Jahrgang 
1857
Seite
468
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heit, das wird Niemand beſtreiten. Was ſoll man alſo zu einer ſolchen als allgemeine Bürgerpflicht anbefohlnen, nicht der freien Selbſtbeſtimmung eines Jeden entſpringenden Brüderlichkeit ſagen; verliert der Begriff nicht auf dieſe Weiſe ſeine humane Bedeutung? Nur einer aus freiem Ent⸗ ſchluß bethätigten derartigen Geſinnung können wir ſitt⸗

erzwungenen. Die Gefühle der Liebe und Anhänglichkeit, Aufopferungsfähigkeit und Bruderſinn, laſſen ſich nicht durch eine Behörde befehlen und bei Strafe anordnen, oder ſie ſind nicht mehr ſie ſelbſt. Nur wenn ich von den mittelſt Spar⸗ ſamkeit und Fleiß erworbenen Früchten meiner Arbeit, nache Deckung der eignen Nothdurft, Etwas übrig behalte, viel⸗ leicht mir ſelber Etwas abbreche, mag ich darüber zum Beſten Anderer verfügen, denen ich wohl will, oder mit denen ich Mitleid fühle. Nur eine ſolche Handlungsweiſe hat Ver⸗ dienſt, weil ſie die Gerechtigkeit nicht verletzt, das erſte aller Erforderniſſe im Geſellſchaftshaushalt, die einzige haltbare Grundlage, aus welcher ſich die ſchöne Blüthe der Brüderlichkeit erſt entwickeln kann.

Dagegen die Früchte ſeiner Thätigkeit Andern hingeben weil man muß und dann ſelbſt wieder von Dritten ohne Entgelt nehmen, was man bedarf, einem ſolchen Gebaren kann Niemand ſittlichen Werth beilegen, vielmehr müßte es der unvermeidliche Quell einer immer zunehmenden De⸗ moraliſation, des Sinkens von Wohlſtand und Bildung für Alle werden. keit feindlicher, nichts ihrem dereinſtigen Regiment, welchem die Menſchheit ſeit Jahrtauſenden im langſamen Wachsthum entgegenreift, ſo hinderlich, als jene falſche, zur Regu⸗ lirung der wirthſchaftlichen Beziehungen vorgeſchobene, durch Staatsbefehl erzwungene Brüderlichkeit, welche keine ein⸗

Staatsgewalt regelmäßig in den von ihnen projektirten Ge⸗ meinweſen mit Vollmachten zu bekleiden, wie ſie nimmermehr in den abſoluteſten Tyrannieen des Orients vorkommen, was einen ungeheuer komplicirten und koſtſpieligen Verwaltungs⸗ Apparat vorausſetzt. Wie nach der Konſequenz des abſoluten

Policeiſtaats eigentlich jedem Menſchen ein Aufſeher zur lichen Werth beilegen, niemals einer durch äußere Gewalt

Seite ſtehen müßte, der ihn verhindert, ſeine Kräfte zu miß⸗ brauchen, ſo bedarf es in der Social⸗Republik noch außer⸗ dem eines Treibers, der ihn zwingt, ſie überhaupt erſt zu gebrauchen. Der Staat iſt Alles, der Einzelne Nichts. Der Staat hat, außer ſeiner politiſchen Aufgabe, auch ganz allein die gewerbliche Initiative, von ihm geht jedes induſtrielle Unternehmen aus, denn wie käme ein Einzelner zu einem ſolchen, da ihm die Früchte davon nicht bleiben? Der Staat iſt daher der alleinige Arbeitgeber, ſeine ſämmtlichen Bür⸗ ger nur Lohnarbeiter in ſeinen Dienſten, und auf dieſem Wege, ſo rühmt man ſich, gelingt es, die verderbliche Kon⸗ kurrenz zu beſeitigen! Eine herrliche Sache um dieſen Staat der Zukunft, wo Jeder ganz vergnügt in den Tag hinein leben kann, keiner mehr um ſein Geſchick zu ſorgen braucht, da ja der Staat die leibhafte Vorſehung auf Erden, die

ganze Verantwortlichkeit für die Exiſtenz aller ſeiner Bürger

Nichts iſt daher der wahren Brüderlich⸗

zige von den ſchönen Früchten ächten Bruderſinns trägt. Nur

durch den ſtetigen Fortſchritt von Bildung und Geſittung unter allen Klaſſen der Geſellſchaft, welcher ohne eine Hebung ihrer materiellen Zuſtände nicht denkbar iſt, wird es möglich, daß wir uns jenem Ideal, dem tauſendjährigen Reich, von dem die Verheißungen der Menſchheit ſagen, allmälig nähern; ein Ziel, von dem uns die falſche Brüderlich⸗ keit entfernt, weil ſie die natürlichen Triebfedern, den Sporn zu jedem tüchtigen Streben in den Menſchen ertödtet. Frei⸗ lich führt ſie am letzten Ende auch eine Ausgleichung unter den verſchiedenen Geſellſchaftsklaſſen herbei. Aber nicht in der ſtetigen Erhöhung des intellektuellen, ſittlichen und wirth⸗ ſchaftlichen Niveau's derſelben, wie es jenes hohe Ziel erfor⸗ derte, ſondern in deſſen dauerndem Sinken zum allgemeinen Elend, mit welchem Rohheit und Barbarei untrennbar Hand in Hand gehen.

Endlich iſt noch zu bedenken, daß das ſo eben beſprochene, und alle andere auf Bekämpfung der natürlichen Triebe und Neigungen der Menſchen des Eigenintereſſe ge⸗ richteten Syſteme, wie ſich von ſelbſt verſteht, ſtets nur durch den Zwang in das Werk geſetzt werden können, und daß dieſer um ſo ſtärker ſein muß, je mehr jenen Naturtrieben Gewalt angethan wird. Soll z. B. das Hingeben der Ar⸗ beitsprodukte ohne ſpeciellen Entgelt die Regel bilden, ſo iſt dies nicht anders denkbar, als daß die Staatsgewalt die Uebernahme der Producte von den Producenten und ihre Ver⸗ theilung unter die Konſumenten leitet; daß ſie die Einzelnen nöthigt, einerſeits zu arbeiten, andrerſeits ſich mit dem ihnen zugemeſſenen Theil aus der allgemeinen Gütermaſſe zu be⸗ gnügen, weil ohnedies nur jeder Alles empfangen, und da⸗ gegen Nichts leiſten, nur nehmen, Nichts geben wollen würde. Deßhalb ſind denn auch die Socialiſten genöthigt, die

übernimmt, welche nichts weiter zu thun brauchen, als ſich blind ſeinen Impulſen, ſeiner Leitung zu überlaſſen! Wunder⸗ voll in der That, hätte die Sache nur nicht einen kleinen Haken, der bisher ihre Ausführung verzögert hat, und dies wohl für immer thun wird. Man wende ſich wie man wolle, immer läuft die ganze Aufgabe, wie wir ſchon ſahen, darauf hinaus, einen Fehler in der natürlichen Organiſa⸗ tion des Menſchen zu verbeſſern. Wem aber fällt die Löſung dieſer Aufgabe anders anheim, als wiederum Men⸗ ſchen? Um die Menſchennatur zu ändern, gibt es alſo kein anderes Werkzeug, als eben dieſe Menſchennatur, für den Zwang, der allen Menſchen ohne Unterſchied zu dieſem Zwecke angethan werden muß, keine andere Gewalt, als wiederum die derſelben Menſchen.Welchen Stützpunkt wollt Ihr einem ſolchen Hebel geben? ruft Baſtiat mit RechtEs müßte einer außerhalb der Menſchheit ſein. Sind es Menſchen, denen ihr das Schiedsrichteramt zwiſchen den ſtreitenden Intereſſen überlaßt, ſo beweiſt erſt, daß ſie aus anderm Stoffe gemacht ſind, wie ihre Brüder, daß ſie nicht ebenfalls dem Einfluſſe des Intereſſe unterliegen. Man will ein Fehlerhaftes beſeitigen, und hat doch nur eben dieſes Fehlerhafte als einziges Mittel, ein Beſſeres an deſſen Stelle zu ſetzen. Weil die Uhr, wie man ſich einbildet, nicht richtig geht, ſo nimmt man die Feder heraus, und iſt nun genöthigt, den Zeiger mit den Fingern zu rücken. Kurz, wir wieder⸗ holen es immer und immer wieder: wenn wir einerſeits ſo geartet ſind, daß wir des geſellſchaftlichen Verbandes nicht entbehren können, andrerſeits unſere angebornen Triebe der Grundbedingung eines ſolchen Verbandes zuwiderlaufen, ſo iſt keine menſchliche Macht und Einſicht im Stande, einen ſolchen Geburtsfehler der Menſchennatur zu beſeitigen. Dann muß Kampf und Zerwürfniß herrſchen bis an das Ende der Dinge, und immer heftiger entbrennen, je mehr die Menſchen einſehen, daß die Intereſſen der Einzelnen einan⸗ der widerſtreiten, daß ihr Wohlbefinden nur im Ruin ihrer Brüder wurzelt. Die Menſchheit treibt dann unaufhaltſam einem Abgrunde zu, und der ſichere endliche Sturz iſt unaus⸗ bleiblich.

Nun wahrhaftig, um uns zu beſtimmen, daß wir unſern angebornen Trieben und Neigungen entſagen, einem ſo ge⸗ häſſigen Zwange uns fügen, bedürfte es mindeſtens einer lockenderen Ausſicht im Hintergrunde. Lieber wenden wir

uns uns jenes um