Siebenhügelſtadt.“— Im Thale zwiſchen dem Aventin und Palatin, ſeitwärts von uns, zog ſich dieſe größte Arena weitgedehnt hin.
Und alles das erblickt man wie in einem Kranze der jüngſten, zarteſten Lenzblumen, die uns umduften, des friſche⸗ ſten Grüns, das gleichſam wie Wellen über uns zuſammen ſchlägt. Hier an dem Ruheplatz, wo die Aloe meine Sophawand bildet, der feinhaarige Fenchel, und dann nah und fern alle die hunderttauſend zierliche Kelchlein, welche mit Sankt Peter jetzt läuten früh und ſpät, und ihre Kuppeln wie er ſeine in den göttlichen Aether, in dieſe großmüthige Sonne heben. Da dieſe weißen ſternartigen Blümlein, die ſich aneinander drängen, dicht zu mir heran, zu meinem Herzen— in jedem einzelnen dieſer kleinen Blüthen iſt eine Schönheit, eine Liebe, wie in jenem Gebirge am Horizont. Meint man nicht aus ſolchen Kelchlein, dem feinen Knospenmunde, müßten ſich Engelsköpfchen wie von Fieſole und Gentile herausneigen, oder kleine Genien? Das ſind die eigentlichen Blumenelfen, und hier begreift man die Fülle der antiken Kunſt, die über⸗ ſchwengliche drängende Poeſie der alten Götterlehre.
Ja es iſt eine zärtliche Natur, ein Schmelz von Süßig⸗ keit! Sollte man nicht rein glücklich ſein ſo von ihr umarmt an ſolcher Stätte? Es war meine ſchönſte Stunde in Rom. Da fühlt man, warum Rom eine Liebe iſt für die, die es kennen, und warum es ſie nicht mehr losläßt. Aber auch, daß es zu groß und mächtig iſt um erfaßt zu werden; die Gehirn⸗ kammern ſind zu eng dafür, man kann Rom nicht denken: es iſt eine Welt. Was iſt da der Menſch?! Nicht nur mit ſeinem Schickſale, auch mit ſeinem Geiſte, ſeinem Denken und Empfinden! Da kann man Demuth lernen; Aufgehen im All; und Liebe, an dieſem Lieben und Umfangen der Natur. Man kann hier Liebe ſchwerer— oder leichter ent— behren, ſchwerer— oder leichter allein ſtehen: weil hier alles Liebe iſt, beinahe ohne Sehnſucht, nur Erfüllen. Wie dürfte aber auch hier der Seele Geringes genügen, anderes als nur Göttliches? Das Eigene verſinkt, man wird hier objektiv. Vor dieſem höchſten Aufflammen ſchwindet alles Sterbliche; das Irdiſche erſcheint klein; das iſt die Weihe von Rom und darum iſt Rom die ewige Stadt. Was iſt hier alles Lernen und Wiſſen? Vom Können gar nicht zu reden.
Lange ſaßen wir auf einem Mäuerchen in dieſem Ge— mälde. Es entlockte mir die hellen warmen Thränen, man kann nichts anderes als weinen, alle Quellen des Herzens brechen auf. Man möchte nicht ſterben wenn man das ſieht, und doch auch wieder ſterben, weil man es geſehen hat. „Man kann auch nirgends auf einem zweiten ſo großartigen Platze ſtehen,“ bemerkte G.;„zu Neapel ſieht man in die vier Himmel— aber hier ward die Welt verſpielt! Was iſt alles da oben vorgegangen in dieſer Stadt von Paläſten, auf dieſem Berge von Gold und Marmor?“— Umringt von den ſtolzeſten Trümmern der Cäſarenburgen, lebte man um ſo mehr mitten unter den ſie einſt bewohnenden Geſchlech⸗ tern, nun wir ſoeben zwiſchen ihren Büſten wandelten auf dem Capitole, ihre Geſtalten und Bilder noch ſo friſch mit uns heraufholten in ihre Hallen und Gemächer.
Es gehört mit zu den Vorurtheilen über Italien, daß der Himmel tiefblau ſei: er iſt Licht, reinſtes Aetherlicht, und wird immer heller, je ſüdlicher man pilgert. Wir ſtiegen jetzt von
einem Aloen⸗Kanape noch höher hinauf durch ſehr häusliche Broccolifelder, in welchen Montigiani arbeiteten. Ein kleiner Bauernbub' hüpfte zu uns her, der eben eine Kaiſermünze gefunden hatte und bot ſie uns hin auf ſeinem nußbraunen Händchen.
peratoren hat man ein armes kleines Kreuzlein gepflanzt, das dich verwunderlich anſchaut unter der rieſigen Niſche. Ueberall die üppigſte Vegetation, ich würde ſagen wild, wenn ſie nicht eben ſo gar hold wäre. Ein ganzes Labyrinth von Laurus, der in duftenden weißen Blüthen prangte; auch ächter Lorbeer; man mußte ſich überall erſt den Weg bahnen durch dieſe überfließenden Kränze und Gewinde. Das Dickicht von Rosmarin⸗, Lorbeer⸗, Maſtix⸗, Cythiſus⸗ und Viburnumgebüſch verbarg uns ſelbſt gefährlich die zu unſern Füßen gähnende Kluft. Es iſt ein trügeriſches Para⸗ dies; denn Ein falſcher Schritt und wir mögen thurmhoch hinabſtürzen in offene Gewölbe. Darum warnen auch kun⸗ dige Freunde beſonders vor romantiſchen Mondſcheinpar⸗ tien auf dem Palatin. Mancher Forreſtiere, welcher der Verführung nicht widerſtand, iſt da oben verunglückt, weil überall dem Ahnungsloſen ſchmeichleriſch überblühte Löcher und Klippen drohen. Wie gerade jetzt wieder, wo wir plötz⸗ lich an der Ecke in die Tiefe der gigantiſchen, laubbedeckten Gallerien ſtarren, aus welchen unter den ſie umhängenden Teppichen ſelbſt grünende Berge für ſich geworden ſind. Und aus dieſen Abgründen ſchallte bald da, bald dort, ein
Aufjubeln, irgend ein Ritornello herauf, als ſei der Berg
ſelbſt tönend, oder als ſpotte die Gegenwart der Ver⸗ gangenheit.
Wir ſuchten die Villa Mills zu umkreiſen, den geſchmack⸗ loſen Bau, der wirklich höhniſch auf dem klaſſiſchen Gipfel in Buntheit ſchreit, und den ich chineſiſch nennen wollte, wenn er nicht ſo äͤcht amerikaniſch wäre. Man richtete ihn gerade damals zu einem Nonnenkloſter ein. Nur Klöſter dürſten eigentlich noch auf dieſen Cäſarenpaläſten erbaut werden; nur beten kann man da noch. Freilich wird dann ein einzig herrlicher Ausſichtspunkt wieder dadurch unzugänglich, wie dort nachbarlich das Kloſter Bonaventura, bei welchem die Palme ihren Fächer breitet in der Abendklarheit.
Zuletzt treten wir auf ein freieres Plateau, auf eine Art Terraſſe heraus, wo wir den nämlichen Umblick wie auf dem erſten Halt beim Aloendivan genoſſen, nur ein gutes Theil höher und weiter. Nun ſahen wir auch, über S. Saba hinaus, auf die flammenentſtiegene Baſilika S. Paolo fuori le Mura. Im Hintergrunde der Judenmale tauchte die Pyramide des Ceſtius auf mit ihrem Walde dunkelnder Cy⸗ preſſen.„Da habe ich in dieſen drei Jahren ſchon Manchen hinaustragen helfen,“ ſagte Gregorovius;„auch noch nicht gar lange den Sohn der Lotte.“— Wir kamen auf eine Stelle wo wir, auf der entgegengeſetzten Seite, die Kuppel von Sankt Peter gewahrten, die geiſtliche Schildwache, welche den Palatin abgelöſt hat; und plötzlich ſilberte die Tiber⸗ ſchlange herauf beim Ponte Sieſto; links reckte ſich der Monte Teſtaccio, der Scherbenberg. 3
Ueber uns an den Zweigen, heute am dritten April, drängten ſich die Feigen vor, noch ohne Blätter: mit einem ungeheuern Muthe treibt ſie, dieſe Frucht. Ueberall hingen die Bäume voll grüner Mandeln, von welchen— denn das gehört hier alles Allen— mein Begleiter mir ganze Hände voll zur Labung brach; man durfte nur an die Aeſte langen und pflücken. Die Frucht iſt ſammetartig grün außen und innen noch milchweich, ſo daß man ſie in dieſer Zeit mit Haar und Haut verſpeiſt; ſie hat einen angenehm erfriſchen⸗ den, ſäuerlichen Geſchmack. Es iſt das erſte was blüht: es iſt der Baum der Liebe. Amor pflanzte ihn auf das Grab
des Narciſſus, der auch aus Sehnſucht geſtorben.
War man nun nicht wirklich im Elyſium? Vögelheere
Dort in jener heidniſchen Halbkuppel der Im- ſangen ſüß; auch ſie haben hier eine viel weichere Kehle.
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