Jahrgang 
1857
Seite
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hutz ufs od⸗ böh⸗ ihn mit toch ein

Aber wenn die Natur, wie wir im Vorigen ausführten, Alles ſo vortrefflich eingerichtet hat, daß die Menſchen nur ihren angeborenen Trieben und Fähigkeiten Spielraum zu laſſen brauchen, und die beſte Welt iſt fertig, wie verträgt ſſich denn dies mit dem ſocialen Uebel? Oder wollen wir etwa deſſen Exiſtenz leugnen? Ach nein, das Uebel iſt da, tief in den geſelligen Zuſtänden der Gegenwart einge⸗ frreſſen, das iſt nur zu gewiß. Das Elend, die dauernde Verarmung ganzer Klaſſen, ihr kümmerlicher Kampf um die

V richtungen, der Gegenſatz zwiſchen ungeheurem Reichthum und bitterer Armuth das Alles drängt ſich ſo grell an ddas Licht, daß es Niemanden entgehen kann. Allein, ſtünde das denn wirklich unſerer Anſicht entgegen? Der Grund⸗ ſatz, zu dem wir uns bekannten, lautete:daß das unge⸗ hemmte Spiel der Einzelintereſſen mit dem Ge⸗ ſammtintereſſe, mit dem Beſtehen der Geſellſchaft, nicht im Widerſtreit ſtehe, vielmehr die echte, ge⸗ ſellſchaftliche Harmonie bewirke. Die Voraus⸗ ſetzung iſt alſo, daß ſich der ganze Vorgang ungeſtört, ohne daß eine fremde Macht von außen hemmend in das Getriebe eeingreift, vollziehen könne, mit einem Worte: die Freiheit, ddas Laissez-faire, als Grundbedingung aller Entwickelung, oohne welche kein Organismus die inneren Geſetze ſeiner Natur äußerlich bethätigen kann. Haben wir denn nun dieſe Freiheit in unſeren wirthſchaftlichen Zuſtänden, auf dem Gebiete der Induſtrie, des Ackerbaues, des Handels, woelche dazu gehört, wenn das Eigenintereſſe der Men ſchen unbeirrt ſich bethätigen und die ihm inwohnende aus⸗ gleichende Macht vollſtändig entwickeln ſoll? O nein, daran iſt leider noch gar nicht zu denken. Ueberall noch Ein⸗

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Volksmirthſchaftliche Skizzen.

Von H. Schulze⸗Delitzſch. IV. Das ſociale Aebel.

völliger Nichtachtung der Geſetze unſerer phyſiſchen Exiſtenz, durch Unmäßigkeit und grobe Exeeſſe ſeine Konſtitution ruinirt, die fehlerhafte Einrichtung des menſchlichen Körpers anklagen wollte. Die vollendete Harmonie unſeres Organismus, das Ineinandergreifen der verſchiedenen leiblichen und geiſtigen Functionen, worin unſer Leben beſteht, iſt deßhalb nicht

weniger vorhanden, weil es durch gewaltſame Eingriffe ge⸗

ſtört werden kann. Vielmehr muß dieſer Umſtand gerade

Verc ümm upf um die den Eifer verdoppeln, die Bedingungen unſers Wohlbefindens Exiſtenz, der unzulängliche Lohn für die nothwendigſten Ver⸗ T 3, 3 glich)

zu erkennen, und ihnen gemäß unſer Verhalten einzurichten. Niiccht alſo dem im Weſen des Menſchen begründeten Eigenintereſſe, deſſen freie Bethätigung man bisher auf vielfache Weiſe zu lähmen und einzuengen gewußt hat, haben wir das vorhandene Uebel in den wirthſchaftlichen Zuſtän⸗ den beizumeſſen, ſondern der Gegenwirkung menſchlicher Willkür, welche die harmoniſchen Wirkungen jenes natür⸗ lichen Hebels theils unterdrückte, theils durchkreuzte. Wir beziehen uns hierbei auf die Stelle, welche wir in Nr. I. dieſer Skizzen dem Uebel in der Weltordnung einräumen mußten, indem wir daſſelbe immer da mit Nothwendigkeit eintreten ſahen, wo menſchliche Willkür mit der Geſetzlichkeit der Natur in Zwieſpalt gerieth. Vermöge ſeines Bewußt⸗ ſeins, des eingebornen Triebes nach Erkenntniß, iſt der Menſch, wir wiederholen es, befähigt, die Naturgeſetze auf⸗ zufinden; vermöge ſeiner Selbſtbeſtimmung, ſeines freien Willens, hat er die Wahl, ihnen gemäß zu handeln, oder nicht. Er kann alſo irren und fehlen, noch mehr, er muß

es ſogar, denn der Ausgangspunkt der Menſchheit im Gan⸗

dooch nur eine die richtige ſein kann. miſchung der Staatsgewalt in die wirthſchaftlichen Bezieh⸗

ſungen, hier mehr, dort weniger, und, was das Schlimmſte

ſiſt, dieſe Einmiſchung nicht ſelten von den Betheiligten ſelbſt

CVaaangerufen! Da hemmt man die freie Thätigkeit in Gewerbe

und Handel, leitet Kapitalien und Arbeitskräfte von ihren natürlichen Bahnen in künſtliche Kanäle, ſichert durch Mono⸗ pole und willkürlichen Schutz einzelnen Perſonen und gewiſ⸗

ſen Branchen der Induſtrie, auf Koſten der übrigen, enorme Geywinne, und verſchleudert Mittel und Kräfte bis zum Uebermaße in unproduktiver Weiſe. Kurz man verrückt die natürlichen Unterlagen aller Intereſſen, bringt dieſelben, in⸗ dem man ihnen ihren natürlichen Stützpunkt raubt, in Kon⸗ flikt mit einander, und legt dann dieſen künſtlich verurſachten Zuſammenſtoß ihnen ſelbſt zur Laſt! Nein, nein, wir wieder⸗ holen es: ein Volk, welches den größeren Theil ſeiner Staatseinnahmen unproductiv verwendet, für ein ungeheures Heer, eine Schaar überflüſſiger Beamten, welches ſeine kräf⸗ tigſten Söhne, ſeine beſten Mittel in blutigen Eroberungs⸗ kämpfen, in Kriegen um eitle politiſche Machtſtellung opfert, das durch Geſetze die Gewerbthätigkeit und den Handel hemmt, künſtliche Zollſchranken an ſeinen Grenzen errichtet, unter⸗ gräbt gefliſſentlich ſeine wirthſchaftliche Exiſtenz, ſeinen Wohl⸗ ſtand. Deßhalb darf man aber auch die ſocialen Leiden, die nothwendigen Folgen eines ſolchen Treibens, nicht einer fehlerhaften Naturanlage der Menſchen, ſondern nur ihrem der Natur geradezu Hohn ſprechendem Gebahren zuſchreiben.

zen, wie der des einzelnen Menſchen, iſt die Unwiſſenheit, vor der ſich tauſend unbekannte Straßen öffnen, unter denen Nur das Uebel, wel⸗ ches ſich auf den Irrthum, den Fehler, ſofort einſtellt, ver⸗ mag den Menſchen vermöge ſeiner Fähigkeit, von den Wir⸗ kungen auf die Urſachen zu ſchließen, von dem falſchen Wege zurück und allmälig auf den rechten zu leiten. Ebenſo dient die Vorausſicht des Uebels auf bereits erfahrungsmäßig erprobtem Felde, den ſchwankenden Willen im Kampfe mit der Leidenſchaft zu ſtärken, daß er das für richtig Erkannte als Regel ſeines Thuns beobachte. Konnte hiernach die der Menſchheit durch ihren erhabenen Beruf geſtellte Auf⸗ gabe ſchon an ſich nicht in Kürze und ohne mannigfache Leiden gelöſt werden, ſo kommt noch dazu, daß dieſe lange und

ſchwere Probezeit von Solchen, die in den Irrthümern der

Das Erſte wäre ja gerade ſo, als wenn Jemand, der in

Maſſen ihre Rechnung finden, ſtets nach Kräften verlängert wird. Indem ſie die übeln Folgen der von ihnen gepflegten unrichtigen Meinungen von ſich ab und der mißleiteten Menge aufzuwälzen wußten, gelangte das dem Menſchen nur als augenblicklicher Antrieb zum Rechten beigeſellte Uebel zur Dauer, und vermochte ſich tief in den Zuſtänden feſtzuſetzen. Mit ſeiner urſprünglichen Beſtimmung verlor es auf ſolche Weiſe zugleich ſeine Berechtigung. Der Aus⸗ fluß und das Korrektiv der Freiheit nach der weiſen Einrich⸗ tung unſerer Natur an das eigne Thun der Menſchen ge knüpft, die Folge ihrer freien Handlungen, ſehen wir das Uebel ſolchergeſtalt nicht ſelten durch den Zwang ihnen auf⸗ genöthigt und diejenigen davon betroffen, denen gar keine Wahl dabei gelaſſen war. Ein flüchtiger Hinblick auf die Geſtaltung dieſer Verhältniſſe in alter und neuer Zeit wird