Jahrgang 
1857
Seite
493
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ſeine beiden Vorgeſetzten ließen ihm aber gar keine Zeit, auch nur zu Athem oder zu ordentlicher Beſinnung zu kommen. Der Capitain fuhr gleich darauf an Land, ſeine Geſchäfte dort zu beſorgen, als ob nicht das Geringſte vorgefallen wäre, und der Oberſteuermann trug indeſſen in das Logbuch ein, daß der Capitain der Iſegrimm am 27. vorigen Monats über Bord gefallen, von ihm dem Oberſteuermann aber mit eigener Lebensgefahr im kleinen Boot gerettet ſei. Das Schiff hätten ſie indeſſen in der Nacht verloren, und ſeien endlich glücklich von einer amerikaniſchen Brigg aufgefiſcht, die ſie nach Batavia gebracht hätte, wohin der Unterſteuermann indeß das Schiff geführt habe.

Die Geſchichte, die der Unterſteuermann indeſſen ſchon in demſelben Buch eingetragen, und wonach die Beiden das Schiff mit dem Boot auf unbegreifliche Weiſe verlaſſen hatten, ließ er ruhig ſtehn, wurde doch dieſelbe durch die zweite erklärt und aufgehoben.

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kaufte außerdem die von der Dſchunke geborgenen Güter, wobei er die Mannſchaft vollkommen mit dem ihr zuge

kommenen Theil befriedigte, und nahm dann neue Fracht

nach ſeiner Vaterſtadt.

Der Unterſteuermann machte allerdings noch einmal eine Anſpielung auf das vermuthete Gold; der Ober⸗ ſteuermann nannte ihn aber einfach einen Eſel und ſagte ihm, er ſolle ſelber ſuchen wo er es fände, und damit war die Sache abgemacht.

Als ſie zu Haus kamen, erhielt der Capitain ein ſehr ſchönes Geſchenk von den Rhedern, für den Antheil den

er von der geborgenen Oſchunkenladung mitgebracht und

Der Capitain aber löſchte hier ſeine Ladung; ver⸗

der Oberſteuermann bekam das Commando einer kleinen Brigg. In die Stelle deſſelben, an Bord der Iſegrimm rückte aber ein Vetter des Rheders, ein junger Menſch der drei Jahre Schiffsjunge auf einem anderen Schiff geweſen war und dann die Steuermannskunſt zu Haus gelernt hatte, und Meier blieb nach wie vor Unter ſteuermann.

Berliner Skizzen. Von Guſtav Naſch. II. Heffentliche Waſch⸗ und Badeanſtalten.

Es iſt keine ſo leichte Aufgabe, die innere Einrichtung einer öffentlichen Waſch⸗ und Badeanſtalt in Berlin zu ſehen, wie Sie ſich vielleicht denken. Der Fremde, der vorher London, Paris oder München beſucht hat und auf ſeiner Tour durch Europa nach Berlin kommt, abſtrahire hier überhaupt ja von der Idee, mit derſelben Dreiſtigkeit und Ungenirtheit durch die Muſeen, Gallerien, Sammlungen und öffentlichen Anſtalten hindurch zu ſpazieren, wie dort; hier bezahlt man für den Eintritt in die Säle des neuen Muſeum, wo ſich ſehr viele ſchöne Dinge, nur keine Origi⸗ nale befinden, fünf Silbergroſchen, die Anſchauung der Thiere des zoologiſchen Gartens, welche überhaupt noch unter den Lebenden weilen, und des neuen Elephanten koſtet fünf Silbergroſchen, nur für fünf Silbergroſchen öffnen ſich dem Eintretenden die Hallen der Akademie unter den Linden, wenn dort eine Ausſtellung von Gemälden ſtatt findet, und wenn ein Bildhauer eine einzelne Gruppe vor der Aufſtellung auf der Schloßbrücke in ſeinem Atelier zeigt, das Entrée von fünf Silbergroſchen iſt dabei unausbleiblich, mag daſſelbe nun für einen wohlthätigen, oder für einen Privatzweck ver⸗ wandt werden. Borſig läßt ſich ein Entrée von fünf Sgr. für den Anblick der Victoria regia in ihrer Blüthe be⸗ zahlen, und ſo eben folgt Reichenheim ſeinem Beiſpiel, als er die Beſichtigung ſeiner Treibhäuſer neben ſeiner Villa in der Thiergartenſtraße dem Publicum anbietet. Es iſt dies eine recht ſchlechte Sitte. Was geht das den armen Hand⸗ werker und den Proletarier an, ob ein Inſtitut zu einem milden Zwecke, ob eine Kunſtanſtalt oder ob Borſigs Ar⸗ beiter⸗Krankenkaſſe den Nutzen von ſeinen fünf Sgr. haben,

genug, ſein täglicher geringer Verdienſt reicht kaum zu ſeinen nothwendigſten Lebensbedürfniſſen aus und geſtattet ihm nicht für fünf Sgr. den zoologiſchen Garten zu beſuchen

oder Borſigs und Reichenheims Treibhäuſer zu durchwandern oder die Säle der Akademie zu betreten, wenn dort eine ſo⸗ genannte Kunſtausſtellung ſtattfindet. Er ſieht alſo die Victoria regia nicht blühen, die Fresken Kaulbachs in dem großartigen Treppenhauſe des neuen Muſeums ſind ihm

unbekannt, die Löwen und Leoparden des zoologiſchen Gar⸗ tens leben und ſterben, ohne daß er ſie geſehen hat, und der neue Elephant wird das gleiche Schickſal haben. Mag man mir Nützlichkeitsgründe zur Vertheidigung dieſer Einrichtung vorhalten, welche man will, ich ſage ganz einfach, welchen Hauptzweck haben Theater, Muſeen, Gallerien und Kunſt⸗ inſtitute? Bildung und Veredlung des Geiſtes und des Ge⸗ ſchmacks des Volkes. Wird dieſer Zweck durch dergleichen Einrichtungen erreicht oder geſchmälert? Es wird gar nicht einmal berückſichtigt.

Was wird der Franzoſe ſagen, der in Paris ſieht, wie Jedem, mag er in der Blouſe oder im Fracke erſcheinen, täglich zu jeder Zeit und Stunde jede Sammlung, jede Gallerie, jede Ausſtellung offen ſteht, wie einem Fremden, wenn er ſich durch Vorzeigung ſeines Paſſes als ſolcher legitimirt, auch zu den Stunden, wo die Säle des Louvre verſchloſſen ſind, dieſelben mit der größten Bereitwilligkeit geöffnet werden, der alle Thiere ſeines Pflanzengartens ſo oft des Tages anſehen kann, wie es ihm Vergnügen macht, wenn er nach Berlin kommt, und dies Fünffilbergroſchen⸗ Syſtem ſyſtematiſch durchgeführt findet! Noch mehr würde ſich aber ein königlicher Galleriediener wundern, wenn ich ihn erſuchte, mir, weil ich ein Fremder bin und mich in Berlin auf der Durchreiſe nur einen Tag aufhalte, zu einer Stunde einen Saal zu öffnen, der regelmäßig zu dieſer Stunde nicht gezeigt wird. Der Galleriediener, der mir im vorigen Herbſt täglich auf meinen Wunſch in München den Saal der neuen Pinakothek öffnete, um die genialen griechiſchen Gemälde des großen Rottmann in ihrer wun⸗ derbaren Beleuchtung wieder und wieder anzuſchauen, er wunderte ſich gar nicht.

Aber ich ſchweife zu weit von meinem Gegenſtande ab, ich ſoll Ihnen ja die Einrichtung der neuen öffentlichen Waſch- und Bade⸗Anſtealten beſchreiben, und doch iſt die Abſchweifung ſo natürlich. Ich hatte alle dieſe Schwierig⸗ keiten, von denen ich ſo eben erzähle, vergeſſen, und gehe in die Schillingsgaſſe, um die dortige Waſch- und Bade⸗Anſtalt