Das erkannte Schillers reiches Ohr recht wohl, und daher führte er in den Chören ſeiner Iphigenie mit glücklichem
Griff den Reim ein; ſie gewinnen dadurch an deutſcher Nationalität, was ſie an griechiſcher verloren.—— Welch' ein Meiſter Schiller in der Ueberſetzungskunſt war, das hat er uns in ſeinen Kranichen des Ibykus bewieſen, wo er den Chor aus den Eumeniden des Aeſchylos ſo kunſtvoll in die
moderne Dichtungsform eingewoben hat, daß das Entlehnte
zugleich neu erſcheint und doch nichts von ſeiner urſprüng⸗ lichen Größe und Kraft verloren hat. So hat Schiller ſchon die Bahn bezeichnet, auf der wir weiter fortſchreiten ſollen; und gewiß wird, auch abgeſehen von der größeren Ver⸗
breitung ſeiner Werke, ſeine Iphigenie dem Volke mehr ge⸗
fallen, als alle andere metriſchen Ueberſetzungen derſelben zuſammengenommen. Denn ihr mangelt nicht das deutſche Gewand, ohne welches nun einmal die fremden Dichtungen unſerm Geſchmacke nicht zuſagen. Die übrigen Traduktionen
bleiben immer ein Mittelding zwiſchen Hellenismus und
Germanismus; ſie gehören keiner von beiden Nationen eigen an. Das klaſſiſche Alterthum verliert dadurch und die moderne Literatur hat nichts gewonnen.—— Es kam hauptſächlich darauf an den griechiſchen Tragiker ſo in ein modernes Gewand zu kleiden, daß man weder Treue des Inhalts noch Schönheit der Form entbehrt. Beides mußte paſſend vereint werden, damit ſowohl der Kenner des Helleniſchen als auch der Dilettant hinreichend befriedigt werde.—— Den Dialog haben wir in die einmal ge⸗ bräuchlichen Shakespeariſchen fünffüßigen Jamben gekleidet, ohne Reim, nur wo allgemeine Sentenzen vorkommen, ſo⸗ wie auch in den Kraftſtellen gewöhnlich am Schluſſe der
Abtheilungen tritt nach Shakespeares und Schillers Vorbild
der Reim hinzu. In den lyriſchen Partien findet er ſich dagegen immer. Auch die genaue Harmonie zwiſchen Stro⸗ phe und Gegenſtrophe iſt beibehalten.“
Die Fabel des Sophokleiſchen Ajas iſt kurz dieſe: Die Griechen lagen im 10. Jahre vor Troja. Achilleus iſt, nachdem er Hektor getödtet, ſelbſt gefallen. Seine Waffen ſollten dem zu Theil werden, welcher, ſtets der Tapferſte im Kampf, dem Heer den größten Nutzen gebracht hätte. Nur Ajas und Odyſſeus traten als Bewerber auf: die Richter entſchieden für Odyſſeus, obgleich Ajas, durch die Kraft ſeines Armes ohne Frage der Gewaltigſte, nur in der Klugheit von Odyſſeus überragt wurde. Ueber dieſen Schimpf gerieth Ajas in maßloſe Wuth; grollend ſitzt er in ſeinem Zelte und ſinnt auf Rache. In ſeiner Wildheit faßt er den entſetzlichen Plan die ſchuldigen Fürſten des
Heeres alle zu ermorden, und in düſtrer Nacht bricht er auf
ihn auszuführen. Nur Athene, die Beſchützerin der Griechen, wacht und vereitelt den Racheplan. Als er ſchon ſein Schwert auf die Feldhern zückt, ſendet ſie ihm bethörenden Wahnſinn und leitet ſeine Schritte zu dem erbeuteten Vieh des Heeres, wo er Heerden und Hirten in tollem Wahne würgt. Dann kehrt er frohlockend, als ob ihm ſeine Rache gelungen wäre, in das Zelt zurück. Am folgenden Morgen wird die ent⸗ ſetzliche That entdeckt; Odyſſeus geht auf Kundſchaft, den Thäter auszuſpüren. Er trifft auf die Spur des Ajas und ſucht nun Gewißheit. Hier beginnt das Drama. Athene im Wolkenwagen begegnet dem ſpähenden Odyſſeus, ihrem Schützling. Wir wollen gleich den Eingang als eine Probe ausheben, wie bequem und anſprechend ſich das griechiſche Drama in dieſer Uebertragung lieſt: Athene. Stets ſchaut' ich Dich, Odyſſeus, auf der Jagd, Von Deinen Feinden Kunde zu erwittern.
482
So treff' ich Dich auch jetzt beim Schiffgezelt Des Ajas, der des Lagers Flügel deckt;
Schon lange ſpuͤrſt' und ſpähſt Du ringsherum, Nach ſeinen friſch erſt eingedrückten Spuren
Zu forſchen, ob er d'rin ſei oder nicht.
Heut führt Dich glücklich dieſe Spur an's Ziel, Wie einer guten Sparterdogge Schritt;
Denn eben drinnen iſt der Mann, von Schweiß Trieft reich das Haupt und ſeine Würgerfauſt. Nicht brauchſt Du mehr in's Thor hineinzuſchielen. Doch ſage mir, warum Du ſolchen Eifer
Haſt aufgewandt— ich will Dir Weiſung geben.
Odyſſeus. Das iſt die Stimme meiner liebſten Göttin! Vernehmlich hör' ich Deinen Laut, Athene, Wenn gleich dem Auge Du verborgen biſt, Und mit Gewalt ergreift er mir die Seele, Wie der Tyrrhener Erzdrommetenſchall. Du haſt es recht erkannt, o Tochter Zeus! Daß jetzt mein Schritt um einen Feind ſich dreht: Dem Ajas, dem Schildträger, gilt es längſt, Nur ihm und keinem Andern ſpür' ich nach. Ein unbegreiflich Werk hat dieſe Nacht Er uns vollführt,— wenn er der Thäter iſt, Was wir nicht ſicher wiſſen, doch vermuthen; Und um es zu erforſchen, unterzog Ich mich aus freien Stücken dieſer Mühe; Denn eben finden alle Heerden wir Von Menſchenhand erwürgt und hingemetzelt; Ja ſelbſt der Hirten hat man nicht geſchont. Ihm aber gibt nun Jedermann die Schuld; Auch ſagt' und offenbarte mir's ein Späher, Nur ihn hab' er das Feld durchtoben ſeh'n Mit friſch beflecktem Schwert. Ich eilte gleich Den Spuren nach und finde manches Zeichen. Doch Andres macht' mich irr', daß ich nicht weiß, Was iſt's damit? Du kamſt zu rechter Zeit, Denn wie ich ſonſt mich ſtets zu Dir gewandt, Führ' mich in Zukunft auch an Deiner Hand.
Athene erzählt nun dem ſtaunenden Odyſſeus den An⸗ ſchlag des Ajas, die drohende Nähe ſeiner Ausführung und die Rettung des Feldherrn vom ſichern Tode durch die Göttin, welche die Sinne des ungeſtümen Mannes, welcher ſich ſelbſt blutig Rache ſchaffen wollte, umnebelte. Sie zeichnet ſelbſt den Wahnſinn, mit dem ſie den Uebermüthigen ſchlug:
Ich deckte mit des Irrſinn's Wahn ſein Auge.
So lenkt' ich leicht ihn zu der Hirten Hut,
Die ungetheilte Beuteſchaar der Heerden.
Da mäht' er hörnerreiche Schwaden nieder;
Mord war ringsum. Jetzt wähnt' er die Atriden, Mit eigner Hand ergriffen, abzuſchlachten,
Jetzt andre Feldherrn wieder anzufallen.
Ich aber hetzte noch durch Raſerei
Den Wilden an und trieb ihn in die Falle;
Und als er endlich vom Gemetzel ruhte,
Band er, was noch von Stieren und von Schafen Am Leben war und trieb ſie nach dem Zelte,
Als hätt' er Menſchen und nicht Vieh erbeutet. Die peitſcht er nun gebunden im Pallaſt.
Kaum vermag Odyſſeus das Unglaubliche zu faſſen; aber Athene ruft ſelbſt den Ajas heran, der, ohne des Odyſſeus ge⸗ wahr zu werden, in dem Taumel der Rache ſchwelgt, die er an ſeinen Feinden genommen zu haben glaubt, noch immer der feſten Ueberzeugung, daß die Thiere, die er erwürgt oder zu grauſamer Mishandlung gefangen hält, ſeine Feinde im Griechenheere ſeien. Selbſt Odyſſeus, der Feind des Ajas, kann ſich beim Anblick dieſer Raſerei des Mitleids nicht erwehren.
Es jammert mich Des Feindes, der ſo ganz unglücklich iſt Und von des Elends Feſſeln rings umſtrickt. Bei ſeinem Schickſal denk' ich an das meine, Und deutlich ſchau' ich immer nur das Eine: Wir Alle, die wir an der Erde halten, Sind Schatten nur und eitle Truggeſtalten!
ruhm liche wie ſetz


