Jahrgang 
1857
Seite
437
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ordne; die andre geht von dem gleichberechtigten Willen aller Einzelnen aus und ſucht aus der Vielheit und Manchfaltig keit deſſelben durch Verſtändigung eine Einheit zu ſchaffen. Die erſte Bewegung geht von der Einheit zur Vielheit, die zweite von der Vielheit zur Einheit, die erſte ſozuſagen von oben herunter, die andre von unten hinauf. Man hat in Deutſchland für dieſe zwei weſentlichen Bewegungen des poli⸗ tiſchen Geiſtes die Ausdrücke: Emanation und Evolution an⸗ gewendet. An ſie ſchließt ſich unſtreitig die Bildung der politiſchen Parteien an. Denn, ſagt Fröbel ſehr richtig, wenn die Geſchichte zeigt, daß die erſte dieſer beiden Rich⸗ tungen, um ihren Ausgangspunkt zu finden, für die Staats⸗ gewalt eine übernatürliche Rechtsquelle annehmen mußte, und wenn man dieſe Prätention des monarchiſchen und ariſto⸗ kratiſchen Staatsrechts ſammt dem ganzen auf eine ſuprana⸗ turaliſtiſche Weltanſicht gegründeten Moralſyſtem verwirft, ſo kann man damit nicht ſagen wollen, daß nicht die von oben herab, von der Einheit zur Vielheit fortlaufende Be⸗ wegung des Staatslebens ebenſo nothwendig in der menſch⸗ lichen Natur begründet wäre, wie die entgegengeſetzte. Der Staat allerdings ſetzt ſich aus den Intereſſen der Indivi⸗ duen zuſammen; aber dieſe Intereſſen ſind von vorn⸗ herein von einer doppelten Natur. Die einem ſind ihrem Weſen nach individuelle, die andern urſprünglich allgemein menſchliche; und während die erſteren nur durch gegenſeitige Uebereinkunft, durch einen ewigen Rechtshandel Aller mit Allen zu einem geſellſchaftlichen Gleichgewicht gebracht und in einem ſolchen erhalten werden können, treten die zweiten urſprünglich mit allgemein gültigen Forderungen auf. Zu dieſen gehört Alles was zur Sicherung der Exiſtenz des Staates und ſeines allgemeinen Culturzweckes gefodert werden muß, Alles alſo was anerkannte Bedingung der National⸗ exiſtenz, der Nationalkraft, der Sittlichkeit und der Bildung iſt. Durch dieſe zwei Claſſen von Intereſſen ent⸗ ſteht in jedem Gemeinweſen ein doppeltes Syſtem der poli⸗ tiſchen Bewegung, ein populärer Willensſtrom, welcher von den Individuen zur Regierung, und ein gouvernementaler Willensſtrom, welcher von der Regierung zu den Individuen läuft. Das gegenſeitige Verhältniß dieſer beiden Richtungen in den Willensſtrömungen des politiſchen Lebens iſt der Schlüſſel zum Verſtändniß aller Parteikämpfe. Die popu⸗ läre Richtung in der Union, mit den am meiſten charakteri⸗ ſtiſchen Erſcheinungen des amerikaniſchen Lebens, ſeinem In⸗ dividualismus und ſeiner Privatpolitik, der Lehre von der Souveränetät des Individuums mit ihren Conſequenzen im Squatter⸗ und Flibuſtierweſen, iſt durch die Partei repräſen⸗ tirt, welche zur Zeit der Losreißung vom Mutterlande den Namen der Whigs, dann den der Antiföderaliſten, ſpäter den der Republikaner und endlich den der Demokraten geführt hat, welchen letzteren ſie noch führt. Ihr ſteht mit der gou⸗ vernementalen Richtung die Partei gegenüber, welche in jener erſten Periode unter dem Namen der Tories vorkommt, nach dem Unabhängigkeitskrieg den Namen der Föderaliſten annimmt, ſeit 1836 den Namen der Whigs geführt hat und ſich jetzt die republikaniſche Partei nennt. Der einen iſt der Staat nichts als eine Vereinigung von Individuen zum Schutz ihrer Privatintereſſen, der andern iſt er eine Anſtalt zur Erreichung allgemeiner ſittlicher Zwecke. Der amerikaniſche Demokrat beſtreitet dem Congreß das Recht bei der Anſiedelung eines neuen Territoriums Bedingungen zu ſtellen z. B. politiſche und ſociale Einrichtungen wie die Sklaverei oder Polygamie zu verbieten. Nach der demokratiſchen Lehre haben die An⸗ ſiedler eines Territoriums das ſouveräne Recht, noch ehe ſie einen Staat bilden, ſich beliebige Geſetze zu geben. Dieſe

anarchiſche Lehre hat man die Squatter⸗Souveränetät ge⸗ nannt. Das Individuum trägt das Hoheitsrecht über das Land, von welchem es Beſitz nimmt, mit ſich herum. Das Flibuſtierweſen ſteht damit in naher Verbindung. Squatter⸗ weſen und Flibuſtierweſen ſind die innere und äußere Politik der amerikaniſchen Ultrademokratie. Es iſt hiernach nichts klarer, als das entgegengeſetzte Verhalten der nordamerika⸗ niſchen Parteien in der auswärtigen Politik. Die Whig⸗ und jetzt ſogenannte republikaniſche Partei muß durch ihr Beſtreben, den Kreis der gouvernementalen Thätigkeit zu erweitern, auf die Nothwendigkeit einer Territorialbeſchränkung ge⸗ führt werden, weil eine zu große Ausdehnung der Union ihr Syſtem unausführbar machen würde. So iſt ſie die natürliche Gegnerin aller Flibuſtier⸗Expeditionen, Eroberungskriege und Annexationen, und bildet die wahre Stütze der Neutra⸗ litätspolitik. Die demokratiſche Partei dagegen, für welche die Union nichts iſt als ein loſes Aggregat von ſouveränen Individuen mit ihrem Zubehör an Menſch und Vieh kann die halbe Welt annektiren ohne ſich dadurch für ihr Syſtem Schwierigkeiten zu ſchaffen. Es iſt nun klar, daß dieſe beiden Richtungen ſich ergänzen müſſen, daß jede ſich ſelbſt über⸗ laſſen der Republik den Untergang bereiten würde. Es iſt aber nicht minder klar, daß die demokratiſche Richtung ſeit längerer Zeit das entſchiedenſte und gefährlichſte Ulebergewicht hat. Dieſes Uebergewicht führt nicht etwa, wie manche wohl glauben könnten, zur Republikaniſirung der Welt, ſondern zu einem Militärdespotismus, weil viele Annexationen nur durch Waffengewalt behauptet werden könnten. Das demokratiſche Syſtem ſchlägt daher durch ſeine extremen Con⸗ ſequenzen in ſein Gegentheil um: grundſätzlich auf das poſi⸗ tive Band einer höheren ſittlichen Gemeinſchaft verzichtend, hat es zuletzt nur noch das Band der brutalen Gewalt. Ferner ſchlägt die Demokratie in ihr Gegentheil um in der Sklaven⸗ frage, wo ganze Claſſen von der Sphäre der Gleichheit und folglich des Rechts ausgeſchloſſen, die Freiheit der Rede und der Preſſe vernichtet werden. Daß gleichwohl die große Mehrzahl der deutſchen Einwanderung der demokratiſchen Partei bis jetzt zugefallen iſt, iſt bei Fröbel vortrefflich und überzeugend erklärt. Natürlich hat aber auch das Whigſyſtem ſein Extrem; ein ſolches Extrem iſt vor Allem der Knowno⸗ thingismus. Die maſſenhafte Einwanderung in Amerika kommt nicht bloß der Sklavenhalterpartei zu Gute, ſondern ſie übt auch einen höchſt ſchädlichen Einfluß auf die republi⸗ kaniſche Gleichheit der Sitten; daher iſt ein Widerſtand gegen jene maſſenhafte Einwanderung vollſtändig berechtigt, nur darf er freilich nicht bis zu den Extravaganzen des Know⸗ nothingismus gehen.

Unſere Leſer werden aus unſerm kurzen Berichte erſehen, daß Fröbel's Schrift nicht bloß in das amerikaniſche Staats⸗ weſen, ſondern in die Politik überhaupt einen tiefen Blick thun läßt. Sein Buch iſt eine der bedeutendſten Erſcheinungen der politiſchen Literatur, und wir dürfen geſpannt auf deſſen zweiten Theil ſein. Wir können leider aus dem erſten keines⸗ wegs ſchließen, daß die äußere Exiſtenz des Verfaſſers eine feſtbegründete ſei, wir finden ihn in ſtets vergeblichen Ver⸗ ſuchen begriffen, eine ſolche zu gewinnen, in Newyork, in Virginien, in Nicaragua, dann wieder in Newyork. Der zweite Band wird uns ihn ſogar in Colifornien zeigen. Es iſt in hohem Grad zu bedauern, daß nicht wenigſtens Männern wie Fröbel, die ſo durchaus allem revolutionären Weſen fremd ſind und von denen kein europäiſcher Staat heute irgend etwas zu befürchten hätte, längſt ſchon die Thore des Vater⸗ landes ſich wieder aufgethan haben, in welchen ſolche Kräfte in ſo hohem Grade nutzbar gemacht werden könnten.