Jahrgang 
1857
Seite
452
Einzelbild herunterladen

wird, wenn ihm freier Spielraum bleibt, mit ihren prak⸗ tiſchen Folgerungen näher zu betrachten. Da man die unbe⸗ dingte Nothwendigkeit des geſellſchaftlichen Verbandes für die Menſchen und zugleich den Umſtand, daß dieſelben in ihren materiellen Strebungen ſämmtlich durch das Eigen⸗ intereſſe beherrſcht werden, anerkennt, ſo geräth man gleich von Haus aus zur Annahme eines unauflösbaren Wider⸗ ſpruchs zwiſchen der natürlichen Beſchaffenheit der Menſchen und den Bedingungen ihrer Exiſtenz, zwiſchen ihrem ange⸗ bornen Weſen und ihrer Beſtimmung, welches Beides allen vernünftigen Begriffen nach niemals einander entgegengeſetzt werden kann, ſondern eins in dem andern enthalten, ein⸗ begriffen ſein muß. Ein ſolcher Zwieſpalt zwiſchen den eingebornen Trieben der Menſchen und ihrer geſelligen Be⸗ ſtimmung, zwiſchen dem Intereſſe der Einzelnen alſo und dem der Geſammtheit, würde allerdings, weil eine natürliche Löſung fehlt, eines künſtlichen Auskunftsmittels, die Geſell⸗ ſchaft alſo darnach einer künſtlichen anſtatt der mangelnden natürlichen Organiſation bedürfen, das iſt klar. Und davon gehen denn auch die Vertreter dieſer Anſicht ſämmtlich aus, nur daß ſie über die Art und Weiſe der einzuführenden künſtlichen Organiſation vielfach uneins und im Streit ſind, was Niemand Wunder nehmen kann. Denn wie es im Reiche der Natur, wo die vollſte Geſetzlichkeit herrſcht, nur eine einige durch das Weſen der Dinge ſelbſt bedingte Wahrheit, nur einen rechten Weg giebt, ſo geräth die menſchliche Willkür, wenn ſie jene Richtſchnur einmal ver⸗ läßt, auf tauſend Ab- und Umwege, denen die Phantaſie die herrlichſten Ziele vorſpiegelt. Aber wie ſinnreich alle dieſe Projekte ausgedacht ſein mögen, ſo fehlt es ihnen doch ſtets an der Möglichkeit, ſie in das Werk zu ſetzen, an den nöthigſten Bedingungen zu ihrer Realiſirung. Denn wo in aller Welt, wo hat man denn die fehlende ausgleichende Kraft, das Gegengewicht gegen die herrſchenden Triebe und Neigungen der einzelnen Menſchen zu ſuchen, wenn es nicht in dieſen Einzelnen ſelbſt vorhanden ſein ſoll, das möge man uns einmal beantworten!Ei nun, in der Geſellſchaft als Ganzem, die eine Staatsgewalt in ſich errichtet, und dieſe mit jener Aufgabe betraut, ſo höre ich mir von allen Seiten zurufen, und in der That, eine andere Aus⸗ kunft weiß man nicht. Aber das iſt ja ein offenbarer Fehl⸗ ſchluß, könnte ich einfach entgegnen. Es gilt, wie Ihr ſelbſt ſagt, ein Mittel aufzufinden, welches das geſellſchaftliche Zuſammenleben überhaupt möglich macht, wie kann denn nun die durch dieſes Mittel erſt noch zu ermöglichende Ge⸗ ſellſchaft ſelbſt wiederum dieſes Mittel ſein? Da bewegt Ihr euch ja mit eurem Denken im Zirkel und macht das Ende zum Anfang! Doch fragen wir nur weiter. Wer oder was iſt denn die Geſellſchaft? Iſt ſie denn etwas Anderes als die Summe aller Einzelnen? Verändern denn dieſe Einzelnen etwa durch ihr Zuſammentreten zur Geſellſchaft, wie die Stoffe in der Chemie durch ihre Verbindung, dergeſtalt ihre Natur, daß ſie einen ganz neuen, von ihrem frühern Einzelzuſtand ganz verſchiedenen Körper bilden? Mit andern Worten: gehen ſie als Einzelne unter, oder be⸗ ſtehen ſie nicht, in und neben dem geſelligen Verbande, nach wie vor als ſolche ungeſtört fort? Nein, einem oder einigen Einzelnen gegenüber, läßt ſich von der Geſell⸗ ſchaft als Geſammtheit reden; aber wie man ſämmtlichen Einzelnen, aus denen doch die Geſeellſchaft lediglich beſteht, dieſe ſelbe Geſellſchaft entgegen ſtellen will, iſt nicht abzu⸗ ſehn. Das heißt, Alle mit Allen, die Geſellſchaft mit ſich ſelbſt in Widerſpruch bringen, das iſt mit einem Worte Un⸗ ſinn. Wenn einmal der Menſch ſo geſchaffen iſt, daß ſeine

angebornen Triebe nicht mit dem geſelligen Zuſammenleben übereinſtimmen, und er das letztere dennoch nicht entbehren kann, ſo haben wir einfach der Menſchennatur ſelbſt, wie ſie aus der Hand des Schüpfers hervorging, die Schuld aller Verwirrung, den Quell des ſocialen Uebels beizumeſſen, und dagegen iſt abſolut Nichts zu machen, man müßte denn dieſelbe umzuändern vermögen. Wirklich laufen die Pläne eines Theiles der Socialiſten auf ſo Etwas hinaus, in⸗ dem ſie ganz einfach bei den von ihnen gepredigten neuen Grundlagen der Geſellſchaft die Abſchaffung einiger menſch⸗ lichen Grundtriebe, namentlich des fatalen Eige nintereſſe, dekretiren, und an deren Stelle die Brüderlichkeit ſetzen.

Brüderlichkeit, ſchöner, verheißender Klang, bei dem das Herz des Armen und Gedrückten aufathmet, das Auge des Menſchenfreundes ſich mit edlen Zähren netzt! Du viel⸗ verkanntes, oft gemißbrauchtes Banner, unter dem mehr als einmal die Menſchlichkeit von wahnſinnigen Rotten mit Füßen getreten, die Civiliſation mit der Rückkehr zur gräu⸗ lichſten Rohheit bedroht wurde! Auch heute hören wir wieder den verlockenden Sirenengeſang, der ſchon ſo Manchen zum Abgrund geführt hat, und vor dem zu warnen Pflicht eines Jeden iſt, dem die Intereſſen der Kultur, die Geſchicke und Zukunft ſeines Volks, das Wohl der arbeitenden Klaſſen insbeſondere, wahrhaft am Herzen liegen.

Daß wir die Brüderlichkeit in ihrer vollen, hohen Bedeutung, nach ihrem ganzen ſittlichen Werth aner⸗ kennen, brauchen wir nicht erſt zu verſichern. In dem erſten Abſchnitt dieſer Skizzen, wo wir den Menſchen im Ganzen, nicht blos ſeine wirthſchaftlichen Beziehungen in das Auge faßten, fanden wir ja ſelbſt: daß der Einzelne im eignen wohlverſtandenen Intereſſe dazu hingedrängt werde, in ſeinem Nächſten ſich ſelbſt zu achten und wir ſtellten eine ſolche Geſinnung, ein Wirken mit vollem Bewußtſein und freier Selbſtbeſtimmung für das allgemeine Beſte, als Ziel menſchlicher Entwickelung hin, indem wir in dem Satze: Liebe deinen Nächſten als dich ſelbſt den Kern aller ſocialen Weisheit fanden. Aber etwas ganz Anderes iſt es, die Brüderlichkeit als wirthſchaftliches Grund⸗ princip im Haushalt der Geſellſchaft aufzuſtellen, welches die gewerbliche Thätigkeit, die materiellen Beziehungen der Einzelnen regeln ſoll. Will man insbeſondere das Eigen⸗ intereſſe dadurch verdrängen, mit ſeinem für allen Ver⸗ kehr aufgeſtellten GrundſatzLeiſtung für Leiſtung, ſo kann dies keinen andern Sinn haben, als daß die Abwägung gegenſeitiger Leiſtungen beim Austauſch der zur Befriedigung unſerer Bedürfniſſe nöthigen Gegenſtände nicht mehr Statt finden, und Jeder künftig ſeine Produkte ohne Entgelt denn ein drittes giebt es hier nicht hingeben müſſe für den bedürftigen Bruder, mit dem Vorbehalt, daß er ſelbſt ähnliche Bruderrechte in Anſpruch nehmen darf, wenn er ſelber Etwas braucht. So ſoll denn im Grunde genommen Jeder nicht mehr zunächſt für ſich, ſondern für Andere ſorgen, und daß dabei diejenigen am Beſten fahren, die aus Faul⸗ heit oder Ungeſchick bisher für ſich am ſchlechteſten ſorgten, läßt ſich nicht beſtreiten. In der That heißt dies den natür⸗ lichen Schwerpunkt alles Treibens der Menſchen verrücken und ihn außerhalb des eignen Weſens verlegen. Indem man mir zumuthet, für fremde Bedürfniſſe ohne Entgelt zu arbeiten, ſetzt man mich in die Lage, daß ich ebenfalls für meine Bedürfniſſe die Leiſtungen eines Dritten in Anſpruch nehmen muß, den auch ich meinerſeits nicht lohnen kann. So hebt man die Grundbedingung auf, unter welcher ein geſellſchaftliches Zuſammenleben der Menſchen überhaupt nur möglich iſt, die Verantwortlichkeit für das eigne

.