Jahrgang 
1857
Seite
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wußtlos und in ſeinem Blute ſchwimmend. Der mit furchtbarer Heftigkeit Herabſtürzende war mit der Stirn auf einen großen und ſcharfkantigen Stein gefallen.

Seit dieſem unglücklichen Ereigniſſe ſind drei Monate vergangen. Karl befindet ſich nebſt ſeinem Bruder Richard im Irrenhauſe zu L. Der heftige Sturz muß ſein Gehirn allzuſehr erſchüttert, wenn nicht verletzt haben. Nachdem man ihn nach Hauſe geſchafft hatte, blieb er noch zwei Tage bewußtlos. Sobald aber die äußere Wunde zu heilen begann, brach der Wahnſinn aus, der ſich, im Gegenſatze zu dem ſtillen ſanften Irrſinn ſeines Bruders, wild und tobſüchtig äußerte. Und wäh rend Richards fixe Idee darin beſtand, daß er ſich für

enterbt und verarmt hielt, disponirte Karl in ſeiner Narr⸗

heit über viele Millionen, welche er ſtets einer imaginären Dame anbot, wofern ſie ihn nicht verrathen wollte.

Was Gottliebe betrifft, ſo iſt ſie zwar von keiner ge⸗

richtlichen Commiſſion fürirre erklärt und ihrer Frei⸗ heit ſowie der ſelbſtſtändigen Verwaltung ihres Vermö⸗ gens beraubt worden. Vielmehr hat ſie die väterlichen Güter übernommen und läßt ſie natürlich ganz im väter⸗ lichen Geiſte nach dem Syſtem unbegrenzter Knauſerei fortbewirthſchaften. Allein nach der Meinung der ganzen Umgegend iſt auch ſiefürs Narrenhaus reif, beſonders ſeit ſie den Eheſcheidungsproceß verloren hat und gezwun⸗ gen wurde, dem ehemaligen Gatten eine ſehr bedeutende Summe als Entſchädigung für den Verluſt ſeines ehe⸗ lichen Glückes auszuzahlen. Und ſie würde dies furchtbare Geſchick wohl kaum ertragen, wenn ſie nicht in den Armen

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der Dichtkunſt Troſt fände. Sie macht kleine, ſentimentale Spazierritte auf dem Pegaſus. Ihre Gedichte, welche faſt alle das unerſchöpfliche Thema der Liebe behandeln, ſind bereits gedruckt und von einem Conſiſtorialrathe mit einer empfehlenden Vorrede ausgeſtattet worden.

Anton befindet ſich als Leib⸗ und Lieblingsdiener bei der Gräfin. Er hat ihr Einiges von dendelicaten Geheimniſſen ihres Hauſes erzählt, hat ſich ihr bei Ord⸗ nung der Familienverhältniſſe unentbehrlich zu machen gewußt und weiß ſich ihr noch täglich, ihrer einzigen großen Leidenſchaft, dem Geize, huldigend, unentbehrlich zu machen. Sein Zahltag iſt alſo noch nicht gekommen. Aber er wird kommen, für ihn, wie für alle, ſo gewiß es eine ſtill, aber ewig waltende Gerechtigkeit gibt!

Und nun, lieber Leſer, beſchließen wir dieſe Schick⸗

ſalstragödie mit einem heitern, erquicklichen Bilde.

Karoline lebt als die verlobte Braut des Rechtsan⸗ waltes bei deſſen liebenswürdiger Schweſter. Das Schickſal iſt ihr zuvorgekommen; es hat da ſchon geſtraft, wo ſie anklagen zu müſſen glaubte. Sie hat in dem finſtern, unheimlichen alten Schloſſe die Beſtätigung der

alten, goldenen Lehren gewonnen, daß nicht Alles, was

glänzt, Gold iſt, daß Gold für ſich nicht glücklich macht, und daß gute, edle Eigenſchaften dem Armen im Spiele des Lebens ſchließlich immer einen Triumph über den Reichen ſichern, welcher dieſe Eigenſchaften nicht beſitzt. Daher iſt Karoline zufrieden und glücklich; und ihr Glück hat, da es in ihrem Innern wurzelt und den Wogen des äußern Zufalls nicht preisgegeben iſt, ein feſteres, ſicheres Fundament.

Die Bilanz des Lebens.

Schwanengeſang eines deutſchen Flüchtlings.

Von Hugo Oelbermann.

Vor dem Heerde, ſchmerzverſunken, In der kalten, fremden Stadt, Wirft ein Deutſcher in die Funken, Was ſein Geiſt geboren hat.

All ſein Sien all' ſein Lieben, Seiner Jugend ſtol Muth, Tauſend Blätter, vollgeſchrieben, Wirft er in die Feuergluth:

Laßt euch heut mit Feuer taufen, Ihr Jodole all' zu Hauf!

Daß des Geiſtes Scheiterhaufen Lodre prächtig glühend auf!

Auf den Trümmern hohen Strebens, In dem Dampf der letzten Schlacht Zieh ich die Bilanz des Lebens Lichterloh in dieſer Nacht:

Für viel hundert kalte Nächte, Drin ich warb um hohes Gut, Um des Geiſtes Gottesmächte Mit des Herzens beſtem Blut... Für die Kämpfe mit den Thoren, Für des Hungers bittre Kur, Für die Kräfte, die verloren.... Eine warme Stube nur!

Eine, für das volle Leben

Das ich blutend dargebracht,

Vaterland, für deine Reben!

Vaterland, für deine Pracht!

Gluth des Heerdes, ſtärke, ſtärke

Die durchfror'ne Seele mir!

Dem Verdienſt der guten Werke Wird ja ſtets der Krone Zier! 1 O Geſchick, deß wucht'ger Hammer

Mir zerſchlug der Bauten Pracht,

Dieſen Lohn der warmen Kammer

Haſt Du freilich nicht bedacht!

Laßt euch heut mit Feuer taufen Ihr Idole all' zu Hauf!

Daß des Geiſtes Scheiterhaufen Lodre prächtig glühend auf!

Vaterland, eh' meine Leier

Heut zerſchellt im Klageton Mußt du dieſe heil'ge Feier Gönnen deinem flücht'gen Sohn! Mußt ſie gönnen deinem Kinde, Eh' Europa's Küſten fern,

Deine Höhen, deine Gründe Ihm ein meerverſunkner Stern!

SSöö1