Den Boden muß der Ackersmann Durchfurchen für die Saaten, In ſchmerzgefurchter Bruſt nur kann Die Liebe gerathen.
Drum murre nicht, du junges Blut, Ob deiner bittern Schmerzen! Die Frucht des Leidens kommt zu gut Viel duldenden Herzen.
Aus dem Weltleben.
Es iſt wirklich wunderbar, wie alles Andere in dem Momente ſchweigt, da die Herrſcher von Rußland und Frankreich, Alex⸗ ander II. und Napoleon III. zu Stuttgart im Württembergſchen Lande perſönliche Unterredung pflegen. Während des orien⸗ taliſchen Kriegs gab es doch ſelbſt in ſeiner bewegteſten Epoche noch andere Intereſſen; jetzt nicht. Gerad vor fünfzig Jahren war es freilich genau eben ſo; und der verhängnißvollen Unter⸗ redung Napoleons I. mit Alexander I. im Pavillon auf dem Niemen, welche am 25. Juni 1807 ſtattfand, folgte ſchon am 7. Juli der Frieden von Tilſit. Im vierten Artikel deſſelben hieß es:„nur aus Achtung für den Kaiſer aller Reußen und zur Be⸗ thätigung des aufrichtigen Wunſches, beide Nationen durch un⸗ auflösliche Bande der Freundſchaft und des Vertrauens zu ver⸗ binden,“ habe Napoleon eingewilligt, das Königreich Preußen blos auf die Hälfte ſeines Umfanges zu reduziren. Aber alle für
gegeben hat.“
ſpeziell zu ruſſiſch⸗franzöſiſchem Beſitze; heut dagegen iſt ſie— die offizielle Darmſtädter Zeitung ſagt es ja—„eine Bürgſchaft mehr für den allgemeinen Frieden und alſo für die Wohl⸗ fahrt des deutſchen Vaterlandes.“ Dieſe Ueberzeugung, ſagt auch die Darmſtädterin—„bricht ſich mehr und mehr Bahn,“ weil die Kaiſerzuſammenkunft„mit der Anweſenheit des Groß⸗ herzogs und des Prinzen Alexander zu Plombières in eine ſehr natürliche Verbindung gebracht werden kann und zum Orte der erſten Begegnung Stuttgart gewählt iſt, die Reſidenz eines Fürſten, der ſo viele Beweiſe von männlicher deutſcher Geſinnung Dafür ſpricht der Tag von Hohenlinden, die Führung der württembergſchen Armee gegen Rußland(1812),
das ſiegreiche Commando des ſiebenten Armeecorps(1813) gegen
Preußen demüthigende Bedingungen wurden auch in den am
9. Juli unterzeichneten franzöſiſch⸗ruſſiſchen Tractat aufge⸗ nommen. In dieſelbe Zeit fiel Alexander's Aeußerung gegen Napoleon I.„Ich haſſe die Engländer ſo ſehr wie Sie, und werde Sie in Allem unterſtützen, was Sie gegen dieſelben thun.“ Dazu verſicherte der ruſſiſche Miniſter: wenn auch jetzt Oeſtreich den Franzoſen Krieg erklären ſollte, ſo würde Rußland ſich dennoch mit Napoleon„zur Unterdrückung des Wiener Hofes“ verbünden; und Alexander fühlte ſich vor Allem überzeugt: daß„ein von Frankreich zuſammengepreßtes Preußen“ für Rußland„weit vortheilhafter“ ſein werde, als das Preußen vor 1806.
Natürlich führen wir dies Alles nicht der Parallelen halber
an; es geſchieht nur zur Auffriſchung des hiſtoriſchen Schulun⸗ terrichts unſerer wohlgeneigten Leſer. Und überdies, um ihnen ſo recht herzlich die Gegenſätze von heute vor ihr loyales Gemüth zu führen. Denn als die tilſiter Conferenz ſich in Erfurt unter dem Zuſtrömen europäiſcher Potentaten repetirte, corrigirte jae ein franzöſiſcher Officier den dreimal, wie bei den Kaiſern wir⸗ belnden Tambour:„Ne battez pas; ce n'est qu'un roi!“ Heut dagegen kommt— die Officiöſen verſichern's— der Kaiſer von Paris und der Zar von Petersburg apart nach Stuttgart, um Gratulationsſträuße zum königl. Geburtstag zu bringen. Nach dem tilſiter Frieden mußte Preußen ſein gutes Heer gewiſ⸗ ſermaßen entwaffnen, während die übrigen Truppen Deutſch⸗ lands unter dem franzöſiſchen Kaiſeradler ſtanden. Heut ma⸗ növrirt die preußiſche Armee in ſtrahlendem Waffenglanze vor dem jungen Ruſſenkaiſer, während die Darmſtädter und Würt⸗ temberger Heeresmaſſen ihn und den Kaiſer der Franzoſen in Paraden und Revuen ihr Kriegsfeuer ahnen laſſen, ſo daß— die Stuttgarter Officiöſen ſagen es— der Kaiſercongreß ausſchließ⸗ lich den Zweck hat, beide Herrſcher über eine umfängliche Reduc⸗ tion ihrer Armeen zu verſtändigen, um die Erſparniſſe für Frie⸗ denswerke zu verwenden. Damals war die Zuſammenkunft der Kaiſer für jeden deutſchen Patrioten der erſchreckende Anfang einer Theilung des europäiſchen Continents und Deutſchlands
Frankreich bei La Rothière und Sens.
Enden wir mit den für Deutſchland Heil verkündenden Un⸗ terſchieden zwiſchen Tilſit von 1807 und Stuttgart von 1857! Denn— qui vivra verra! Und wir haben trotz der glänzenden Jubeltage, doch auch auf manche Sonnenflecke den Blich zu richten. Da ſchreiben ſie z. B. von Wien in den Jubel hinein, ſeit der
großen Kriſis von 1847 ſeien Bankerotte nicht ſo zahlreich geweſen
wie jetzt. Aus Paris nicht viel anders. Gleiches tönt von Amerika herüber, wo überdies eine ſolche Ueberfüllung des Waarenmarktes bei gänzlich ſtockendem Abſatze herrſcht, daß man bereits bei uns anfängt, einzelne Artikel in Amerika zu kaufen und nach Europa zurückzuführen, weil man dabei doch noch vor⸗ theilhafter einkauft, als bei den in enormer Höhe gehaltenen Preiſen der europäiſchen Fabrikanten. Wir, das conſumirende Publikum, dürfen allerdings eine ſolche Wendung der Dinge freudig begrüßen. Aber freilich vergißt ſich dabei leicht, daß ein momentanes Stocken der Fabrikthätigkeit, wie es, abgeſehen von
dieſer partiellen Ueberproduction, in manchen Branchen auch
durch den mangelnden Abſatz nach Oſtindien bedingt iſt, die
zahlreichen Zeichen von Mißbehagen, Sorge, unbeſtimmten Be⸗
fürchtungen und bitterer ſozialer Verſtimmung vermehrt, denen wir überall begegnen. Seitdem die ganze Welt ſo eng verfloch⸗ ten iſt in allen ihren Schickſalen und Erlebniſſen, kann eben aucht der Einzelne nicht mehr daran denken, bloß ſich ſelbſt zu leben. Als man vor zehn Jahren in glücklichem Erkennen der Zeit⸗ nothwendigkeit die internationalen Congreſſe ins Leben rief, ge⸗ ſchah es, um die Kraft der Aſſoziation auch für die Potenzirung der geiſtigen Verkehrsmittel fruchtbar zu machen. Zum erſten Male ſeit dem Beginne des Jahrzehnts tagten beide internatio⸗ nale Congreſſe in Deutſchland, der ſtatiſtiſche zu Wien, der Wohlthätigkeitscongreß in Frankfurt a. M. Leider zeigte der Wiener Congreß auch diesmal die alten Spaltungen; Preußen faſt einzig unter allen europäiſchen Staaten verſagte ihm die offizielle Beſchickung! Der Frankfurter Congreß galt der Löſung des großen ſozialen Räthſels unſerer Zeit, der Hebung der ar⸗ beitenden Klaſſen— auch ihn ließ Preußens Hauptſtadt unbe⸗ ſchickt. So gedeiht nichts Gemeinſames zur Vollendung.
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