Jahrgang 
1857
Seite
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welch ein edel Kleinod und große Herrlichkeit die liebe Frei⸗ heit wäre, darin Jederman nächſt Gott und dem Rechte ſeines Gefallens leben möchte und Niemandes eigen wäre, für welche nicht allein viele Völker, ſondern auch die unver⸗ nünftigen Thiere bis in den Tod gekämpfet, und wenn ſie dieſelbe verloren, auch ſie bis in den Todt betrauert hätten. Als die Nachricht von dem Aumarſche der Eroberer einlief, wurden ſofort überall im Lande die vorhandenen Befeſtigungen ausgebeſſert und verſtärkt, an geeigneten Punkten neue an⸗ gelegt, und ſchleunigſt alle Arten Kriegsbedarf aus den be⸗ nachbarten Städten herbeigeſchafft. Jeder Waffenfähige ver⸗ ließ Haus und Hof und begab ſich in das Lager vor Heide. An 7000 Mann ſtark erwarteten die Söhne und Enkel der Sieger von Hemmingſtedt den Angriff der 24000 feindlichen Söldner.

Dieſe ließen nicht lange auf ſich warten. Am 18. Mai faßten die drei Fürſten einen ſogenannten Fehde⸗ oder Ab⸗ ſagebrief an die Dithmarſchen ab und ließen denſelben, an einen weißen Stab gehängt, durch einen gefangenen Ver⸗ brecher in's Lager vor Heide tragen. In dieſem im über⸗ müthigſten Tone abgefaßten Schreiben erklärten die Fürſten, daß ſiegröblich verurſacht wären, die Dithmarſchen mit dem Schwerte heimzuſuchen, weil dieſelben ihren erblichen Landesfürſten und der von Gott eingeſetzten Obrigkeit nicht nur vorſätzlich ungehorſam und widerwärtig geweſen, ſon⸗ dern auch Raub, Mord und Friedebruch geübt, da der Kirchen nicht geſchonet und geſcheuet worden, Mord in der⸗ ſelben thätlich zu üben und zu begehen. Sie hätten, hieß es weiter, ſich nur ſo lange Zeit geduldet, weil ſie Beſſerung und freiwillige Unterwerfung erwartet, da aberihre Lang⸗ müthigkeit der Dithmarſchen halsſtarrig, tadelig und unrecht⸗ mäßig Fürnehmen und Ungehorſam mehr geſtärket und keine Billigkeit zu verhoffen, ſo würden ſie nunmehr ohne Schonung Waffengewalt anwenden.

Als die Landesverweſer dieſen Brief den im Lager ver⸗ ſammelten Streitern vorgeleſen hatten, entſtand eine ge⸗ waltige Aufregung. Mit wildem Geſchrei ſtürzten ſich die Wüthendſten auf den unglücklichen Boten, und es wäre un⸗ fehlbar um ihn geſchehen geweſen, hätten die Achtundvierziger ihn nicht ſchnell in Sicherheit bringen laſſen. Aber noch eine geraume Weile dauerte die heftige Bewegung fort, und ſelbſt diejenigen, welche anfangs geneigt geweſen waren, der Unter⸗ werfung das Wort zu reden, faßten nunmehr den Entſchluß, mit ihren ſo ſchmählich verhöhnten und bedrohten Landsleuten die Gefahren des bevorſtehenden Kampfes zu theilen.

Die Antwort der Achtundvierziger, mit der ſie den fürſt⸗ lichen Boten am 20. Mai nach Hohenweſtedt zurückſandten, wies die Beſchuldigungen der Fürſten auf das entſchiedenſte zurück.Wir geben Ew. königl. Maj. und fürſtl. Gnaden in Demuth zu erkennen, ſprachen die würdigen Männer, daß wir denſelben an dem Lande zu Dithmarſchen keine Gerechtigkeit geſtändig, ſondern wir ſind mitincorporirte

Glieder der heiligen Kirche und des Erzſtiftes Bremen, unter

welcher Schutz und Schirm wir in die 400 Jahre und mehr geweſen, wie löblich zu erweiſen, und hätten uns mit nichten verſehen, nachdem wir mit Ew. Maj. und fürſtl. Gnaden in Ungüte nichts zu ſchaffen, daß man uns ſollte alſo plötzlich, unüberführt des Rechten, mit dem Schwerte überziehen wollen. Denn wenn wir in Umwegen geweſen, könnten wir an gebührlichen Orten Erörterung der Rechte wohl gelitten haben und leiden können und wären desfalls dem Rechte hoch und genugſam unterworfen. Ein⸗ dringlich ermahnten ſie ferner die Fürſten, doch nicht ſo ohne

die Gegend um Meldorf unterſucht.

Weiteres die Fackel des Krieges in ihr friedliches, geſegnetes

Ländchen zu tragen, ſondern zuvor ernſtlich und fleißig zu bedenken, wie viele unſchuldige Menſchen durch ſolchen Frevel elendiglich zu Grunde gerichtet werden würden.Im Falle aber ſo ſchloſſen die Landeshäupter ihre Vorſtellung unſere Bitte ja nichts helfen möchte, müßten wir Gott dem Allmächtigen, unſerm Streitfürſten, Beſchützer und großem Heilande, die Sache heimſtellen, denſelben emſig Tag und Nacht bitten und anrufen, daß er uns ſeinen heiligen Frieden verleihen und Ew. Maj. und fürſtl. Gnaden Herzen regieren wolle, daß dieſelben von dieſem ihren unchriſtlichen Für⸗ nehmen abſtehen, damit beiderſeits Land und Leute, Wittwen und Waiſen, Weib und Kind nicht zu Grunde verderben, ſondern im Frieden nach dem Willen Gottes erhalten werden mögen.

Dieſe freimüthige, würdevolle Gegenvorſtellung der braven Männer rührte jedoch die Fürſten nicht. Dithmarſchens Unterwerfung war einmal unwiderruflich beſchloſſen, und ſo führten ſie denn am folgenden Tage ihre Truppen über die Grenze.

Aber ſchon während der erſten Nacht ihres Verweilens auf dithmarſcher Boden mußten die Eroberer die Ueber⸗ zeugung gewinnen, daß die Bauern entſchloſſen waren, mann⸗ haft Widerſtand zu leiſten. Erbittert über die Gräuelthaten der fremden Söldner, welche gleich am erſten Tage zwei Grenzdörfer niedergebrannt hatten, überfielen die in der Nähe befindlichen Dithmarſchen die feindlichen Vorpoſten und es entſtand darob eine ſolche Verwirrung im Lager, daß der alte Ranzau Mühe genug hatte, die hie und da ſchon fliehen⸗ den Truppen zur Ordnung zurückzuführen. Aber auch die Fürſten und Anführer waren bedenklich geworden, und am folgenden Tage faßten ſie den Beſchluß, die Truppen einſt weilen in der bei Albersdorf eingenommenen Stellung zu laſſen, während der Zeit aber die Gegend zu unterſuchen und Erkundigungen über die Stärke und die Stellungen der Dithmarſchen einzuziehen. Sie durften nicht hoffen, das Ländchen in Sturmeseile zu erobern, von deſſen Bewohnern die Geſchichtſchreiber erzählen, daß ſieſtarke und wehrhafte Männer geweſen, keck und unverzagten Gemüths, den Kriegen ganz ergeben, vor denen ſich Jedermann gefürchtet und ſich zum Sterben bereitet, wenn es zum Treffen gehen ſollte, daher ein Sprüchwort entſtanden: wer unglücklich kriegen will, der fange es mit den Dithmarſchen an, und wer will geſchlagen ſein, der zanke ſich mit ihnen. Herzog Adolf, der ſeither ſo Ungeduldige, gab jetzt gern den Vorſtellungen des greiſen Feldherrn Gehör und verſäumte nicht, den zum Theil nicht recht kampfluſtigen Truppen mancherlei Verhal⸗ tungsregeln einzuſchärfen. So erzählt die Chronik, er habe den Soldaten beim Ausmarſch zugerufen:Ein jeder ſehe ſich wohl vor, halte die Augen offen und die Fäuſte zu; wer einen Dithmarſchen erſchlägt, mag ſagen, daß er einen tüchti⸗ gen Kerl erſchlagen; darum ſchießet nicht, bevor ihr das Weiße in ihren Augen ſeht!

Geführt von einem wegen Wilddiebſtahls gefangen ge⸗ haltenen Dithmarſchen, rückte Ranzau mit den Herren des Kriegsraths an der Spitze eines Reiterregiments am 24. Mai nach der Nordermarſch aus und nahm die dort befindlichen Befeſtigungen in Augenſchein. Am folgenden Tage wurde Ein Bruder des auf Helgoland getödteten Landesfeindes und ein Holſteiner waren diesmal die Führer.

Am 26. Mai trat der Kriegsrath zuſammen, und nach langer Berathung ward der Beſchluß gefaßt, die Operationen mit einem Angriff auf Meldorf zu eröffnen, ſobald eine an⸗ ſehnliche Verſtärkung, welche der Graf Anton von Olden⸗