Jahrgang 
1857
Seite
435
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Fröbel iſt geborner Naturforſcher. Seine Stärke iſt es, die Erſcheinungen der ethiſchen wie der phyſiſchen Welt un⸗ befangen, ohne Parteinahme zu beobachten, das Einzelne, nachdem es erforſcht iſt, zu verbinden zu einem Ganzen und dieſem ſeine Stelle anzuweiſen. Wenn ein Mann von dieſer Geiſtesrichtung an der Politik thätigen Antheil nimmt, ſo iſt es, ſofern er ſeiner Natur folgt, ſein Geſchäft zu ver⸗ mitteln und auszugleichen, nicht umzuſtürzen, überhaupt nicht gewalſam einzugreifen. Fröbel hat dieſe ſeine Natur verläugnet, indem er ſich in die deutſche Bewegung ſtürzte. Es waren zufällige Umſtände, welche ihn in den Strudel trieben; vor Allen ſein Aufenthalt in der Schweiz in der Atmoſphäre deutſcher Flüchtlinge und Enthuſiaſten. Später gehorchte er einem Gebot der Ehre, indem er aushielt. Aber ſo oft er während der Bewegungszeit die Feder anſetzte, er⸗ kannte man ſofort die klare, durchſichtige Ruhe des Natur⸗ forſchers, welche die äußere Stellung des Parteimanns Lügen ſtrafte. Gleichwohl hatte einmal das Verhängniß ihn er faßt und ſchleuderte ihm ſammt den übrigen an die Geſtade der Verbannung. Man kann ſich den Eindruck dieſes Schick ſals auf einen Mann denken, dem ſeiner ganzen Weltan⸗ ſchauung nach der Erfolg das Gottesurtheil iſt. In geradem

Weiſe vorzugsweiſe bemächtigt hat, gegen den oberflächlichen, trivialen, ebenſo der Philoſophie wie der poſitiven Religion feindlichen Materialismus.Viele unſrer jüngern Natur⸗ forſcher, ſagt er, welche ſich darin gefallen, keine Philoſophen zu ſein, begehen den Irrthum zu glauben, daß das, wogegen ſie die Augen des Geiſtes verſchließen, darum auch nicht exiſtire. Es iſt, wie man ſieht, vor Allem die Trivialität, welche ſich der deutſchen Bewegung angehängt hatte, was, als widerliches Bild in ſeiner Seele zurückgeblieben, noch aus der Ferne von Fröbel bekämpft wird, weil er mit Recht darin eine Haupturſache unſrer nationalen Nichtigkeit er⸗ kannt hat.

Dieſer Trivialität und Oberflächlichkeit, dieſem Abſprechen und Schnellfertigwerden wollen ſtellt Fröbel, ohne die Schwächen des amerikaniſchen Weſens zu verkennen, das ern⸗ ſtere Arbeits- und Bildungsſtreben der amerikaniſchen Welt gegenüber. Er findet, daß die Allgemeinheit wiſſenſchaftlicher Vorleſungen, beſonders aus dem Gebiet der Naturwiſſen⸗

ſchaften, zu den vortheilhafteſten Charakterzügen des nord⸗

Gegenſatz zum großen Haufen, welcher mit ſtierer Verſtockt⸗

heit für ein Fehlſchlagen ſtets einen Sündenbock aufſucht und

die Urſache deſſelben niemals in ſich ſelbſt findet, war Julius Fröbel, ſobald er die Sache verloren ſah, auch überzeugt,

daß ſie verloren gehen mußte; ja als verſtändiger Mann war er ſchon zuvor überzeugt, daß ſie zu Grunde gehen würde, und zwar an der eigenen Schwäche. In Europa hielten ihn die Parteibande gefeſſelt; in Amerika war er da⸗ von frei, war er wieder, wozu die Natur ihn ſchuf, ein Be⸗ obachter der reellen Welt und jetzt überdies tief angeekelt von dem haltloſen, phraſenhaften Idealismus, der albernen, nei⸗ diſchen Gleichheitsflegelei der deutſchen Bewegungspartei.

Anfangs war der Widerwille gegen den ſoeben in ſeiner

Schwäche erkannten Idealismus das Vorherrſchende; er trieb Fröbel in die Werkſtätte eines Seifenſieders.

Doch bald

regte ſich ſeine höhere, durch und durch ariſtokratiſche Natur und er kehrte zu den Beſchäftigungen eines wiſſenſchaftlich gebildeten Mannes zurück, denen wir ſein neueſtes Werk ver⸗

danken.

Was Fröbel gleich nach ſeinem Eintritt in die neue Welt auffallen mußte, war der gewaltige Unterſchied zwiſchen der Demokratie in jener großen Republik und der Demokratie in den monarchiſchen Staaten des Continents.Im öffent⸗ lichen Geiſte der vereinigten Staaten liegt, ſagt er, eine eigenthümliche Verbindung ariſtokratiſcher und demokratiſcher Tendenzen. Man ſucht hier die Gleichheit nicht unten, ſondern oben und applaudirt daher aus demokratiſchen Gründen einem Jeden, dem es gelingt ſich über Andere zu erheben, wie man umgekehrt das Intereſſe verliert für einen Jeden, der in dem allgemeinen Wettrennen zurückbleibt. Da iſt freilich das demokratiſche Streben in Europa bis jetzt ein ganz anderes geweſen, dasſtatt die unteren Beſtandtheile der Geſellſchaft der Gleichheit auf dem höheren Niveau zuzuführen, dieſe Gleichheit auf dem unterſten Niveau hat erzwingen wollen. Man begreift, daß Fröbels Beobachtungen über amerikaniſche Demokratie zu einer fortlaufenden Polemik gegen die euro⸗ päiſche Auffaſſung der Demokratie werden müſſen; und es iſt gewiß nur zu wünſchen, daß dieſe Polemik beherzigt wer⸗ den möchte. Und nicht bloß gegen die europäiſche Demokratie polemiſirt Fröbel, ſondern auch gegen das, was nach dem politiſchen Untergang der Demokratie in Deutſchland ſozu⸗ ſagen an ihre Stelle getreten und ſich der demokratiſchen

amerikaniſchen Lebens gehört. Solche Vorleſungen werden hier in den kleinſten Städtchen und Dörfern gehalten, alſo vor einer Bevölkerung, bei der in Europa auch nicht entfernt an ſo etwas zu denken wäre.Es würde, ſagt Fröbel, auch in der größten und gebildetſten Stadt Deutſchlands ſchwer halten, für eine Reihe öffentlicher Vorleſungen über Geo⸗ logie ein wißbegieriges Publikum von tauſend Menſchen beiderlei Geſchlechts zuſammen zubringen, und noch weniger würde ein ſolches Publikum mit einem Vortrage zufrieden ſein, dem es einzig um poſitive Belehrung zu thun iſt, der den ernſten Willen der Zuhörer vorausſetzt ſich dieſe anzu⸗ eignen und der darum die in Deutſchland ſo oft für geiſtreich ausgegebenen, aber nur einen ſchlechten Geſchmack verrathen⸗ den Zuthaten verſchmäht, durch welche dort ſelbſt verdiente Naturforſcher der ſogenanntentrockenen Wiſſenſchaft Ein⸗ gang zu verſchaffen ſuchen müſſen. Der amerikaniſche Geiſt iſt nach Fröbels Ueberzeugung weit mehr auf das Poſi⸗ tive gerichtet, als der deutſche Fortſchrittsgeiſt.

Ein anderer Unterſchied zwiſchen amerikaniſcher und deutſcher Demokratie iſt die Hochſtellung der äußeren Form bei jener, die Geringſchätzung derſelben bei dieſer. Fröbel hat darüber ſehr gute Bemerkungen und zeigt namentlich die Wichtigkeit der Form im freien Staate. Wenn man, ſagt er, um die von ihm befürwortete Amerikaniſirung des Deutſchen in Amerika zu unterſtützen, irgendwo in den vereinigten Staaten in der Stadt oder auf dem Lande zwei eingewan⸗ derte Familien vergleicht, von denen die eine im häuslichen Leben ihre europäiſche Einrichtung beibehalten, die andre ihrem Hausweſen eine amerikaniſche Form gegeben, ſo wird man finden, daß die zweite ſich auf eine viel höhere Stufe des Lebens erhoben hat.Man wird vielleicht, fährt er dann fort, ſagen, daß dieß eine Aeußerlichkeit ſei, daß es aber bei der Beurtheilung des Werthes der Menſchen auf die innere Bildung ankomme. Ich räume aber dieß nur in einem ſehr eingeſchränkten Sinne ein, da nämlich wo es äußere Ur⸗ ſachen ſind, welche den Einzelnen gehindert haben ſich mit Formen des Lebens zu umgeben die ſeiner inneren Bildung entſprechen. Wo jedoch äußere Vernachläſſigung freier Ge⸗ ſchmack iſt, werde ich mich nie abhalten laſſen, aus derſelben auf innere Vernachläſſigung zu ſchließen. Damit iſt aber die Sache nocht nicht abgemacht, denn es iſt hier nicht die Rede vom Privatleben, ſondern von den Intereſſen der Re⸗ publik. Dieſe verlangen es, daß die Bildung ſich in äußeren Formen bethätige. In Europa, wo die Menſchen von Staate nach Ständen und Claſſen regiſtrirt ſind und man den Bil⸗