Jahrgang 
1857
Seite
501
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Die reichſten Kornfelder ziehen ſich von Ichtershauſen Unter

bis Arnſtadt und von Arnſtadt bis Plauen hinauf. dem Walpurgisgehölz und dem Zimmermannsberge breiteten ſich in dieſem Jahre Raps- und Mohnfelder aus, welche allein faſt im Stande zu ſein ſchienen, auf das Sinken der hohen Oelpreiſe einzuwirken! Die Obſtbäume hingen voll Früchte. Die Wieſen ſtanden prächtig. Von der Waſſerleite wird köſtlicher Wald gehegt. Weiterhin werden die Berge kahl, ein einzelner breiter Nußbaum, eine ſtarke Eiche be⸗ weiſen indeß, daß Anpflanzungen wohl fortkommen würden.

Im Thale wie auf den Bergen breitete ſich die lieblichſte Flora aus und manches Pflänzchen war beachtenswerth. Am gefühlvollen Vergißmeinnicht fehlte es natürlich nicht und nicht an ſeinem ſchönen aber bösnamigen Verwandten, dem Natternkopf(beide Asperafoliaceen). Reichlich blühte Salbei in den Wieſen. Auf den Hügeln zogen Campanula, funkelnde Federnelken und wilde, wilde Roſen hin. Dort erhob ſich die Königskerze, hier die Oſterluzei(Aristolochia Glema- titis) mit ihrem dunkelgrünen, kräftig duftenden Blatt. Aus den reifenden Saaten ſchauten Wachtelwaizen, Erdrauch, Adonisröschen, vom Volke, das keinen Götterliebling kennt, Teufelsglotze genannt. Auf den ſteilen Kalkbergen, welche das Jonasthal umſchließen, und in deren Felſenmaſſen Falk und Eunle ungeſtört horſten, ſiedelt der Mauerpfeffer(Sedum acre), die ſeltene Graslilie(Anthericum Liliago) und die gelbblühende Gentiana lutea, welche dieſe Berge in der Botanik berühmt gemacht hat.

Faſt alle die Stadt umgebenden Gärten ſind von Mauern umzogen, ſo daß der Hineinblick verwehrt iſt. Nur der hübſche Sommeraufenthalt von Willibald Alexis macht eine Ausnahme. Raſenplätze und Bäume bilden den Schmuck des Dichterſitzes.

Arnſtadt ſelbſt iſt ein freundliches Landſtädtchen, das aus der Zeit, wo es landesherrliche Reſidenz war, manche Zierde und manche Ueberlieferung bewahrt, übrigens ſich in ſein Schickſal, ohne Hof exiſtiren zu müſſen, gar wohl gefun⸗ den hat. Mögen andere Städte, welchen eine ähnliche Einbuße früher oder ſpäter bevorſteht, am gewerblichen, fröhlichen Arnſtadt ein Beiſpiel nehmen!

Das Schloß, deſſen hoher Thurm die weite Gegend be

herrſcht, wurde um die Mitte des 16. Jahrhunderts vom

Grafen Günther dem Streitbaren erbaut. Gegenwärtig iſt ſein Hauptgebäude eingeſtürzt; ein anderer Theil dient als Sitz der Landescollegien. An die Gebäude ſchließt ſich der von einer ſtattlichen Lindenallee kreuzweiſe durchſchnittne Schloßgarten, welcher jedoch zu umfangreich iſt, als daß er unter jetzigen Verhältniſſen ausſchließlich der Augenweide dienen dürfte: er iſt zum Theil der Gärtnerei und der Feld⸗ wirthſchaft gewidmet.

ein hübſches Rathhaus, das nach dem Muſter des Stadt⸗ hauſes von Brüſſel in einer Zeit gebaut wurde, wo die Nie⸗ derlande für Fürſten und Bürger als Stätte der Bildung

und des guten Geſchmacks galten; nach einem Brande jedoch

i*ſt der urſprüngliche Plan des Rathhauſes mehrfach verlaſſen worden. Arnſtadt's Dom, die Liebfrauenkirche, welche von Hrn. v. Hammer für die älteſte Kirche Thüringens gehalten wird und ſich in Puttrich's Denkmälern altdeutſcher Bau⸗ kunſt abgebildet findet, erſcheint in argem Verfall. Noch ſind Skulpturen der Tempelherrn und Gnoſtiker daran zu ſehen. Vor dem völligen Zuſammenſturz iſt der alte Bau zwar durch eine Reſtauration vom Jahre 1835 geſchützt worden,

allein zu ſeiner Herſtellung für den gottesdienſtlichen Ge⸗ geſammelt und geleitet.

brauch fehlen bis jetzt die Gelder.

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Uralt iſt Arnſtadt. Schon in einem Diplom vom J. 704 wird ſeiner gedacht, indem Herzog Heder von Thüringen, welcher im ſonnigen Würzburg reſidirte, ſeinen Herrenhof Arneſtate an der Weiße dem um die Heidenbekehrung in Thüringen verdienten Biſchof Willibrod von Utrecht ſchenkte. Von Willibrod kam Arnſtadt als Villa alſo als Weiler an die Abtei Echternach im Luxemburg'ſchen(726), von der es ſpäter an die reiche und um die Civiliſation verdiente Abtei Hersfeld gelangte. Dann muß es eine Zeit lang kaiſerliche Pfalz geweſen ſein, die ſächſiſchen Kaiſer, welche fleißig in Erfurt, Merſeburg und Eckardsberga ein⸗ und ausritten, weilten auch wiederholt in Arnſtadt und Otto I. und Hein⸗ rich II. hielten hier Reichstage. Im Jahre 1198 erkoren die zu Arnſtadt tagenden deutſchen Fürſten Herzog Philipp von Schwaben zum Kaiſer und nach deſſen Ermordung wurde hier wieder Otto, Heinrichs des Löwen Sohn, zum Reichsoberhaupt ausgerufen. Das waren ſtürmiſche aber

ſtolze Zeiten für Deutſchland!

An das Haus Schwarzburg kam Arnſtadt im 14. Jahr⸗ hundert durch Kauf von den Grafen von Käfernberg und Orlamünde, Heinrich XII. verlegte 1320 ſeine Hofhaltung von Blankenburg nach Arnſtadt, und Nachkommen von ihm reſidirten hier ohne nennenswerthe Vorkommniſſe bis 1716. Als Arnſtadt's Berühmtheiten werden der Maler Alexander Thiele( 1752) und Heinrich Bach ſo wie der große Sebaſtian Bach genannt, welcher wenigſtens eine Zeit lang als Hofor⸗ ganiſt hier lebte. Daß die Familie Bach aus Ungarn ſtamme, ſcheint unbegründet zu ſein, da ſich der Name Bach Jahr⸗ hunderte vor Sebaſtian in den Kirchenbüchern Arnſtadts und der Umgegend findet. Jener künſtleriſche und wiſſenſchaft⸗ liche Sinn, welchen das Hofleben zu pflegen nicht ſchicklich umhin konnte, findet gegenwärtig im Lehrerperſonal des Gymnaſiums den Mittelpunkt und manche Beamten ſchließen ſich rühmlich an. Profeſſor Döbling, der vielgewanderte, iſt für ganz Arnſtadt ein eben ſo liebenswürdiger wie beſchei⸗ dener und unermüdlicher Auskunftgeber in allen naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Dingen und manches landwirthſchaftliche und in⸗ duſtrielle Unternehmen, und manche Verſchönerung der Um⸗

gegend verdankt ihm die Anregung. Durch Willibald Alexis

(Dr. Hering) würde Arnſtadt unſtreitig mehrfache Genüſſe empfangen, wenn dieſer verehrte Nationalſchriftſteller nicht ſeit längerer Zeit körperlich leidend wäre.

Für Badegäſte, welche ganz Thüringen in den Sommer⸗ monaten bevölkern, iſt Arnſtadt ein freundlicher Aufenthalts⸗ ort und man ſieht die bedächtigen Fremden in der ſchönen Umgebung der Stadt überall luſtwandeln. Arnſtadts Wohl⸗

ſtand beruht hauptſächlich jedoch auf ſeinen Naturproducten. Zwar will die Saline wenig bedeuten, denn betrug der Salz⸗ Am Marktplatz erhebt ſich neben einem neueren Schloß

gewinn ehemals 3 bis 4000 Tonnen, ſo werden gegenwärtig kaum noch 1000 bis 1200 Tonnen nebſt etwas Viehſalz ge⸗ wonnen und man muß ſehr langſam pumpen, um hinreichend geſättigte Soole zu bekommen. Dagegen gedeihen auf der 4800 Morgen haltenden Stadtflur die Feldfrüchte, wie ſchon angedeutet, vortrefflich. Iſt die Düngung noch keineswegs mit Liebig in der Weſtentaſche auf den Acker zu tragen, ſon⸗ dern ſind die anſehnlichſten Fuder durchaus wünſchenswerth, ſo iſt der Fleiß wenigſtens bedacht, jede von Erfahrung und Wiſſenſchaft empfohlene Miſchung des Erdreichs vorzunehmen und Jod, Brom, Infuſorien und Schaalthiere enthaltender

Schlamm der ſtehenden und fließenden Gewäſſer werden

ſorglich benutzt. Quell⸗ und Regenwaſſer wird mit Umſicht Die Kunſt⸗ und Handelsgärtnerei

von Gottholdt u. Comp. iſt bis Ungarn hin bekannt; der