Jahrgang 
1857
Seite
512
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ringsum ſtille wie zuvor, dann fuhr der Kettenhund einmal wie im Traum empor und legte ſich wieder zur Ruhe; die Geſtalt aber, welche an der Scheuerecke

ſtehend dem Ambros mit den Augen gefolgt war, als er

ſich dem Hauſe näherte und den Holzbalkon beſtieg, trat jetzt langſam einige Schritte vor und ſagte für ſich hin: Er iſt bei ihr. So iſt es alſo, wie ich dachte. Sie führt's weiter, mit einem Andern weiter! Gut. Auch ich weiß mir weiter zu rathen; auch ich führ's weiter! Es war eine dumpfe heiſere Stinme, welche alſo ſprach

und es war eine höchſt ſeltſame Geſtalt, zu welcher die Stimme gehörte. Das Haupt mit wirrem Haar geſenkt,

die Blicke am Boden und die beiden Hände geballt trat die Geſtalt nach einer Weile einen Schritt näher gegen das Haus und ſagte brütend wie zuvor:

Ich will ihn erſt recht in's Netz laſſen. Er ſoll nur

warten und ſicher werden. Macht es der Lärm nur ordent⸗

lich geſchäftig, ſo ſind Zeugen da, eh' er entſpringt das Strafgericht trifft ihn wie die und ihren Alten... Ja, Geduld, ich thu's; Geduld, ich thu's! Und raſch wie von Sorge getrieben, daß er geſehen oder gehört wer⸗ den könnte, trat er wieder an die Scheuer des Gemeinde⸗ raths zurück und verſchwand hinter den Aeſten eines Holunderſtrauchs...

Gegen eilf Uhr begann der Nachtwächter ſeine erſte Stunde durch das Dorf und ſang beim Algäuer mit

ſchläfriger Stimme ſein:Ihr Herren, laßt euch ſagen;

dann ſtieß er dreimal in ſein ſchauerlich tönendes Horn,

ging langſam weiter und murmelte vor ſich hin:'s iſt

wacker finſter heut, man geht wahrhaftig wie in einem Lederſack! Vor dem Heinzelhofe ſtehend erhob er zum andern Male ſeine Stimme und ſang ſein Lied zu Ende; als er aber auch das Horn an den Mund ſetzte und den

erſten Ton glücklich aus dem Rohre hatte, hielt er plötz⸗

lich inne und blickte überraſcht nach dem Gruberhof hin⸗ über, wo es ihm vorkam, als ſei eine Sternſchnuppe über die Gebäude hingefahren; er ſann eben noch hin und

her, was der leuchtende Gegenſtand geweſen ſein konnte, als ein zweiter in Geſtalt eines Leuchtkäferleins aus dem Dache der Scheuer aufſtieg, welchem ſofort ein dritter

und immer raſcher ein vierter und fünfter folgte, aufwir⸗ belnd, über die Schindeln tanzend und wieder verlöſchend.

Es wäre jetzt ſchwerlich noch einen Moment im Dorfe ruhig geblieben, wenn nur der Nachtwächter nicht eine Weile von Entſetzen wie gelähmt geweſen wäre; erſt nach einigen Sekunden war er im Stande:Feuer! Feuerjo!

zu rufen, und dann aus ſeinem Horne ſo weh⸗ und ſchauer⸗

volle Töne zu ſtoßen, daß es des ewigen Schlafes be⸗ durft haben müßte, um nicht alsbald mit Schrecken empor⸗

gerüttelt zu werden.

Der Heinzelbauer war der Erſte, der ein Fenſter ſeiner Schlafkammer aufſtieß, um mit ſtockendem Athem

zu fragen, was denn Peinliches geſchehen ſei? Aber das

Fragen ward ihm bald erſpart, da er ſelbſt nun das

immer raſchere Aufſteigen der Funken aus dem Scheuer⸗

dache des Gemeinderaths gewahrte; im nächſten Augen⸗

blicke war er dann der zweite Schreckensherold, welcher ſeinem Hauſe und dem Dorfe die Gefahr eines Brandes

verkündete; und von nun an ſtürmte die Unglückskunde

wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus, eine Heerſchaar von Schutzengeln ſchien geſchäftig, Väter und Mütter,

Kinder und Geſinde, Greiſe und Kranke von ihren Lagern

aufzulärmen und ſie zur Hilfe zu rufen oder in Sicher⸗ heit zu bringen. Bald wälzte ſich auch der Lärm und die Verwirrung aus dem Innern der Häuſer in das Freie und nach dem Gruberhofe hin, wo ſich um die hochauf ſchlagende Flammenſäule der brennenden Scheuer eine wogende Menge drängte, helfend, ſchreiend, komman⸗ dirend, hindernd und fördernd. Je kühner und gefähr⸗ licher die Feuerſäule gegen die gerötheten Wolken ſich er⸗

hob, deſto beſſer begann die menſchliche Hilfe in einander

zu greifen, der Mühlbach und die Brunnen erſeufzten von hundert in die Fluthen getauchten und herausge⸗ riſſenen Eimern; das Ringen des Waſſers mit den Flam⸗ men wurde immer mächtiger, ziſchend und dampfend rang ſich von gelöſchten Stellen der Brand auf's Neue empor, bis er von den reicher und reicher zuſtrömenden Fluthen enger umgoſſen und der leicht verzehrbaren Nahrung in der Nähe beraubt, ſeine Flammenſäule langſam ſchmälerte und ſenkte, bis er endlich nur noch in einzelne Sprüh⸗ flammen aufſchoß und zuletzt in einem ſchwarzen Wall⸗ dampf endete, der von der bewältigten Brandſtätte auf⸗ ſtieg... die Gefahr war beſeitigt, die umgebenden Häuſer gerettet, die anwohnenden Menſchen ihres Lebens und ihrer Habe wieder ſicher... darum geſchah es denn auch, daß, während die eifrigſten Helfer um die Brandſtatt noch eine Weile rüſtig ſorgten, und auch die Möglich keit einer neuen Gefahr zu unterdrücken ſuchten, die weiter Stehenden nach und nach in ausruhende und betrachtende Gruppen ſich verwandelten. Noch zitternd am ganzen Leibe hob jetzt Mancher erſt recht alle mögliche Arten der überſtandenen Gefahr hervor, der raſche Uebergang von Entſetzen zum Bewußtſein von Sicherheit entlockte hier den bebenden Lippen ein Gebet, dort einer Mutter, die ein Kind an der Bruſt trug, eine ſtille Thräne, während Viele den Verluſt des Gemeinderaths beklagten, und einige überall leicht Reſolvirte bereits wieder zu lächeln und über manchen Zwiſchenfall ſogar zu ſcherzen wagten... Schließlich war es freilich die Eine Frage, welche Jeder⸗ mann beſonders beſchäftigte:Wie iſt der Brand ausge⸗ kommen, iſt er durch Zufall entſtanden oder böswillig an⸗ gelegt worden? Niemand wußte Antwort zu geben; und das war auch gut. Denn hätte man gewußt, wer von Seite des Gemeinderaths und einiger Männer, die mit ihm in aller Stille berathſchlagten, jetzt für ſchuldig an⸗ gegeben wurde manches Auge hätte ſich in jener Nacht nicht mehr in ſtärkendem Schlummergeſchloſſen, die Ueber⸗ raſchung und Theilnahme wäre zu mächtig geweſen. Erſt dem nächſten Morgen war es vorbehalten, ein Geheimniß offenbar zu machen, welches gewaltiger und länger als der Brand ſelbſt die Gemüther beſchäftigte. (Fortſetzung folgt.)

Delhi.

Die Augen der ganzen geſitteten Welt ſind nun ſeit Wochen auf die im tiefen Aſien gelegene Stadt gerichtet, von welcher unſere Abbildung eine Anſicht giebt. Ein unerwar⸗

tetes Ereigniß, die Meuterei der eingeborenen Regimenter in britiſch Hindoſtan, ebenſo betrübend in ſeinem Verlauf für das menſchliche Gefühl, wie politiſch folgenreich und bedeut⸗