Ein Anſchlag muß es ſein, Der meinem grauen Vater offenbart, An Denkart ſei ſein Sohn ihm nicht entartet. Denn ſchmählich iſt's nach langem Leben trachten, Wenn wechſellos das Unglück uns verfolgt.
Seine Gattin freilich beſchwört ihn bei Allem, was ihm theuer ſein kann, ſich dem Leben, ihr, ſeinen Eltern und ſeinem Sohne zu erhalten. Auch läßt er ſich den Sohn kommen und hier bricht in dem rauhen Mann das Gefühl wunderbar durch:
O Kind, ſei glücklicher nur als dein Vater, Sonſt ſei ihm gleich, du wirſt kein Feigling ſein! Und doch muß ich dich ſchon ſo früh beneiden, Daß du noch nichts von dieſem Elend ahnſt. Ach, nichts zu ahnen iſt ein ſüßes Leben,
Bis daß du Freud' und Leid erſt kennen lernſt! Und kommſt du ſoweit, dann zeig' auch den Feinden Des Vaters, was du biſt und weſſen Sohn.
Bis dahin athme linder Lüfte Hauch,
Daß deine junge Seele hold entknospe
Und wonnig blühe zu der Mutter Luſt.
Dann gibt er den Sohn ab, befiehlt Schweigen und das Zelt zu ſchließen:
Schließ ſchnell; es wimmert nicht ein weiſer Arzt Bannformeln, wo den Schnitt die Wunde heiſcht.
Dennoch ſcheinen ihn die Thränen der Gattin milder ge⸗ ſtimmt zu haben, und die Hoffnung, die Götter zu verſöhnen, ſcheint in ihm aufzudämmern. Doch iſt dies nur Verſtellung die Seinen zu täuſchen. Er macht ſich auf, die Waffe zu vergraben, die ihm bei der Unglücksthat gedient. Der Chor ſtimmt Freudenlieder an. Da trifft ein Bote von Teukros, Ajas Bruder, ein, mit der Weiſung, auf Grund prieſterlicher Weiſſagung Ajas in ſeinem Zelte feſtzuhalten, nur dieſen Tag noch, weil Athenes Zorn ihn nur heute noch verfolge. Sie grollt, weil er, ein Menſch, das Uebermenſchliche erſtrebt:
Schon damals, als er aus der Heimath zog, Schon da bewies er ſich als einen Thoren Bei ſeines Vaters wohlgemeinter Mahnung. Der ſprach zu ihm:„Mein Sohn, ſtets ſiege du Mit deinem Speer, doch ſiege ſtets mit Gott.“ Doch er verſetzte ſtolz und unbedachtſam: O Vater! mit den Göttern kann ſich auche Der Feigſte Macht verſchaffen, aber ich Gedenk' auch ohne ſie mir Ruhm zu holen. So zog er ſich den Zorn der Götter zu, Doch, wenn er dieſen Tag nur überlebt, Dann können wir mit Gott ihn noch erretten.
Aber das Schickſal muß ſich erfüllen; die ausgehenden Boten treffen den Helden nicht mehr am Leben. In wilder Gegend am Meere hat er ſein Schwert zwar eingegraben, aber ſo daß die ſcharfe Spitze heraus ſteht und er ſich hinein⸗ ſtürzen kann. Nur ein Anliegen, nach der griechiſchen Welt⸗ anſchauung das wichtigſte, beſchäftigt noch den dem Tode Geweihten, die Sorge um die Beſtattung ſeines Leichnams, denn des Unbeſtatteten warten die entſetzlichſten Qualen. Um dieſe Gnade fleht er zum Zeus. Dann ruft er die Rache der Eumeniden auf die Atriden herab, welche, indem ſie die Gerechtigkeit verletzten, und Odyſſeus die Waffen des Achill zuerkannten, die Urheber des ganzen Unheils geworden ſind. Hierauf nimmt er noch einen kurzen Abſchied vom Leben, und ſtürzt ſich in das Schwert. Aber damit ſchließt die Tragödie nicht; der griechiſche Dichtergeiſt will Verſöhnung. Um die Beſtattung des Leichnams, die letzte Sorge des durch die eigne Kraft Gefallenen, erhebt ſich noch ein heftiger Kampf. Kaum hat die Gattin den Leichnam aufgefunden, kaum hat
nende—
der Schmerz Tekmeſſas und der Genoſſen ſich in erſchüttern⸗
den Klagen Luft gemacht, kaum hat der Bruder Teukros den
Todten und ſich ſelbſt bejammert, ſo erſcheint der Atride
Menelaos und verwehrt die Beſtattung. Mannhaft tritt ihm Teukros entgegen. Ein heftiger Wortwechſel erfolgt, dem Menelaos für den Augenblick weicht, um den Oberfeld⸗ herrn zu holen. Teukros benutzt die Zeit um ein Grab zu beſtellen, und läßt Ajas' Sohn und die Genoſſen zum Schutz der Leiche zurück. Bald aber erſcheint Agamemnon und aufs
neue beginnt der Streit, der natürlich zu Ungunſten des Tod⸗
ten entſchieden würde, wenn nicht— und das iſt das Verſöh⸗ — der Feind des Todten ſelbſt, Odyſſeus, für ihn einträte und ihm ein ehrenvolles Begräbniß auswirkte, mit welchem dann das Drama ſchließt. Doch heben wir noch folgende Strophen des Chors aus, in denen namentlich ein Goethe'ſches Versmaß aufs glücklichſte verwendet iſt:
Wann wird ſich das Ende zeigen? Wann der Jahre reiche Zahl,
Wann des Kampfes Müh und Qual Einmal ſich zum Schluße neigen? Hier im weiten Troerlande
Bringet mir der lange Streit Unaufhörlich bittres Leid,
Und den Griechen ewig Schande.
Hätte doch der weite Aether,
Hätte doch des Hades Schooß,
Unſer Aller finſtres Loos, Eingeſchlungen den Verräther,*)
Eh' dem Griechenvolk die Wehen
Er gezeigt der grauſen Schlacht
Und uns Noth auf Noth gebracht!— Nun iſt's um uns All geſchehen!
Nicht den bunten Blüthenſchmuck der Kränze, Nicht des ſchäumenden Pokals Genuß Gönnt' er mir, daß ich auf frohe Tänze
Bei der Flöte Klang verzichten muß;
Und in ſtiller Nacht
Iſt es mir verſagt,
Süß zu ruhen in der Liebe Kuß.
Liebe, Liebe! Längſt biſt du entſchwunden! Und vergeſſen lieg' ich hier anjetzt, Während dichter Thau zu allen Stunden Tropfenreich die Locken mir benetzt.
Doch ein Denkmal hat
Der bedrängten Stadt
Dieſer Feldzug ewiglich geſetzt.
Und ſonſt konnte gegen mächt'ge Schrecken Kühn mein Schild mich wider Speer und Pfeil, Ajas noch, der Wilde, ſchirmend decken— Dem ward nun ein traurig Loos zu Theil. Eines Dämons Kraft
Hat ihn weggerafft.
Ach wo winkt mir nun noch Freud und Heil!
O vermöcht' ich meinen Ort zu tauſchen, Wär' ich, wo des Waldes Wipfel weh'n, Um das Riff die wilden Wogen rauſchen, Sunium, an Deinen Inſelhöh'n! Wo man dich erſchaut, Um mit frohem Laut Dich zu grüßen, heiliges Athen!
Wir wollen, wie geſagt, kein Wort zur Empfehlung dieſer Arbeit ſagen; aber wir glauben jeder gebildete Ge⸗ ſchmack wird fühlen, daß eine ſolche Uebertragung griechiſcher Dramen noch nicht da war, und daß es ein Verdienſt um die deutſche Literatur und Sprache iſt, wenn der Herr Ver⸗ faſſer uns die vorzüglichſten der griechiſchen Dramen in ſol⸗ chen Ueberſetzungen zum Geſchenk macht.
*) Paris, der Entführer der Helena, welcher dadurch Urheber des Kriegs geworden.


