Jahrgang 
1857
Seite
499
Einzelbild herunterladen

auch nach

zu⸗ nden

* V.

und ſind.

erden eder Jahr⸗ tion irth⸗

iner An⸗

ddet;

Inen ats⸗ die ſchafft

ir be⸗ lichen n ein rswo. eſtens erbs⸗ rerem dlich, der an

renden

Zuſtände Vieles fürböhmiſche Dörfer an; wie Deutſch⸗ aus ihm zu ſcheiden.

land ihnen halb Mythus(ohne Anſpielung, wenn ich bitten darf) und halb ruſſiſche Provinz zu ſein ſcheint, ſo iſt Böhmen das Land aller Strolche und Romantik, aller Sagen und geheimnißvollen Perſonen für ſie. So haben ſie Böhmen und Zigeuner mit der liebenswürdigen Naivetät, die ihnen eigen iſt, zu einem Geſammtbegriff vereinigt, und für Beide haben ſie das einzige Wort: Bohémiens. Arme Böhmen! Wir zählen ſie doch mindeſtens noch zu den vier⸗ unddreißig Millionen Unglücklichen, die unter dem Namen Deutſche exiſtiren, muß ihnen noch das Unglück paſſiren, für Zigeuner gehalten zu werden? Aber, wird man endlich fragen, wer ſind denn die Zigeuner von Paris? Sind dies Böhmen? Nein es ſind, ſchlechthin geſagt, Literaten!

Die Franzoſen ſind im Witzemachen ziemlich erfahren und haben ihr Talent darin bei großen und kleinen Gelegen⸗ heiten genügend bewieſen. Auch dieſer Witz iſt keiner ihrer ſchlechteſten. Literaten für Zigeuner zu halten iſt viel weniger paradox, als es Anfangs den Anſchein hat, und daß man es in Deutſchland noch nicht gethan hat, das ent⸗ ſpringt aus dem großen Nationalgefühl, welches zartſinnig Anſtand zu nehmen pflegt, die Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen. Ein Schriftſteller in Deutſchland, im Grunde ein ganz guter Kerl, gilt ſchlechthin für einen ver⸗ kommenen Charakter, für einen Demagogen, Umſtürzler und Muckebold, dem man nicht viel trauen darf: viel Aehn⸗ lichkeit mit Zigeunern läßt ſich in Bezug dieſer ſchmeichel⸗ haften Attribute nicht leugnen, auch nicht, daß gerade das große Publikum, die Maſſe, mit Zigeuner-Literaten am meiſten zuſammen kommt, während ihm die geſitteteren fremder bleiben; aber, wie ſchon die Weltgeſchichte lehrt und die Literaten Homer, Shakespeare, Molièére und Goethe be⸗ weiſen, der Schriftſteller in und außer Deutſchland iſt ein Menſch, der viel vertragen kann und einen breiten, breiten Rücken hat.

In Paris, welches in Bezug auf Literatur, politiſches Leben und Kunſt ganz Frankreich bedeutet, bilden die Zigeu⸗ ner, oder Bohémiens, eine ganz beſondere Schriftſteller⸗ klaſſe. Es gehören große und kleine, ſchlechte und gute, ſelbſt Maler und Künſtler aller Art dazu, es kann einer, wie Balzac ſagen würde,Marſchall der Literatur ſein,

499

Zu zerfleiſchen und nennt das Kritik.

Bis heut hat der Eine gelebt wie ein gewöhnlich Menſchenkind; Neigung und Zufall läßt ihn morgen Zigeuner werden, bis auch dies regelloſe Leben, wie Alles, ſeinen Reiz verliert und eine Ehe oder ein Amt dazu hilft, dem burſchikoſen Leben Valet zu ſagen. Es iſt ein Orden, der ſich immer rekrutirt, deſſen Mitglieder ſtets wechſeln mit der Zeit und mit den Jahren es giebt be⸗ mooſte Häupter darin und alte Geſellen, die wie Zigeuner ſterben wollen. Aber wer daraus ſcheidet, der thut es ungern, mindeſtens mit Dankbarkeit für die genoſſenen Stunden à la Bohémienne! Die literariſchen Zigeuner bilden ein Herz und eine Seele, ſie ſtehen Alle für Einen und Einer für Alle; ſie arbeiten zuſammen, ſie verzehren zuſammen und machen Schulden en compagnie; was der Eine leiſtet, lobt der Andre, Kameradſchaft iſt das erſte Weſen ihrer Exiſtenz, und die franzöſiſche Camaraderie hat ſchon vielen Schriftſtellern zu ihrem Ruhm verholfen. Darin unterſcheidet ſich ein franzöſiſcher Schriftſteller ſtark von einem deutſchen. Der erſtere ſucht jede Gelegen⸗ heit auf, ſeinen Cameraden als Weltwunder hinzuſtellen; der deutſche Schriftſteller liebt es ſeinen beſten Freund öffentlich Der Franzoſe erſtreckt die Camaraderie ſo weit, daß er jedes Werk ſeines Collegen als ein Meiſterwerk dem Publicum anpreiſt, der große

Deutſche erſtreckt ſeine kritiſche Größe ſo weit, daß er Mei⸗

und Academiker, Ritter der Ehrenlegion undgedrückt vom

Hauch des Ruhmes ein Zigeuner iſt er doch, ein Bohé- mien wird er trotzdem ſein. Der Bohémien von Paris iſt eine Künſtlernatur, heute arm und morgen reich, ſchwimmend im Meer des ganzen Pariſer Lebens, immer oben auf wie Fett, ſtets heiter und flott, weder um Morgen noch um Abend, weder um Vergangenheit noch Zukunft ſich kümmernd. Er arbeitet wie es ihm gefällt, er genießt das Leben wie ein Paſcha, er ißt mit dem Appetit eines Marſchalls von Sach⸗ ſen, hat einen Rock und hundert Götter, ein braves Herz und einige hundert Göttinnen. Der Zigeuner von Paris iſt der franzöſirte deutſche Student; Polizei und Stadtſer⸗ geanten kümmern ihn wenig; Kaffeewirthe und Weinhändler ſind ſeine Freunde; Ordnung iſt ſelten ſeine Leidenſchaft aber jovial und ſorgenlos durchs Leben zu wandern, der Kunſt ein Vivat und dem Philiſter ein Pereat zu bringen, das iſt ſein Hochgenuß. Sie gehen nicht in beſonderer Klei⸗ dung, erkennen ſich auch nicht an Zeichen und Bändern; wer ſo lebt wie ſie, der iſt ein Zigeuner; wer ſo leichtſinnig und jovial, ſo ſorgenlos und heiter, ſo ſpielend und als Jünger der Kunſt ſein Bischen Creatur der Menſchheit anvertraut, der gehört zum Orden der Pariſer Bohémiens. Einem Jeden ſteht es frei in denſelben zu treten, einem Jeden,

ſterwerke ſeines Freundes im beſten Falle als ein ziemlich gutes Werk hinſtellt. Die einen loben zu viel, die andern tadeln zu ſehr; der Franzoſe bleibt Camerad, wenn er auch nicht mehr Zigeuner iſt; der Deutſche iſt nur ein Freund ſeines Collegen, wenn er zu ſeiner Clique gehört; ohne dies geht er immer auf Raub und Kämpfe aus.

Das Zigeunerleben von Paris hat ſich verändert je nach den Zeiten; die Stürme des Pariſer Lebens haben es heute zerſplittert, morgen wieder Blüthen treiben laſſen. Unſtät und regellos wie es iſt, hat es keine Ordnung; heut erſcheint es ſo, morgen ſo, nur iſt es immer jovial und voller künſt⸗ leriſcher Nachläſſigkeit; immer voller luſtiger Streiche und geiſtreicher Thorheiten. Man hat vielfach geſagt, dieſe

Zigeuner von Paris ſeien arme Teufel verkommene Künſt⸗

ler und Schriftſteller: einige kleine Züge, die ich mittheilen will, werden beweiſen, wie irrig dieſe Anſicht iſt.

Theophile Gautier, Arſène Houſſaye, Alphonſe Karr, Gérard de Nerval waren z. B. ſolche Zigeuner ob ſie es heute noch ſind, weiß ich nicht. Seit zwanzig Jahren zählen wir ſie ſchon mit zu den beſten Romanſchriftſtellern; der Erſte iſt heute beim kaiſerlichen Moniteur, der Zweite ein

penſionirter Theaterdirector, der Dritte ein reicher Landbe⸗ ſitzer, der Vierte hing ſich vor zwei oder drei Jahren in

einer Sackgaſſe aus Melancholie auf. Dieſe ganze luſtige und berühmte Schaar bewohnte, es iſt vielleicht zehn Jahre her, ein altes, klappriges Haus. In dieſem Hauſe gab es außerdem Componiſten, Maler und Bildhauer lauter Zigeuner aus Paris, Künſtler aller Art, nur einig im Scherz, im Fühlen und Lieben, im burſchikoſen Wandel und in jovialer Herzlichkeit. Wie ſie da wohnten, hätte man glauben ſollen, daß ſie eine jener draſtiſchen Gruppen in Callot's Manier in Wirklichkeit darſtellen wollten; es war ein lärmender, ſonderbarer, unbeſchreiblicher Kreis; die Zimmer waren nach ihrem Geſchmack bemalt und decorirt, und der Hausbeſitzer wagte es nicht, von ihnen die Miethe zu verlangen.

An dem Tage, wo er zum erſten Male dieſe Unartigkeit beging, vereinigte ſich die ganze luſtige Compagnie, zum Theil in den wunderlichſten Anzügen, im Hemd oder umhüllt von