Jahrgang 
1857
Seite
496
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der ſeinen Zweck alsVerbeſſerung der ſocialen und phyſiſchen Lage der arbeitenden Klaſſe und Erhaltung ihrer Geſundheit bezeichnete, und bald bürgerten ſich die öffentlichen Waſch anſtalten dort ſo ein, daß ſie ein unentbehrliches Bedürfniß wurden und es verhältnißmäßig nur ſehr wenige Familien giebt, welche ſich derſelben nicht bedienen. Dieſe Erfolge waren wohl natürlich. Die Wäſche einer Arbeiterfamilie, zu der die Frau im Hauſe 2 3 Tage gebraucht, die alſo außer den Koſten für Feuerung, Waſſertragen u. ſ. w. den Arbeitslohn für 23 Tage in Anſpruch nahm, wird in der Waſchanſtalt für den Koſtenbetrag von etwa 3 Sgr. in einer

Zeit von etwa 3 Stunden hergeſtellt, und die Befürchtung,

daß die Wäſche durch das Waſchen in den öffentlichen Waſch⸗ anſtalten mehr denn früher angegriffen werden möchte, ſtellte ſich bald als ein völlig grundloſes Vorurtheil heraus; denn, da der größere oder geringere Verbrauch von Dampf und heißem Waſſer auf den Koſtenpreis ohne Einfluß iſt, die Wäſcherinnen alſo aus ökonomiſchen Rückſichten nicht ge⸗ zwungen ſind, das heiße Waſſer möglichſt lange zu benutzen, das ſchmutzige Waſſer vielmehr möglichſt oft durch reines erſetzen können, ſo iſt einerſeits das Reiben der Wäſche beim Waſchen ſelbſt nicht in dem Umfange nöthig, als es bei der gewöhnlichen Hauswäſche der Fall ſein würde, andrerſeits aber wird das die Wäſche angreifende Ausringen des Waſſers mit der Hand gänzlich vermieden und ſtatt deſſen das Waſſer ohne allen Nachtheil für die Wäſche mittelſt Centrifugal⸗ Trockenmaſchinen beſeitigt.

Die Veranlaſſung zur Errichtung der öffentlichen Waſch⸗

und Badeanſtalten in Berlin war der verſtorbene Polizei⸗ präſident von Hinkeldey. Auf ſeine Aufforderung bildete ſich eine Actiengeſellſchaft von Kaufleuten und reichen Pri⸗

vatmännern, welche ein Grundcapital von 113,700 Thalern

zur Errichtung von 4 Waſch⸗ und Badeanſtalten zeichnete und am 1. Juni 1854 von der Staatsregierung als ſolche beſtätigt wurde. Von dem richtigen Princip ausgehend, daß die Anſtalten in den vorzugsweiſe von der ärmeren

Volksklaſſe bewohnten Stadttheilen liegen müßten, erwarb

die Geſellſchaft zuerſt das Grundſtück Schillingsgaſſe Nr. 7/9, auf dem nun die erſte öffentliche Waſch⸗ und Badeanſtalt nach den Anſchlägen und Zeichnungen ihres techniſchen Mitgliedes, des Brand⸗Directors Scabell, er⸗ richtet wurde. Derſelbe hatte die engliſchen, franzöſiſchen und belgiſchen Waſch- und Badeanſtalten bis in die kleinſten Details kennen gelernt, und ging bei Errichtung derſelben von zwei Geſichtspunkten aus, von dem der größten Solidi⸗ tät und dem der möglichſten Vollkommenheit. Daß ihm die Erreichung dieſer beiden Ziele, nach denen er ſtrebte, ge⸗ lungen iſt, geht daraus hervor, daß jetzt neuerdings in Eng⸗ land Waſch⸗ und Badeanſtalten nach der Berliner Muſter⸗ anſtalt gebaut werden.

Eine Anſchauung der Fronte der Anſtalt in der Schil⸗ lingsgaſſe giebt den Leſern die beigefügte Illuſtration. Das ſämmtliche Mauerwerk derſelben iſt in Ziegel⸗Rohbau mit Portland⸗Cement ausgeführt. Um das Gebäude mit ſeiner Architektur mehr hervortreten zu laſſen, iſt das Mauerwerk durch blau glaſirte Schichten unterbrochen, und dieſelbe Farbe iſt als decoratives Moment für die Gurt⸗ und Hauptgeſimſe gewählt worden. Bei der innern Einrichtung iſt alles Holzwerk, mit Ausnahme der Wohnräume, in die jedoch keine Näſſe geführt werden kann, vermieden. Statt deſſen iſt überall der Schiefer ſowohl zu den innern Scheide⸗ wänden, als auch zu den Zellenthüren und zu dem Fuß⸗ boden verwendet worden. Durch die Anwendung dieſes Materials iſt, abgeſehen von der größeren Dauerhaftigkeit

deſſelben nicht nur die für derartige Anſtalten unumgäng⸗ lich nothwendige Reinlichkeit und Sauberkeit im größt⸗ möglichſten Maaße erreicht, ſondern es wird dadurch auch einem Uebelſtande begegnet, der dem Beſucher meiſt in allen Badeanſtalten entgegentritt. Es iſt nämlich dadurch jener durch nichts zu vertreibende üble Geruch gänzlich beſeitigt worden, den die Pilze u. ſ. w. ausdünſten, welche ſich in Folge der fortwährenden Näſſe in allen Waſch⸗ und Badeanſtalten an den ſchwer zugänglichen Theilen des Holz⸗ werkes anſetzen und in Folge des mangelnden Luftſtroms nur noch unangenehmer und ſtärker wird. Deshalb iſt hier eine genügende Luftcirculation auch dadurch hergeſtellt, daß die 7 Fuß hohen Badezellen oben offen ſind und oben durch die in dem Dachforſt angebrachten Ventilatoren, nach unten hin dadurch, daß zwiſchen dem Fußboden und der Seiten⸗ wand der Wanne ein offener Zwiſchenraum bleibt, fort⸗ während friſche Luftſtrömungen erfolgen. Ueber das Füllen und Entleeren der Badewannen habe ich mich ſchon ausge⸗ ſprochen; es bleibt mir über die innere Einrichtung der Badeanſtalt nur noch das zu ſagen, daß dieſelbe während des ganzen Jahres natürlich in den Sommermonaten von 6 Uhr Morgens, in den Wintermonaten von 8 Uhr Mor⸗ gens an bis 9 Uhr und bis 11 Uhr Abends an den Sonn⸗ abenden und Sonntagen geöffnet iſt. Die Zulaſſung zum Baderaum erfolgt nach der Billet-Nummer, jeder Badegaſt kann ſich eine halbe Stunde im Baderaum aufhalten. In den Monaten Juni, Juli, Auguſt und September werden in der Regel nur kalte, in den übrigen Monaten dagegen in der Regel nur warme Schwimmbäder verabreicht. Die Preiſe des Schwimmbades ſind:

für ein kaltes Bad...... 1 Sgr. warmes.. 2

Die Preiſe für die Männer⸗Wannen⸗Bäder:

für ein kaltes Bad I. Kl. 3 7 7 II. 77 2 warmes,, I.... 4 77 7 II. 7,= 3 7

Jeder Badegaſt iſt berechtigt ſein Bad bereiten zu ſehen, und kann reines Waſſer beanſpruchen; dies iſt ſein Recht. Das warme Bad wird ſo warm bereitet, wie der Badende es wünſcht, jedoch nicht über 25 Grad R. Mediziniſche Bäder werden nicht gegeben.

Ich gehe nun zur Beſchreibung der Waſch⸗Anſtalt über. Der Eingang zu derſelben iſt an der rechten Seitenfront und führt zuerſt zur Caſſe. Die Thür iſt mit einer ſehr ſinn⸗ reichen Einrichtung verſehen. Sie kann nur von innen ge⸗ öffnet werden; der Druck auf die Thürklinke ſetzt aber eine Glocke in Bewegung, welche durch ihr Anſchlagen die Frau an der Caſſe benachrichtigt, daß die Oeffnung erfolgt ein zur Controle der Hinausgehenden ſehr geeignetes Mittel. Der Eingang zu der Waſchanſtalt iſt ausſchließlich für Frauen beſtimmt; er führt, wie geſagt, in die Caſſe, von da links in das Frauenbad, aus 6 Wannenbädern beſtehend, rechts in die 12 Waſchräume I. Klaſſe und 24 Waſchräume II. Kl., in das Plättzimmer, die Rollkammer, ſowie in den Waſch⸗ raum für die Anſtalt.

Die innere Einrichtung der Frauenbäder iſt der der Männerbäder ganz analog. Ich kann alſo von der Be⸗ ſchreibung derſelben abſtrahiren und erwähne nur, daß dort keine Klaſſeneintheilung ſtatt findet, und das einzelne Bad 2 ½ Sgr. koſtet.

Die hieſige Waſchanſtalt hat gegen mehrere engliſche Anſtalten und die Anſtalten in Brüſſel den Vorzug, daß ſich die Trockenſtänder nicht an einer Seite, ſondern in der