Jahrgang 
1857
Seite
474
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O Heimath, die ſtatt Bürgerehren

Du Wunden gabſt und Ketten ſchufſt,

Wir werden nichts von dir begehren,

Bis ſelbſt du unſre Stärke rufſt; ſo wird auch derjenige, welcher den Gedanken der deutſchen Be⸗ wegung von 1848 aufs ſtrengſte feſthält, lächeln müſſen über dieſe Flüchtlingstäuſchung, und der ſehr beſtimmten Meinung ſein, daß die Kinkel u. ſ. w. gewiß niemals in ihr Vaterland zu⸗ rückkehren werden, wenn ſie warten wollen, bis man ihreStärke ruft. Denn einmal iſt dieſes Vaterland ſo bettelarm noch lange nicht, daß es ohne die Hilfe ſeiner Verbannten zu Grunde gehen

müßte, und zweitens iſt es ſicherlich nicht die Eigenſchaft der

Stärke, was Kinkel und ſeine Freunde in die Verbannung ge⸗ trieben, was das Vaterland überhaupt an den Exilirten wahr⸗ zunehmen Gelegenheit gehabt. Kinkel ſcheint die Popularität, welche ſich 1849 und ſpäter zu ſeinen Gunſten in Deutſchland geltend machte, noch immer total mißzuverſtehen. Die lebhaften und allgemeinen Sympathien für ſeine Rettung und Befreiung galten durchaus nicht dem Politiker, ſondern ausſchließlich dem Poeten. Man wollte nicht, daß ein begabter Dichter deshalb zu Grunde gehe, weil er als Politiker geſündigt. Daß aber Kinkel, indem er ſich mit dem Proletariat verband und ſich bis zu äußerſten Verſuchen nicht ſtaatlicher, ſondern geſellſchaftlicher Umwälzung fortreißen ließ, politiſch geſündigt, daß er dadurch nicht politiſcheStärke, ſondern eher politiſche Unzurechnungs⸗ fähigkeit bewieſen, darüber waren im Jahre 1849 nur wenige und iſt heute kein Vernünftiger mehr im Zweifel. Leider ſcheint es, daß der Aufenthalt in England für die politiſche Bildung Kinkels ohne Nutzen war. Wir ſchließen dies nicht nur aus jener ſeltſamen Stelle des Vorworts, ſondern auch aus dem Drama ſelbſt. So ſchön dies im Einzelnen und in manchem Betracht auch in der Anlage des Ganzen iſt, ſo fehlt ihm doch die Grundlage einer geſunden hiſtoriſch⸗politiſchen Anſchauung. Kinkel kennt eben nur die naturwüchſige, rohe Freiheit, welche dem auf Leichen, Blut und groben Pfaffenbetrug aufgebauten Großſtaat unvermittelt gegenüber ſteht, er kennt nicht die auf Rechte und Pflichten gegründete Freiheit einer civiliſirten Nation, welche die übeln Folgen vorübergehender Unterdrückung über⸗ windet und überdauert, ja gerade aus dieſer vorübergehenden Unterdrückung erblühen kann. Dieſe Freiheit hätte Kinkel in England kennen lernen müſſen; es ſcheint aber nicht, daß ihm das Verſtändniß derſelben aufgegangen iſt. Ganz anderer Art iſt das zweite der oben genannten Dramen, das ſich beſcheiden ſelbſt nur alspolitiſch⸗dramatiſche Studie bezeichnet. Es hat eine ſpecifiſch⸗national⸗politiſche Tendenz, und ſucht die deutſche Frage, deren Schwierigkeiten vorzugsweiſe theils im Dualis⸗ mus des Nordens und Südens, theils in der Unvermitteltheit des Fürſten⸗ und Volksrechtes zu beruhen ſcheinen, nach dieſen beiden Richtungen hin zu löſen. Dieſe Aufgabe iſt nicht leicht, ihre praktiſche Löſung ſetzt große Ereigniſſe voraus, welche keine Phantaſie vorausſehen kann. Von der Erfindung, durch welche Hr. Guſtav v. Meyern die poetiſche Löſung vollzieht, kann man jedenfalls ſagen, daß ſie der Geſchichte und dem Geiſt der Nation nicht unangemeſſen iſt und einen durchaus verſöhnenden Charakter trägt.

Mit neuer Beſtimmtheit taucht jetzt das Gerücht auf, es werde im Lauf des Sept. in Süddeutſchland, in Darmſtadt oder in Stuttgart, eine Zuſammenkunft zwiſchen den beiden Kaiſern von Frankreich und Rußland Statt finden. Daß von Seite deut⸗ ſcher Höfe Alles geſchehen iſt, was gethan werden konnte, ein ſolches Rendez-vous zu Stande zu bringen, iſt außer allem Zweifel. Die gebührende Bezeichnung für dieſes Beſtreben deutſcher Höfe, eine franzöſiſch⸗ruſſiſche Allianz zuſammen zu kitten, kann begreiflicher

Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſeckt& Deprient in Leipzig.

Auch bedarfes deſſen nicht, da jeder Deutſche von geſunden Sinnen darüber nicht in Zweifel iſt. Dennoch fragt es ſich noch immer, ob der ſaubre Plan gelingen wird. Der Beſuch Napoleons in Os⸗ borne hat zwar einen Triumph Frankreichs conſtatirt; aber dieſer Triumph iſt doch, wie jetzt immer deutlicher ſich zeigt, ein ziemlich beſcheidener. Alle deutſche Höfe zuſammen genommen und in ihrer ſchönen Verbrüderung mit dem Zaren ſind noch immer nicht be⸗ deutend genug, um den Kaiſer der Franzoſen die Rückſicht auf England vergeſſen zu laſſen. Dieſe Rückſicht, dieſes Bedürfniß der engliſchen Allianz bleibt unverändert in den Tuilerien und es fragt ſich daher noch immer, ob ſich Napoleon III. eine förm⸗ liche Allianz mit dem Zaren geſtatten darf. Es iſt übrigens er⸗ freulich, daß die deutſche Preſſe, trotz der herrſchenden Apathie, ihren Unwillen und ihre Unruhe über die Politik der deutſchen Regierungen und beſonders Preußens laut werden zu laſſen wagt. Die Art und Weiſe wie der Vertrag über die ſtehende Brücke bei Kehl zu Stande kam, und die Auszeichnungen, welche Napoleon den deutſchen Militärs zugedacht hat, die unter franzöſiſchen Fahnen gegen Deutſchland gefochten, ſind nur zu ſehr geeignet, auch die conſervativſten Gemüther aus ihrem Sündenſchlaf aufzuwecken, und ſie auf den Abgrund hinzuweiſen, bis zu deſſen Rand das Vaterland durch die Politik der dreißig Vaterländer hingeſchleppt worden iſt. 3

In wenigen Jahren wird man ſagen können, daß in der Schnelligkeit der Ausführung eines vollſtändigen Eiſenbahn⸗ netzes in einem großen Staate Oeſtreich nur von England übertroffen werde. Es ſind bis heute folgende Linien in Oeſt⸗ reich ausgebaut: von der ſächſiſchen Grenze(Bodenbach) über Prag, Brünn nach Wien; von der preußiſchen Grenze(Oder⸗ berg) über Prerau und Lundenburg nach Wien, ſammt der Ver⸗

bindungsbahn mit der Prag⸗Brünner Linie von Prerau über

Olmütz nach böhmiſch Trübau; von Wien nach Trieſt über Gloggnitz, Gratz, Laibach, nebſt Zweigbahn von Neuſtadt nach Oedenburg; von Wien nach Raab; von Wien über Preßburg nach Peſth, von da über Szegled einestheils nach Szegedin und Temeswar, anderntheils nach Arad, mit der Zweigbahn von St. Miklos nach Großwardein und über Debreczin nach Miskolcz; von Oraviza nach Palanka; von Oderberg einerſeits und Granicy andererſeits über Krakau, Bochnia nach Przemysl; von Budweis nach Gmunden(Pferdebahn), von Venedig einer⸗ ſeits über Wien nach Trieſt, andererſeits über Padua, Vicenza, Verona, Brescia nach Mailand, von Mailand über Monza nach Camerlata bei Como, von Mailand nach Pavia und Piaeenza, von Verona über Mantua nach Reggio. Dieß die fertigen Linien, einige kleinere Bahnen ungerechnet. Nun die in Bau begriffenen: Von Wien über Linz nach Salzburg und Munchen einerſeits, nach Paſſau und Regensburg andrerſeits; von Zittau nach Pardubitz in Böhmen, von Przemysl über Lemberg nach Brody einerſeits, nach Czernowitz andrerſeits, von Tarnow in Galizien über Leut⸗ ſchau, Kaſchau, Miskolz nach Peſth, von Arad nach Weißkirchen (Ungarn), von Arad nach Hermannſtadt und Kronſtadt, von Groß⸗ wardein über Klauſenburg nach Hermannſtadt, von Peſth⸗ Ofen über Stuhlweißenburg, Veszprim nach Großkaniſa, von Wien über Oedenburg eben dahin, von Großkaniſa nach Pettau und Marburg zum Anſchluß an die Wien⸗Trieſter Bahn, von Großkaniſa über Agram nach Cilli, von Großkaniſa über Szigewar nach Eſſeg, von Raab über Stuhlweißenburg, Szeksardt, Mohacz nach Eſſeg mit einer Zweigbahn von Mohacz über Fünfkirchen nach Szigewar, von Eſſeg nach Kartonitz und Semlin, von Prag über Pilſen nach Eger einerſeits, nach Regensburg andrerſeits, von Pilſen nach Budweis, von Verona nach Botzen, Insbruck, München, von Udine nach Villach, von Marburg über Völkermarkt, Klagenfurt, Villach, nach Brixen(Tyrol), endlich von Padua nach Modena und von Malland an die piemonteſiſche Grenze.

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