddin drittehalb Millionen Pfund Gold nach Delhi, eine fabelhafte Angabe,
welche aber durch die ſpäteren Erzählungen der Portugieſen
über den Goldreichthum des Landes wohl glaublich wird. Verfalls und blutiger, zerſtörender Umwälzungen, welche
von Schädeln der Erſchlagenen bezeichnete er ſeinen Sieges⸗
lauf nach Delhi und obwohl die Stadt ſich ohne Widerſtand
ergab, wurden die wehrloſen Einwohner dennoch erbarmungs⸗
los niedergemacht und Delhi in eine hluttriefende Einöde rhunderten erhob
verwandelt. Erſt nach anderthalb Sultan Baber 1526 Delhi wieder aus dem Staube, aber erſt Akbar(1556— 1606) gab dem Reiche der Großmogul
Noch kann der wahre Zuſammenhang
Werth von mehr als 60 Mill. Pfd. Sterl.
die Ausdehnung, in welcher die Briten es vorfanden, und der Hauptſtadt die alte Pracht zurück. Akbar war ein reicher, talentvoller Regent, welcher den Plan verfolgte, Hindus und Muhammedaner in einer Art Vernunftreligion zu verſchmelzen und die Wiſſenſchaften eifrig pflegte. Sein Enkel Schah Jehan wurde ſodann der Gründer des moder⸗ nen Delhi, und dieſe Stadt wuchs ſo raſch, daß ſie gegen das Ende des 17. Jahrhunderts wieder gegen 2 Millionen Bewohner zählte. Ungeheure Schätze wurden wieder hier aufgehäuft. Als 1739 Nadir Schah von Perſien Delhi eroberte und plünderte, konnte er 8 bis 9 Mill. Pf. Sterl. Gold nach Hauſe ſenden, dazu zahlreiche Gold- und Silber⸗ platten von Wänden, Kuppeln und Decken, koſtbare Geräthe und eine Fülle der ſeltenſten Edelſteine— im Ganzen einen Darunter be⸗ fand ſich der berühmte Pfauenthron mit dem aus einem ſeltenen Smaragd geſchnitzten Papagei in natürlicher Größe und den prachtvollen zur Seite ſtehenden Pfauen, die ein Rad von tauſend ſchimmernden Edelſteinen ſchlugen, ein Wunderwerk, deſſen Werth der Juwelier Tavernier, der es noch an Ort und Stelle ſah, auf 6 Mill. Pfd. Sterl. an⸗ ſchlug. Das war der letzte ſchwere Schlag, der die Stadt tödtlich traf; als ſie 1803 in die Hände der Britten fiel, war die Einwohnerzahl bereits auf 500,000 herabgeſunken und unter britiſcher Herrſchaft wurde der Ort immer bedeu⸗ tungsloſer, bis er in der allerneueſten Zeit wieder eine trau⸗ rige Berühmtheit erlangte.
Das heutige Delhi liegt am rechten Ufer eines Armes des Dſchamna⸗Fluſſes, auf den drei andern Seiten von einer Befeſtigungsmauer umgeben, welche von den Britten bedeutend verbeſſert worden iſt. Ringsumher erſtrecken ſich meilenweite Ruinenfelder, melancholiſche Zeugen einer unter⸗ gegangenen Welt. Die neue Stadt hat einen Umfang von anderthalb deutſchen Meilen und eilf Thore. Die Gaſſen
wenige große Bauten erinnern an die Glanzperiode des modernen Delhi. Unter dieſen nimmt die große Moſchee (Jamuna Musjid), welche unſere Leſer auf der nebenſtehen⸗ den Abbildung ſehen, den erſten Rang ein. Ihr Fundament von rothem Sandſtein erhebt ſich:
breite ſteinerne Freitreppen führen hinauf. Von jeder dieſer Treppen gelangt man durch ein ſtattliches Portal in den Vorhof, im Weſten erhebt ſich die Moſchee mit einer Front von 260 Fuß Länge. Von einem marmornen Waſſerbecken vor dem Eingang führt eine Steintreppe durch ein von zwei Minarets eingefaßtes und von der Hauptkuppel überragtes Portal in die Marmorhallen des Innern. Die Minarets, die Kuppel, Alles iſt hier von Marmor, auch die Front des Gebäudes iſt mit Platten weißen Marmors belegt, die mit Streifen, Schichten von rothem Sandſtein abwechſeln. Auch das Innere beſteht ganz aus Marmor: Fußboden, Wände und Decke. deraſſen nh Bau iſt von Schahjehan im Zeitraum von 6 Jahren mit einem Koſtenaufwand von etwa
Fr. T.—:. 7700,000 T j r je.29 Auf dieſe Periode des höchſten Glanzes folgte eine Zeit des 0,000 Thalern errichtet worden, die Muhammedanerzählen
ihn zu den Wunderwerken der Welt und wallfahrten zu ihm
9. s weiter Ferne.— das Zerſtörungswerk Timurs erleichterten. Mit Pyramiden ans weiter Feyne
Auch der Palaſt am Nordoſtende der Stadt iſt ein ſtatt— liches Gebäude, aber weniger gut erhalten. Spuren alter Pracht ſind wohl vorhanden, aber Alles im Verfall. Der Nachkomme der Großmogul, den die Sipahis jetzt wieder auf den Thron ſetzten, bezog von der britiſchen Compagnie eine Apanage von 150,000 Pfd. Sterl., aber er verwandte Nichts auf die Erhaltung ſeines Palaſtes. Auch wenn man


