Jahrgang 
1857
Seite
481
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Die griechiſchen Tragiker in Deutſchland.

Die Feſttage von Weimar haben uns lebhaft in jene Zeit zurückverſetzt, da der deutſche Geiſt, befreit von den Feſſeln, die ihm das Ausland angelegt, ſeiner ſelbſt bewußt geworden, ſein Weſen in unſterblichen Werken originaler Meiſter verkörperte und in eine Periode ſelbſtändiger Größe eintrat, in welcher das Fremde nur noch in ſoweit Geltung beanſpruchen darf, als es dem deutſchen Geiſte wahrhaft angeeignet und aſſimilirt iſt. Wenn wir auf jene Periode deutſchen Literaturglanzes heute mit dem demüthigenden Bewußtſein der Schülerhaftigkeit zurückblicken, ſo iſt dies im Allgemeinen nur allzu gerechtfertigt. Unſere Zeit iſt nicht blos eine andere, ſondern ſie iſt in den Hauptbeziehungen kleiner. Es ſind ſeit jener Zeit Schickſale über uns ergangen, die jenes Bewußtſein der Unabhängigkeit und Originalität, welches jene Periode charakteriſirt, Lügen ſtraften, wir haben dieſe Schickſale nur unvollſtändig zu überwinden ge⸗ wußt und es bedarf großer Thaten, um unſerm nationalen Geiſte wieder jenen Schwung zu verleihen, der ihn auch zu großen geiſtigen Schöpfungen befähigt. Aber Eins darf doch nicht verkannt werden: die Ausbildung, welche unſere Sprache in Proſa uud Poeſie ſeit jener Zeit gefunden und die weite Verbreitung eines richtigen, ſchriftmäßigen Ge⸗ brauchs derſelben. Nicht als ob heute die Mehrzahl der Schriftſteller beſſer deutſch ſchriebe als Schiller und Goethe; aber an jene großen Meiſter der Sprache angelehnt, ſchrei⸗ ben weit mehr Leute als damals ein gutes Deutſch, wenn auch meiſt mit weniger Sorgfalt und Feile als jene Schöpfer des deutſchen Styls, und was die gebundene Rede betrifft, ſo iſt wohl kaum ein Zweifel möglich, daß mancher neuere deutſche Dichter, auf der von Goethe und Schiller betretenen Bahn weiter ſchreitend, die Meiſter in Formvollendung ſogar übertroffen hat. Dies gilt vor Allem von den Formen, die aus dem klaſſiſchen Alterthum in die deutſche Literatur herübergenommen wurden. Wie hoch man auch Goethe's römiſche Elegien oder Hermann und Dorothea der Form nach bewundern mag, es iſt keine Frage, daß Platen beſſere deutſche Diſticha gebildet, überhaupt die antiken For⸗ men der deutſchen Sprache beſſer angeeignet hat, als Goethe.

Hingegen iſt wieder nicht zu verkennen, daß der von Schiller eingeſchlagene Weg, um Kunſtwerke der antiken Poeſie nach Deutſchland zu verpflanzen, wenn er auch nicht an das Ziel führte, welches hier ins Auge gefaßt werden muß, wenigſtens der richtig gewählte war. Er wurde in⸗ deſſen nicht feſtgehalten. Weil meiſt Philologen, nicht Dichter die Uebertragung griechiſcher Poeſie ins Deutſche beſorgten, ſo befleißigte man ſich einer an den Urtext ſich eng anſchließenden Treue, welche aber das Kunſtwerk dem großen, nicht philologiſchen Publikum durchaus ungenießbar machte. So blieben dieſe erſten Meiſterwerke des dichteriſchen Geiſtes in Deutſchland unbekannt, unverſtanden, ungenoſſen und erſt der jüngſten Zeit war es vorbehalten, deutſche Ueber⸗ tragungen entſtehen zu ſehen, welche ſich wie ein deutſches Original leſen, und den reinen Genuß des Kunſtwerks ge⸗ währen, ohne ſich vom Geiſt des Urtextes zu entfernen. Jetzt erſt wird dieſer Schacht des edelſten Goldes den

Deutſchen zugänglich: ein nicht geringer Triumph unſerer

Sprachbildung, ein bedeutender Gewinn für die Bildung des deutſchen Geſchmacks.

Ein mit großer Eleganz gedrucktes Sedezbändchen liegt vor uns:Griechiſche Tragödien in moderner Form von Louis Klug. Erſtes Bändchen. Sophokles Ajas.

(Gotha 1857.) Wir empfehlen dieſe Ueberſetzung hier nicht; aber wir glauben den gebildeten Leſern einen Dienſt zu er⸗ weiſen, wenn wir ſie für ſich ſelbſt ſprechen laſſen. Zunächſt mag aus der Vorrede der Standpunkt der Ueberſetzung er⸗ ſichtlich gemacht werden.

Leider finden die griechiſchen Tragödien bei allen Völ⸗ kern unſerer Tage nicht die Anerkennung, nicht die Be⸗ wunderung, welche ſie verdienen. Und das darf uns nicht auffallen. Sie ſind nur Wenigen, nur den Wenigſten be⸗ kannt, unter Hunderten giebt es kaum einen Einzigen, der ſich näher mit ihnen beſchäftigte. Daran iſt nicht etwa ihr geringerer Werth Schuld, nicht die Fremdartigkeit der gan⸗ zen Anſchauung, die in ihnen vorwaltet nein, die Sprache ſelbſt, in der ſie geſchrieben wurden, bietet die hauptſächlichſte Schwierigkeit dar. Nur der Philolog iſt ihrer allenfalls kundig.... Die herrlichen Denkmale griechiſcher Poeſie liegen noch in tiefes Dunkel begraben. Sie ſind in eine Hieroglyphenſchrift gekleidet, die nur ein⸗ zelnen Prieſtern verſtändlich iſt. Allein es giebt doch eine ſo große Menge von Ueberſetzungen, daß man glauben ſollte, einem Jeden, welchen nur Luſt und Liebe beſeelten, würde es hierdurch möglich und leicht gemacht auch mit dem redenden Theile der Kunſt bekannt zu werden. Wenn Jemand uns mit dieſem Einwurf entgegentritt, ſo müſſen wir freilich uns erſt mit ihm verſtändigen, was denn eigent⸗ lich eine Ueberſetzung ſei. Verſteht er darunter ein bloßes Ueberſtreichen der griechiſchen Farbe des Textes mit der deutſchen, ſo daß die Knaben in der Schule mit Hilfe deſſen ſich ſchneller und geläufiger vorbereiten können nun wohl, wir geben ihm völlig Recht. Es giebt dann eine große Menge ganz ausgezeichneter Umwandlungen, nur nicht Ueberſetzungen. Denn eine Ueberſetzung ſoll eine treue Um⸗ arbeitung eines Werkes in eine fremde Sprache ſein, bei welcher jedoch die eigentliche Idee und das Weſen deſſelben durchaus nicht verloren geht, ſondern nur ſo weit in ein anderes Gewand gekleidet wird, wie es das Verſtändniß der Sprache und die weſentliche Eigenthümlichkeit derſelben bedingt. Es ſoll aber dadurch nicht etwa der nationalen Allgemeinheit eines Werkes irgend welcher Abbruch gethan werden, ſo daß der Schatz des ganzen Werkes jetzt aus⸗ ſchließliches Eigenthum einiger Wenigen wird. In ſolchem Sinn ſind z. B. Voß's Homer und Schlegel⸗Tieck's Shakes⸗ peare wahre Ueberſetzungen; in ſolchem Sinn wird aber auch jener maſſenhafte Schwall von Ueberſetzungen grie⸗ chiſcher Tragiker zu einem ganz kleinen, unbedeutenden Häufchen herabſinken. Ja noch mehr. Sogar unter dieſen Wenigen wieder möchte kaum eine oder die andere geeignet ſein dem deutſchen Volke den griechiſchen Dichter in ſeiner ganzen Schönheit und Herrlichkeit vorzuführen. Beſon⸗ ders ſind in allen die lyriſchen Partien dem nicht mit dem Urtext Vertrauten mehr oder weniger ungenießbar. Schon das Metrum der griechiſchen Chöre ſagt dem deut⸗ ſchen Ohre nicht zu. Dieſes iſt meiſt nicht ausgebildet genug, um ſogleich den Rhythmus herauszuhören, der ihm noch obendrein durchaus fremdartig klingt. Außerdem iſt unſere Sprache in dieſer gezwungenen Form ſtets ungelenkig und unbeholfen. Man laſſe jedem Volk ſeine Nationalität. Der Deutſche wird immer eher den Takt des ruhig gleitenden Walzers begreifen, als den des glühenden Fandango. In der deutſchen Sprache aber iſt der Reim charakteriſtiſch; er gerade vertritt die Stelle aller jener künſtlichen Metra.