Jahrgang 
1857
Seite
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an Büſten, erdrückt faſt beim erſten Beſuche. Da haben wir die Weltgeſchichte in Portraits. Aeußerſt charakteriſtiſch ſchaut uns der erwieſen ächte Scipio entgegen, mit dieſem eiſernen Willen, der die ganze Welt beugt; wir lernen die ganze Republik aus dieſem Kopfe. Im Kaiſerzimmer laß uns die meiſterhafte Baſalt-Büſte des Caligula betrachten. Welche Bosheit! Aber ſie iſt doch grandios und genial, während ſie ſich bei Caracalla blos beſtialiſch zeigt. Nicht weit davon Germanikus, Agrippina. Jene andere Agrippina, die Mutter Nero's, die etwas dämoniſch Anziehendes hat. An einigen Büſten der Kaiſerinnen erweiſt ſich ſogar der modiſche Haar⸗ putz zum Abnehmen und Wechſeln eingerichtet.Wie in einer Menagerie kommt mir das vor, lächelte der Graf von Corſica, indem er beim raſchen Durcheilen alle die wichtigſten Köpfe und Namen vorführte. Auch die letzten Kaiſer, von denen man nicht mehr ſpricht, und mit denen jetzt, merkwür⸗ dig genug, nachdem die Kunſt wenigſtens in der Technik noch geglänzt hatte, ſchnell das völlige Verkommen, das Zurück⸗ ſinken in die Anfänge naht. Kaum noch die Linien finden ſich angedeutet: da ſind wir wieder am Ende des Kreiſes! Nachdem man die Blüthe, dann die Ueberkultur erlebte, ſteht man plötzlich erſchreckt vor dem Nichts.

Flugs beim Hinabſteigen zum Forum noch einen Blick, rechts vom Senatorenpalaſte, in die Gewölbe des Tabula rium, und durch jenen dunklen Bogen auf die hinter dem Coloſſeum ſchwimmende Landſchaft; dann auf der andern Seite, bei den mamertiniſchen Kerkern und der Seufzertreppe hinunter, auf deren Stufen man die Leichname auszuſtellen pflegte: das iſt die Scenerie der Einkerkerung des h. Petrus. Am Fuße dercala de' gemoni, die freilich nur mehr in unſerer Phantaſie beſteht, erwartet uns das ihm geweihte

Kirchlein S. Giuſeppe de' Falegnami, neben S. Martina und Luca. Wie ſpießbürgerlich machen ſich die jungen Bäume, mit denen man das Campo vaccino beflanzt hat! Aus dem Bogen des Titus tretend, wandelt man in dem einſt durch Nero's goldnes Haus überbrückten Thale zwiſchen dem Monte Palatino, von welchem Trümmer der Cäſarenpaläſte niederſchauen, und dem Esquilino; es bildete vormals einen Feengarten, mit dem Spiegel des ſilbernen Teiches; bis Veſpaſian auf ihm das Coloſſeum thürmte.

Durch die braunen Fenſterbogen des gewaltigen Rund⸗ baus blühte heute der blauſte Himmel. Ein Luxus von Reſtauration, mit dem man die Ruine ummauert, droht ihr, ſammt ihrer Greiſenwürde, den antiken Charakter zu rauben. Ja ſoweit ging man neuerlich in dieſem Syſtem der Sorg falt, daß man die Sträucher und Pflanzen ausriß, welche das alte Geſtein des ſlaviſchen Amphitheaters umgrünten und einen Kranz um ſeinen Scheitel flochten. Ein Britte ver⸗ öffentlichte ein ganzes Herbarium der auf dem Coloſſeum heimiſchen Flora; es hat ſeine eigene Botanik wie ein Berg. Selbſt jene unmerklichen Löcher, welche wir über das ganze rieſige Mauerwerk verſtreut finden, und die den Archäologen immer noch ein Räthſel bleiben, über das ſie ſich nicht ver einigen können, haben ihre Litteratur für ſich. Gregorovius, in deſſen Geiſte ſich gegenwärtig ein Werk geſtaltet die Chronik des römiſchen Mittelalters womit er im fernen Süden ſeinem Vaterlande ein Denkmal bereitet, das bleiben wird, ſchilderte mir die letzten in dieſer Arena gehaltenen Thierkämpfe. Es war im IV. Jahrhundert; achtzehn Jüng⸗ linge der erſten Familien fielen dabei vor den Augen der Damen; ganz Rom ſtrömte dann zu ihrer Todtenfeier.

(Schluß folgt.)

Aus dem Weltleben.

Daß Gewitter aus Oſten am meiſten blitzen und donnern, iſt eine alte Bauernregel, die gewöhnlich zutrifft. Man konnte es alſo der Welt nicht verdenken, daß ſie heftig erſchrak, als die Vertreter der neuen moldau⸗wallachiſchen Quadrupelallianz vor dem Sturme, den ſie ſelber in Konſtantinopel zuſammengeblaſen, ihre Flaggen einzogen. Warum blieſen ſie Sturm? Schon David ſingt: Niemand weiß, von wannen der Wind kommt und wohin er geht. In der phyſikaliſchen Theorie des Windes ſind wir freilich ſeitdem etwas klüger geworden, in der politiſchen aber noch nicht. Auf alten Bildern bläſt der Wind aus den vollen Backen friſcher Engelsköpfchen, deren jugendliche Geſicht⸗ chen offenbar auf bloßen Muthwillen hindeuten. Unſere mo⸗ dernen Diplomaten haben aber dafür hohe und ernſte Prinzipien

hinter der gedankenfaltigen Stirn und blaſen Weltſtürme mit

combinirendem Bewußtſein. In Konſtantinopel z. B. rein aus politiſch⸗moraliſcher Hingebung für die vollkommen demokratiſche Wahlfreiheit der halbbarbariſchen Donauländer. Denn als welches Palladium moraliſcher Weltordnung freie, unbeeinflußte Wahlen der Vertreter der Landesintereſſen in Frankreich und Preußen erachtet werden, dafür haben ja die letzten Jahre der napoleoniſchen und neupreußiſchen Herrſchaft glänzendes Zeug⸗ niß abgelegt; und daß Rußland ſtets auf Seiten der Volksfrei⸗ heit ſteht, iſt eine allbekannte Sache. Auch Sardinien, welches bekanntlich der vierte im Machtbunde für donaufürſtenthümliche Wahlfreiheit, handelt natürlich ganz ſelbſtſtändig, ohne jeden Gedanken einer Rancüne gegen Oeſterreich oder deshalb, daß man beim Pariſer Frieden gänzlich vergeſſen hatte, den kleinen kriegseifrigen Alliirten mit etwelchen Vortheilen zu bedenken.

theuer und das Fleiſch wohlfeil gemacht.

Und daß ſelbſt England, vorher ſo eigenſinnig in der Unter⸗ ſtützung der künſtlich gemachten Wahlen an der Donau, nunmehr plötzlich ebenfalls bekehrt iſt, zeugt doch ganz deutlich dafür, daß die ganze Welt der Großmächte, Oeſterreich ausgenommen, für die Entwicklung der freieſten Inſtitutionen ſchwärmt nämlich

zwiſchen Karpathen und Donau.

Die dürrheißen Sommermonate haben überall die Milch BüchnersKraft und Stoff, MoleſchottsNahrungsmittellehre und andere Werke

modernſten Wiſſens beweiſen nun klärlich, daß viel Fleiſch in den Völkern einen wilden Sinn erzeugt, während bekanntlich

ſchon Schiller von der Milch frommer Denkungsart ſpricht. Alſo liegts bloß am trocknen Sommer, wohlfeileren Fleiſch und der theuern Milch, wenn es noch immer Menſchen giebt, welche an die heilige Begeiſterung der Diplomatie für volksthümliche Freiheit nicht glauben und hinter dem konſtantinopolitaniſchen Oſtſturm andere Urſachen z. B. eine franzöſiſch⸗ruſſiſche Allianz mit preußiſch⸗ſardiniſcher Connivenz oder nur die Gelegenheits⸗ macherei zu einer neuen Pariſer Conferenz unter napoleoniſchem Vorſitz, ja wohl gar die Einleitung zu einer rettenden Octroyi⸗ rungsthat in Buchareſt und Jaſſy wittern. Wie werden wir beſchämt werden! Sehen wir nicht ſoeben die holſteiniſchen Stände berufen, in deren Verhältniß zu Dänemark es ſich doch auch, ſo zu ſagen, um nationale Rechte handelt? Hat Frankreich, hat Rußland ſich hier nicht eben ſo beſorgt gezeigt, um Wieder⸗ aufrichtung gewaltſam zertretener Verheißungen und Verträge? Hat nicht die preußiſche Inſpiration demübrigen Deutſchland verſichert, man werde an das gute Schwert klopfen, wenn alle