Jahrgang 
1857
Seite
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großen Bettlaken, nahm den zitternden Hauswirth in ihre Mitte und führte ihn vor das Mauerwerk des größten Zim⸗ mers, welches mit den ſchauerlichſten Malereien bedeckt war und woran alle Miether nach ihrem Gutdünken ihren Theil hinzugeſetzt hatten.

Sehen Sie hier, Unglücklicher! rief die ganze Bande, Sie ſchulden uns für dieſe Fresken noch Bezahlung!

Das iſt wahr! ſagte der brave Mann, ging fort und verlangte nie wieder ſeine Miethe.

In einzelnen Kaffeehäuſern florirte das Zigeunerleben

außerordentlich, beſonders in denen, die, wie es in Paris der

Fall iſt, zu den Theatern gehören. Faſt giebt es keinen Schriftſteller, keinen geiſtreichen Mann kann man ſagen, der nicht einmal an dem Zuſtandekommen einer jener literariſchen Seifenblaſen mit geholfen hat, die man Vaudeville nennt. Das hat der Graf Walewsky gethan, der heute Miniſter iſt; das that General Cavaignac; das thut in Paris jeder lebensluſtige junge Mann. Viele thun es aus Liebhaberei, Viele werden alt und grau dabei, und thun es aus Ruhm⸗ ſucht oder wegen des Gelderwerbs. Ein Vaudeville aber iſt ſelten das Werk eines einzigen Menſchen; zwei, drei und noch mehr pflegen es zu vertreten, in einer Stunde, in zwei lebt es doch nur auf den kleinen Theatern, deren es mehr denn zwanzig in Paris giebt es lebt einen Abend, zwei, drei, höchſtens vier; dann iſt es todt geſungen. Aber kein Zigeuner, der nicht Vaudeville's machte, kein flotter Student, der ſich im Theater nicht ſelbſt belachte, oder wenns Glück gut iſt, ſich ſelbſt mit auspfeifen half.

Die Stammgäſte des Café des Variétés, welches im Hauſe des Theaters gleichen Namens ſich befand, waren ausſchließlich Zigeuner. Wie der Pariſer thut, frühſtückten ſie um zwölf Uhr und aßen um 6 Uhr zu Mittag; aber, war es gerade ein Tag, wo ſie Béranger'sGott der guten Leute leben ließen, ſo machten ſie aus Frühſtück und Mittag eine einzige Mahlzeit, das heißt, ſie blieben von Mittag bis Abend im Kaffé ſitzen, tranken ſehr viel, machten Schnurren und Witze oder Theaterſtücke. Das war ein Leben beim Nachtiſch, als wenn die Muſen Griechenlands, gute wie ſchlimme, hier ſtatt der Kellner bedienten! Da gab es Steg reifdichtungen, ſo lange das Glas ſich füllte, und um ſo ſchönere, je weniger Geld die luſtige Geſellſchaft von Bohé⸗ miens summa summarum beſaß! Da wurde gemeinſam gearbeitet zwiſchen Obſt und Käſe, bei gutem Medoc und Champagner.

Ihrer ſieben oder acht vereinigten ſich dann oft, um einen Act zu fabriciren; niemals fabricirten daran weniger als drei bis vier; allein unterſtand es ſich aber nimmer ein echter Bohémien! Und ſelbſt der Kaffeewirth, wenn man mit ihm und ſeinen Speiſen zufrieden war, wurde alsdann

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zu Rathe gezogen; ja, der Kellner hatte ſogar ſeine Partie werden!

als Mitarbeiter, dieBotengänge, wie man es nannte.

Sowie es nämlich an's Bezahlen der Rechnung ging, ſchickte man ihn mit einer Rolle und einem kleinen Briefe an den Director nach dem Theater hinauf. Der Inhalt des Send⸗ ſchreibens war etwa:Dringendes Geſuch um einen Vor⸗ ſchuß von fünf Louisd'or auf die Einhändigung gegenwär⸗ tigen Manuſcriptes ſeitens der Herren von unten. Der Director ſchickte alsdann jedesmal die fünf Louisd'or, ohne jedoch erſt das Manuſcript zu öffnen, wohl wiſſend, daß es nur ehrliches weißes Papier war. Aber nach Verlauf einiger Minuten wurde es zurückgefordert,um ein paar kleine Abänderungen darin vorzunehmen; und nun machten ſich die Zigeuner an die Arbeit und verließen nicht eher das Kaffeehaus, als bis das Stück und ſeine Couplets vollendet war, wenn ſie auch, falls die fünf Louisd'or nicht ſo lange vorhielten, noch ein neuesdringendes Geſuch wegen Vorſchuß an den Director hinaufſchicken mußten. Das war förmlich Mode unter erſten literariſchen Zigeunern, und die nicht für dies Theater arbeiteten, die thaten es für ein anderes; ja, die Theaterkaffeewirthe waren förmlich

eifrige Nebenbuhler darin, wer von ihnen die beſte Zigeuner⸗

Geſellſchaft mit den beſten Vaudevilles beſitze! Das Vau⸗ deville ſelbſt beſtand nur aus einem Acte, durchaus nicht mehr; auch bekümmerte man ſich nicht groß um eine In⸗ trigue; was man verlangte Seitens des Publikums, das war Jovialität, ein Witz und Couplets.

Die Zeit hat heute vielleicht Manches von dieſem Reiz des Pariſer Zigeunerlebens genommen, denn die Kunſt iſt heute ja viel weniger Vergnügen, als ein Handwerk; die Sucht nach Geld und der Materialismus hat die echten Künſtlernaturen ins Grab gebracht. Gab es doch auch in Deutſchland früher ſolche Zigeuner; denn was waren die Serapionsbrüder im Grunde Anderes? Auch, daß ich ein anderes Factum erzähle, machten vor etlichen Jahren drei deutſche Dichter eine Reiſe nach dem Harz. Alle drei hatten aber kein Geld, ein Unglück, welches ſich erſt entdeckte, als ſie die Rechnung im Gaſthauſe bezahlen ſollten; denn Einer hatte ſich auf des Andern Kaſſe verlaſſen. Was war zu thun? Damals ſlorirte noch der Buchhändler Baſſe in Quedlinburg, ein drolliger Kauz, der für jeden Roman zwanzig Thaler Honorar zahlte, ohne je davon abzugehen, ſelbſt ohne das Manuſcript vorher zu leſen. Zwanzig Thaler lagen für Jeden da, der ihm einen Roman anbot. Unſer dichteriſches Trio ſetzte ſich alſo in ſeiner Verzweif⸗ lung hin und ſchrieb über Tag und Nacht einen Roman, viel Räuber und Mord darin, in jedem Capitel ſtarben drei oder vier. Einer ging darauf mit dem fertigen Leichenwerk hin⸗ unterzu Baſſe'n. Baſſe zahlte ſeine zwanzig Thaler und die Geſellſchaft war gerettet. Wer dieſe Dichter waren? Ich glaube, zweien davon würde es heute wenig ange⸗ nehm ſein, an ihr Zigeunerleben von damals erinnert zu

Thüringer Skizzen. Von A. B. I. Arnſtadt.

Martin Luther's Wort, Arnſtadt erſcheine ihm wie eine Schüſſel voll rothgeſottner Krebſe mit Peterſilie garnirt, beweiſt zwar des Reformators gute Laune bei der Durch⸗

reiſe; aber der Ausſpruch paßt nicht recht, weil in Wirk⸗

lichkeit weniger die Krebſe, als vielmehr die prächtige Peter⸗ ſilie und der breite Schüſſelrand der Berge bei einem Ueber⸗ blick des ſchönen Thales, dort wo die Weiße ſich mit der Gera verbindet, als Hauptſache genommen ſein wollen.