Jahrgang 
1857
Seite
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deshalb zu dem Schluſſe kommen, daß die vulcaniſchen Eruptionen die Urſache des Höhenrauchs ſind.

So bleibt uns nur eine Annahme, und zwar die natür⸗

lichſte, nämlich den Höhenrauch aus einer ganz einfachen Urſache

und in manchen Gegenden Hollands. Dort giebt es ungeheure Strecken Moorlandes, welche folgendermaßen zur Cultur vorbereitet werden: Im Herbſte hacken die Bauern ihre ganze Oberfläche um. Die Schollen bleiben dann liegen und trocknen während des Winters tüchtig aus. Kommt nun ein trocknes Frühjahr, ſo werden die Schollen angezündet, die Bauern gehen in Holzſchuhen und mit großen Holzgabeln auf die Moorfelder, wenden die brennenden Schollen um, werfen ſie auseinander, wo ſie nicht ordentlich brennen, und bedecken ſie, wo die Flammen zu ſtark aufſchlagen, um auf dieſe Weiſe einen langſameren Verbrennungsprozeß mit wenig Flammen und recht vielem Rauch zu Wege zu bringen. Je langſamer dieſer Verbrennungsprozeß fortſchreitet, je trockner die Luft iſt, und je weniger Regen fällt, deſto beſſer geht dieſe

Moorkultur vor ſich und deſto mehr eignen ſich die abge⸗

brannten Mooräcker zum Bau des Buchweizens und anderer Sommer⸗ und Winterfrüchte, welche hernach in dieſelben ge⸗ ſäet werden. Eine Nummer der Weſerzeitung aus dem Jahre 1846 läßt ſich über den Moorrauch alſo aus: Nachdem uns neulich die kalten und naſſen Tage des

Mai verlaſſen haben und die erſten Stunden eingetreten ſind,

wo wirklich eine behagliche Wärme die Natur durchdringt, erſcheint jetzt die Landplage Weſtfalens, der Heerrauch oder Moorrauch. Im Jahre 1823 berechnete der Medicinalrath

Vincke, daß man jährlich etwa 28,000 Morgen zur Buch⸗ weizenſaat in den Mooren anzünde und abſchwele. Das Ab⸗

brennen der Moore hat jedoch auf den oſtfrieſiſch-holländiſchen Gränzen und dem Herzogthum Aremberg⸗Meppen einen der⸗ artigen Umfang genommen, indem man jetzt nicht allein Buchweizen, ſondern auch andere Sommer⸗ und ſogar Win⸗ terfrüchte darauf baut, daß man gegenwärtig wohl 60,000 Morgen annehmen darf, die jährlich abgebrannt werden. Erwägt man, daß die Moore aus aufgelöſten animaliſchen und vegetabiliſchen Stoffen beſtehen, ſo kann man ſich einen Begriff von dem ſtinkenden Qualme machen, der gegen alles Völkerrecht ſich über die angrenzenden Länder verbreitet und in ſeinem Gefolge Kälte und Dürre hat. Den ſchädlichen Einfluß, welchen dieſer Moorrauch auf die Vegetation ausübt, kann man nicht wegläugnen, indem Luft und Wärme die erſten Bedingungen zum Gedeihen jeder Pflanze ſind. Es wäre daher nichts mehr zu wünſchen, als daß die holländiſche, preußiſche, hannöverſche und oldenburgiſche Regierung end⸗ lich einmal Mittel ergriffen, das Abſchwelen der Moore zu regeln. Die Verbreitung dieſes Rauches iſt bei weitem größer als man glaubt. In Weſtfalen kann ſolcher ſo ſtark werden, daß man kaum mehr die Sonne zu ſehen im Stande iſt, und da dieſer Rauch wegen ſeiner Dichtigkeit eine Höhe von ein und ein halb tauſend Fuß überſteigt, ſo kann er unter günſtigen Verhältniſſen bis nach Berlin, Baſel und Paris gehen, auf welchem Wege er ſich dann als leichter, blauer Dunſt um die Höhen lagert, und Veranlaſſung zu den vielen Streitigkeiten geweſen iſt, die unter den Gelehrten über Heer⸗ rauch und Höhenrauch ſtattgefunden haben; hieher, nach Weſt⸗ falen, darf man nur die Naſe mitbringen, um ſich zu über⸗ zeugen, daß es Moordampf iſt.

So iſt es auch in der That. Nach Weſtfalen darf man nur die Naſe mitbringen, um ſich zu überzeugen, daß der Haarrauch, Heerrauch oder Höhenrauch nichts als Moor dampf iſt. Man erkennt dieſen Geruch auch in jenen Ge⸗

genden, welche bereits viele Meilen von den brennenden Mooräckern entfernt liegen, recht gut heraus. Sobald nur am Horizont ſich die erſten Vorboten des Höhenrauchs, die

ſonderbare braunrothe Färbung des Himmels und die ins zu erklären, aus dem Moorbrennen im nördlichen Deutſchland

Röthliche übergehende Färbung des Sonnenlichts zeigen, und wenn dann nach und nach die ganze Atmoſphäre ſich

mit jenem trockenen Nebel anfüllt, wenn die Umriſſe der Berge und Wälder, welche ſich vor wenigen Stunden noch klar und ſcharf am Horizont abzeichneten, verſchwimmen und

jenen bläulich rothen Teint annehmen, wenn die Temperatur des warmen Juninachmittags allmälig in eine gewiſſe trok⸗ kene Kälte übergeht: ſo iſt in Weſtfalen kein Menſch darüber in Zweifel, daß dies der qualmende Rauch der in Oſtfries⸗ land ſchwelenden Moore iſt, und Niemand wird dort auf die Idee kommen, den Grund des Höhenrauchs in zerſetzten Ge⸗ wittern und in durch vulcaniſche Ausbrüche verurſachten, unterirdiſchen Gährungsprozeſſen zu ſuchen. Auf ſolche Ideen können nur Phyſiker kommen, die den Höhenrauch in Frankreich oder an der Schweizer⸗Gränze beobachteten, und dort, wo er auf der langen Reiſe, welche er durch die

niederen Luftregionen unſerer Atmoſphäre gemacht, jenen ) ht,

brandigen, nur ihm eigenen penetranten Geruch längſt ver⸗ loren hat, über ſeine Entſtehungsgründe nachdachten. In Weſtfalen oder überhaupt in jenen Gegenden, welche den Brenn⸗ oder Moorfeldern näher liegen, können ſie den Höhenrauch niemals beobachtet haben. Ich habe den Höhen⸗ rauch über den ſchwelenden Mooräckern aufſteigen ſehen, die Geruchsnerven meiner Naſe haben dort und in der Entfer⸗ nung von 30, 40 und 50 Meilen von jenen ungeheueren Brandſtätten dieſen penetranten, eigenthümlichen Rauch oft viele Tage lang empfunden, und ich kann ſagen, kein Parfüm auf der Welt iſt meiner Naſe ſo unvergeßlich geweſen, und von keinem Parfüm auf der Welt habe ich die Fabrikſtätte ſo genau wieder erkannt, als von dieſem ſchwelenden Moor⸗ rauch, der nur in einer Gegend der Welt erzeugt wird. Der Geruch war ganz derſelbe, ob ihn meine Naſe hundert Schritt von den dampfenden Moorgegenden Oſtfrieslands oder 40 Meilen ſüdlicher, an den Gränzen des Teutoburger⸗ waldes empfand, wenn auch natürlich in geringerer Stärke. Die Sonne nahm dort wie hier, beim allmäligen Aufſteigen des Rauches, ganz dieſelbe röthliche Farbe an, dort wie hier wurde die Farbe des Himmels am Horizonte nach und nach matter und matter, ging dann in eine ſchmutziggraue und röthlich braune Farbe über, die Umriſſe der entfernteren Berge, Dörfer und Wälder verſchwammen in unbeſtimmten, bläulich rothen Linien, und allmälig füllte ſich dort wie hier die ganze Atmoſphäre mit jenem trockenen Nebel, der zu vielen Strei⸗ tigkeiten Veranlaſſung gegeben hat. Ich bin, wie geſagt, niemals über die Natur und die Entſtehung des Höhenrauchs im geringſten Zweifel geweſen. Zu derſelben Zeit, wo die Moorfelder in Oſtfriesland angezündet werden, erſchien in Osnabrück alljährlich der Haarrauch, wie man ihn dort zu nennen pflegt. Wehte der Wind aber nicht aus Nord und Nordweſt, das heißt, nicht aus der Himmelsgegend der bren⸗ nenden Mooräcker, ſo blieb der Haarrauch aus, und es kam oft vor, daß er während eines Jahres gärzlich fehlte, weil der Wind ihn nach einer andern Himmelsgegend hintrieb. Zuweilen zeigten ſich am Horizont die oben erwähnten erſten Vorboten des Haarrauchs, ohne daß meine Naſe den gering⸗ ſten Geruch empfand. Ich erwartete ihn mit Beſtimmtheit, dann ſchlug der Nordwind in Südwind um, der Horizont wurde wieder rein und klar, der Haarrauch blieb aus. Aber einige Tage darauf hörte ich von Reiſenden, daß in der Ge gend von Emden und Aurich die ganze Atmoſphäre mit