Jahrgang 
1857
Seite
469
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uns da der Natur und ihren ewigen Geſetzen zu, die nicht von uns verlangt, daß wir uns, um für die Projekte dieſes oder jenes Weltverbeſſerers zu taugen, erſt von ihm gewiſſermaßen umſchaffen laſſen ſollen. Vielmehr fordert dieſelbe von uns Nichts mehr oder weniger als die Freiheit, um uns in dem kunſtvoll verſchlungenen Drama der Geſellſchaft als Mitſpieler auftreten zu laſſen.Wer überzeugt iſt, ſagt Baſtiatdaß jedes Theilchen einer Flüſſigkeit die Kraft in ſich trägt, aus welcher das Niveau des Ganzen entſteht, der weiß auch, daß er zur Herſtellung dieſes Niveau's nichts beſſeres thun kann, als ſich jeder Einmiſchung zu enthalten. Dieſes phyſikaliſche Geſetz entſpricht nun dem von uns früher entwickelten volkswirthſchaftlichen durchaus. Das Eigen⸗ intereſſe, welches Jedem von uns als Grundtrieb innewohnt,

nöthigt die Einzelnen, ſich behufs vollkommner Befriedigung ihrer Bedürfniſſe mit den Andern in das Niveau von Leiſtung und Gegenleiſtung zu ſetzen und verknüpft ſie ſo, ſelbſt ohne ihr Wiſſen und Wollen, zur Geſellſchaft. Wie gewaltig und ſtetig wirkt eine ſolche natürliche Organiſation, welche von ihren Gliedern nur das verlangt, wozu dieſe der ſtärkſte An⸗ trieb ihres eignen Weſens ohnehin drängt, und wie überaus ſinnreich iſt der in ihr waltende Mechanismus, vermöge deſſen Jeder die Geſammtbefriedigung ſeiner Bedürfniſſe ſtets mehr fremder, als eigner Anſtrengung verdankt, ohne daß jemals die Verminderung der Anſtrengung für den einen durch die Ver⸗ mehrung derſelben für den Andern erkauft werden müßte! Wenn irgendwo, ſo iſt hier jenes fabelhafte, ſprüchwörtlich gewor⸗ dene Spiel verwirklicht, bei welchem alle Spieler gewinnen.

Der Hähenrauch

oder Haarrauch.

Von G. R.

Der Höhenrauch gehört zu den Lufterſcheinungen, deren Urſache und Entſtehung nur noch bei den Phyſikern, welche ihn nicht im nordweſtlichen Deutſchland beobachtet haben, zweifelhaft ſein kann. Man nennt ihn auch Haarrauch, Heerrauch, Landrauch, Sonnenrauch, Haiderauch, Moorrauch, welche verſchiedenen Benennungen in der Her⸗ leitung ſeiner Entſtehung aus dem Brennen der Moor⸗ und Haidegegenden ihren Grund haben. Haare nennt man in manchen Gegenden Oſtfrieslands und Weſtfalens die in den Mooren oder in der Nähe derſelben befindlichen Anhöhen, welche ſich zur Moorkultur und zum Moorbrennen beſonders eignen. Der beſte und umfaſſendſte Ausdruck für dieſe Luft⸗ erſcheinung iſt trockner Nebel.

In den Monaten Juni und Juli, nach einem heitern Tage, wenn die Luft rein und blau iſt und keine Wolken am Himmel ſind, ſehen wir in manchen Gegenden, beſonders im mittlern und öſtlichen Deutſchland, daß ſich der Horizont allmälig verändert. Die blaue Farbe wird matter und matter und geht nach und nach in ein ſchmutzig Grau und Rothbraun über. Ein trockner Nebel erfüllt mehr oder weniger die Atmoſphäre und ſteigt oft zu bedeutender Höhe. Den Höherauch im Jahre 1783 konnte man z. B. auf dem St. Gotthard und auf den Alpen der Dauphiné in Höhe von 10,000 Fuß beobachten, während er in manchen Gegenden kaum die Höhe von einigen hundert Fuß erreicht. Die Sonne erhält durch dieſen Nebel einen matten und röthlichen Schein, der, ſobald ſie ſich dem Horizonte nähert, in das Blaurothe übergeht, und alle ferne Gegenſtände, die wir durch den Nebel erblicken, Bäume, Städte und Gebirge, erſcheinen uns in röthlicher Färbung, mit undeutlichen, ſchwankenden Umriſſen, wie mit einem ſich hin und her bewegenden Schleier bedeckt. Oft wird die Sonnenſcheibe von dieſem Nebel ſo bedeckt, daß ſie kaum noch zu ſehen iſt, und einen nicht ſtärkeren Schein

wie der Mond hat. Dieſer trockne Nebel erfüllt mehr oder

weniger die ganze Atmoſphäre, weder Wärme noch Regen vertreiben ihn; während ſeiner Erſcheinung findet eine große Dürre ſtatt, und er hat gewöhnlich die Kälte in ſeinem Gefolge.

Beſonders beobachtet man dieſen Nebel, wie geſagt, im öſtlichen und weſtlichen Deutſchland, er dauert dort oft über einen Monat und macht die ſchönſten Sommertage unerträg⸗ lich, aber er verbreitet ſich auch weiter, und wird, wenn auch nicht in derſelben Stärke, in den meiſten Gegenden Deutſch⸗

lands, Frankreichs, Italiens, in den Niederlanden, ja auf dem adriatiſchen Meere, auf dem atlantiſchen Ocean und auf den Alpen geſehen. Gewöhnlich verſchwindet er gegen Ende des Monats Juli, oft nach ſtarken Gewittern, oft in Folge heftiger Winde.

Ueber den Grund dieſer Erſcheinung iſt, wie ſchon er⸗ wähnt, viel hin und her deliberirt worden. Darüber ſind alle Phyſiker jedenfalls einig, daß der Höhenrauch von dem gewöhnlichen Nebel ſehr verſchieden iſt, und mit demſelben

weder in ſeiner Entſtehung noch in ſeiner Erſcheinung das

Mindeſte zu thun hat. Deſto mehr gehen ſie aber in ihren Meinungen über ſeine Entſtehung auseinander. Manche haben ihn mit den um dieſelbe Zeit häufig vorkommenden Gewittern in Verbindung gebracht, ihn einen elektriſchen Nebel genannt und angenommen, er ſei nichts Anderes, als durch Elektricität zerſetzte Dünſte oder zertheilte Gewitter. Für dieſe Annahme giebt es gar keinen Grund, als daß der Höhenrauch oft mit Gewittern zuſammentrifft. Andere haben die Elektricität in anderer Weiſe mit dem Höhenrauch in Ver⸗ bindung gebracht. Die Menge der Elektricität, ſagen ſie, welche nach feuchten Wintern durch die große Sommerhitze entwickelt werde, ſei die Veranlaſſung des Höhenrauchs, oder es ſeien Waſſerdämpfe, welche ſich mit einer beſonders großen Menge elektriſcher Materie aus der Erde erhöben und ſich verdichteten, ohne indeß zu wiſſen, warum und wie die Elek tricität dieſe beſondere Wirkung habe. Als jedoch die Zeit der elektriſchen Anſchauung, möchte man ſie faſt nennen, vor⸗ über war, fiel die Anſicht in ſich ſelbſt zuſammen, ſo daß man kaum mehr nöthig hat, ſie zu bekämpfen.

Aber der Höhenrauch mußte doch irgendwo ſeinen Grund und ſeine Veranlaſſung haben! So brachte man ihn denn mit vulkaniſchen Eruptionen und mit Erdbeben in Verbin⸗ dung; man rechnete aus, daß in dem Jahre, wo der Höhen⸗ rauch ſich beſonders gezeigt, auch in irgend einem europäiſchen Lande Erdbeben ſtatt gefunden hatten, und erklärte den Rauch für ein Produkt unterirdiſcher Gährungsprozeſſe. Grund hatte man hiezu gar nicht, als höchſtens den, daß die Dampf⸗ ſäule, welche ſich über Vulcanen bei ihren Ausbrüchen erhebt, und Aſche, Feuer und Steine mit ſich in die Luft führt, Aehn⸗ lichkeit mit einer Rauchſäule hat, und daß zufälligerweiſe mehrere Male in den Jahren, wo vulcaniſche Ausbrüche in Island und Calabrien ſtatt fanden, auch der Höhenrauch in beſonderer Stärke auftrat; aber wir können doch unmöglich

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