Jahrgang 
1857
Seite
434
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Den größten Theil des Jahres über iſt's rauh und unfreund⸗ lich hier oben, und im Winter iſt die Kälte grimmig. Da liegt der Schnee oft ſo hoch, daß er bis an die Fenſter im erſten Stock des Kloſtergebäudes reicht. Es hat oft noch im Mai gefroren und den Wein in der Kirche in ſtarres Eis verwandelt. Vergebens iſt auch das Sprichwort nicht ent⸗ ſtanden, welches vom Kreuzberg gilt:Drei Vierteljahr Winter und ein Vierteljahr kalt. Stellt ſich dazu noch Nebel ein, was ſehr häufig vorkommt, dann iſt er ſo dick, daß man auf ſechs Schritte die Kloſtermauern nicht ſieht und die vom Terminiren heimkehrenden Laienbrüder, die doch die Wege genau kennen, ſich nicht zurecht zu finden wiſſen und halbe Tage lang herumirren. Wenn aber gar ein Gewitter heranzieht, das im Nu ſich entladet, dann meint man ſchier, der ganze Berg werde berſten, mindeſtens die Mauern des Kloſters, die heftig dabei erzittern. Der Kreuz⸗ berg iſt aber auch ein Wetterprophet; denn die Leute in Thü⸗ ringen und Franken wiſſen aufs Haar, wann auf dieſem der erſte Schnee gefallen. Und den Bewohnern des Kreuzber⸗ ges iſt dagegen der nahe Große Auersberg ein Wetterprophet. Sobald ſich auf demſelben ein kleines Wölkchen zeigt, das ſich plötzlich vergrößert und entladet mit einem donnerähn⸗ lichem Knall, ſo ſagen ſie:Aha, die Gräfin Karoline kocht einmal Klöße, oder:Iſt der Dunſt wie ein Butterfaß, macht er dem Bauer den Buckel naß.

Mit der Sonne verſchwindet zugleich alles Leben auf dem Berge. Einer nach dem Andern ſteigt hinunter ins

Julius Frühel.

ſichere Obdach. Nur noch Einzelne verweilen in tiefer An⸗ dacht verſunken vor den Stationen. Ein ſcharfer Hauch nimmt die Stelle des linden Säuſelns ein, das den Sonnen⸗ untergang begleitete. Auch wir traten den Rückweg zum Gaſthaus an. Alle Räume in demſelben waren im wört⸗ lichſten Sinne ſo an- und überfüllt, daß kein Apfel zur Erde kommen konnte. Mit Mühe fanden wir noch ein Plätzchen hinter einer großen Tafel. Haufenweiſe hockten die Menſchen neben⸗ und übereinander, ſingend und ſchlingend. Die meiſten derſelben ſchienen hier übernachten zu wollen, wie ſie gingen und ſtanden. Nur einige unter ihnen, namentlich Frauens⸗ perſonen von zarteren Sitten zogen es vor, drüben in der Kloſterkirche die Nacht über zu bleiben, wo ſie wenigſtens vor allzugroben Späßen ſicher waren.

Den dickleibigen Ofen aber hielten unſere alten Bekann⸗ ten, die liebe Bettlerſchaar, beſetzt. Ihrer mehr denn zwan⸗ zig ſtanden um denſelben, nach mühevollem Tagewerk Feier⸗ abend zu halten und ihr ſehr frugales Abendbrod verzehrend, welches in einigen harten Brodrinden beſtand, die ein mitlei⸗ diges Herz ihnen zugeworfen. Nach gehaltenem Mahl huſchte ein großer Theil von ihnen, ehe man ſichs verſah, wie auf ein gegebenes Zeichen, mit großer Behendigkeit unter den heißen Ofenkoloß; der Reſt derſelben lagerte ſich ſchichtweiſe hinter die Hölle, die auch nicht kalt war. Dort ſchlummerten dieſe bejammernswürdigen Geſchöpfe, ſich um⸗ ſchlungen haltend, ſo ſanft, ſo ſüß, als ob ſie nach einer köſtlichen Abendmahlzeit auf Eiderdunen ruhten.

Aus Amerika.))

Von G. D.

Wir glauben eine doppelte Pflicht zu erfüllen, indem wir unſere Leſer von Julius Fröbels jüngſt erſchienener Schriftaus Amerika Bericht erſtatten und ſie zur Kennt⸗ nißnahme von derſelben einladen. Einmal iſt es ein politiſcher Verbannter, der nach vieljähriger Entfernung wieder zu ſeinen Landsleuten ſpricht und gewiſſermaßen geiſtig zu ihnen zu⸗ rückkehrt. Wir erkennen es als eine Schuldigkeit, daß die unabhängige deutſche Preſſe ſich bemüht zeige, ſein Audenken wieder auffriſchen zu helfen. Die Bewegungsjahre haben uns eine ſchwere Einbuße an geiſtigen Kräften zugefügt und nur wenige von den vielen Verbannten waren bis jetzt im Stande von der Ferne aus eine geſunde und heilſame, wenn überhaupt eine Rückwirkung auf Deutſchland zu üben. Zu dieſen wenigen gehört Fröbel, und wie ſollte man ſich in Deutſchland nicht freuen, wenn wenigſtens Einer von den vielen Verlornen ſich wieder einfindet und den ihm gebühren⸗ den Antheil an der Einwirkung auf den öffentlichen Geiſt in Deutſchland beanſprucht? Aber nicht blos um des Verfaſſers willen iſt es uns Pflicht auf ſein Buch aufmerkſam zu machen, ſondern noch vielmehr um unſer ſelbſt willen. Was Fröbel hier den Deutſchen darbietet, ſind nicht blos Studien eines tiefen Forſchers, Erfahrungen eines feinen Beobachters in Bezug auf Amerika, amerikaniſche Verhältniſſe, amerikaniſches Leben und amerikaniſche Politik. An Schriften ſolchen Inhalts fehlt es auf dem deutſchen Büchermarkte bekanntlich keines⸗ wegs, und wir würden Fröbel nicht die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, die ihm gebührt, wenn wir uns begnügten zu bemerken, daß ſeine Schrift vor den übrigen ähnlichen Inhalts

*) Aus Amerika. Erfahrungen, Reiſen und Studien von Julius Fröbel. Erſter Band, Leipzig 1857.

nach Form und Weſen ſich auszeichnet. Was ſein Buch für uns Deutſche ſo überaus werthvoll macht, iſt, daß es mit

ſtetem Bezug auf Deutſchland und Europa geſchrieben iſt

und, in der anmuthigen und gewinnenden Form perſönlicher Erlebniſſe, einen politiſchen Curſus darſtellt, den zu beher⸗ zigen und uns zu Nutze zu machen wir alle Urſache haben. Die Betheiligung Fröbels an der deutſchen Bewegung, ſeine Erlebniſſe und Schickſale während derſelben ſind im Allgemeinen bekannt. Er war tief genug in dieſelben ver⸗ wickelt, um ſie in ihrem Kern und Weſen kennen zu lernen und hiernach die Urſachen zu beurtheilen, die ſie ſo ſchmählich ſcheitern machten. Aber Hunderte waren nicht minder tief in dieſelbe verſtrickt ohne einen andern Nutzen daraus zu ziehen, als daß ſie nachher wie vorher dieſelben Phraſen und Ge⸗ meinplatze wiederkäuten und die Schuld des Schiffbruchs überall aufſuchten, nur nicht da, wo ſie allein zu finden

war, in der eigenen Schwäche. Dieſe Verblendung der volks⸗

thümlichen Parteien in Deutſchland, oder vielmehr ihrer Trümmer, geht ſoweit, daß man noch heute Gefahr läuft für einenVerräther undAbtrünnigen erklärt zu werden, wenn man jene Schwäche bloß legt und durch ein tieferes Eindringen in die vorhandenen Verhältniſſe und in das Weſen der Politik zu beſeitigen ſich bemüht. Fröbel geſellt ſich durch ſein Buch den Wenigen zu, welche in Deutſchland es unter⸗ nommen haben die politiſchen Begriffe und Anſchauungen zu läutern und zu berichtigen. Was jene wenigen mit dem Buch der Geſchichte in der Hand verſuchten, das unternimmt Fröbel aus den Leben einer großen Republik heraus, welches von ihm mit der Scharfe und mit Objektivität eines Natur⸗ forſchers beobachtet wird.