Jahrgang 
1857
Seite
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daß Sie bei dem Stelldichein im Garten ihrem Liebhaber den Auftrag gaben, ſich in unſre Angelegenheiten zu miſchen, damit Sie Zeit gewönnen, um Richard zur Vernunft zu bringen und zu den nöthigen Maß⸗ regeln zu beſtimmen? O, wir wollen ſehn, mit wel⸗ cher Stirn Sie dieſer Zeugenausſage gegenüber treten werden, und wie die Welt ſie deuten wird!

Er ſchlug die Augen nieder, weil er den Blick, wel

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chen ſie ihm zuwarf, nicht ertragen konnte.Gut! ſagte

ſie nach einer Weile, ihre tiefe Erſchütterung beherrſchend. In dieſer Anklage gegen mich, welche mir zugleich beweiſt, daß Sie einen Spion und Mitſchuldigen in dieſem Hauſe haben und wahrſcheinlich ſeit langer Zeit hatten, und daß dieſer Mitſchuldige Anton, Richards Diener, ſei, iſt eben ſo klar, als ſeine Mitſchuld ein längſt vorher beabſichtigtes Verbrechen erweiſt, in dieſer Anklage gegen mich alſo

ſehe ich einen höhern Fingerzeig, daß ich den Kampf gegen

Sie bis zum Aeußerſten treiben ſoll. Was jetzt noch zwiſchen uns zu verhandeln iſt, wird öffentlich, vor Gericht verhandelt werden! Nach dieſen Worten verließ ſie, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, das Zimmer.

Jetzt erkannte auch ſie, daß ſie in dieſem Hauſe nicht länger bleiben konnte, daß all ihre Anſtrengungen, zu helfen und zu retten, fruchtlos wären, daß das Schickſal eine unabwendbare Cataſtrophe vorbereitete. Auch wurde ihr endlich klar, daß ſie es nicht, wie ſie bisher geglaubt hatte, mit einem Verblendeten, von Leichtſinn und ſchein⸗ barer Noth zur Miſſethat Verleiteten, ſondern mit einem verhärteten, abgefeimten Schurken zu thun hatte.

Daher hatte ſie auch nicht mehr das Recht, zu ſchweigen; vielmehr drängte ſich ihr die Pflicht auf, als Anklägerin hinzutreteu.

Wohl empörte ſich ihr weibliches Gefühl gegen dieſen Schritt, ja, ſie ſchauderte, wenn ſie an die Anklage dachte, welche man gegen ſie beabſichtigte und welche ja doch den Schein der Wahrheit für ſich hatte. Allein ihre Liebe zum Rechten und Wahren war mächtiger, als die weibliche Zaghaftigkeit und Schüchternheit. Und als ſie, aus dem Schloßhofe fahrend, einen letzten trüben Blick auf das alte, finſtere, unheimliche Haus warf, da ſagte ſie mit einem ſchweren Seufzer aber mit feſter Entſchloſſenheit bei ſich:Es iſt ſchrecklich, aber unvermeidlich!

Inzwiſchen ſchritt Karl Brachvogel, Wuth und In⸗ grimm im Herzen, in ſeinem Zimmer auf und nieder und leerte ein Glas nach dem andern. Auch er war vor ſeiner Unterredung mit Karolinen voll Hoffnung geweſen. Es hatte ſich Alles ſo wunderbar günſtig für ihn geſtaltet,

daß er ſich ſchmeichelte, die Gunſt des Schickſals werde

ſich auch darin beweiſen, den ſpröden, ſtolzen Sinn Karolinens ihm gegenüber zu brechen. Wie alle charakter⸗ loſen Schwächlinge taumelte er, ſo wie von Begierde zu Genuß und von Genuß zu Begierde, auch von über⸗ ſchwänglicher Hoffnung zu feiger, an Vernichtung grenzen⸗ der Verzweiflung und umgekehrt.

Bevor Karoline bei ihm eintrat, hatte er eben mit größter Behaglichkeit überdacht, in welch angenehmer Situation er ſich trotz der düſtern Erlebniſſe der vorher⸗ gehenden Tage befinde. Eigentlich war er ja ohne ein förmliches Verbrechen zu alledem gelangt, was er ſelbſt durch ein Verbrechen zu erreichen entſchloſſen geweſen

war. Was konnte man ihm nachſagen, beweiſen? Seine

nächtliche Promenade auf dem Weingeländer bedeutete ja eigentlich gar Nichts. Der Schlaukopf Anton hatte

Recht, er war ein wenig mondſüchtig! Daß ferner ſein

Bruder verrückt geworden, war ja bei der allbekannten Ueberſpanntheit des Mißgeſtalteten gar nicht befremdlich. Und überdieß hatte er ja eigentlich gar nichts Thatſäch⸗ liches gegen den Krüppel unternommen. Ferner war ſein Erbtheil ſo unerwartet groß, ſo enorm, daß er ja für alle Fälle noch ein reicher Mann blieb und ſeinem Hange zur Ausſchweifung, ſo weit es ſein defekter und entnervter Körper geſtattete, genügen konnte. Und Karoline endlich, ſie war ja in ſeinen Augen nicht mehr makellos, unnah⸗ bar, die Triebfeder ihrer Anhänglichkeit an Richard war Nichts, als Selbſtſucht, auch ſie liebte das Geld, Einfluß, Macht, o, er würde ihren Stolz, ihre Sprödigkeit ſchon noch beſiegen, vielleicht gar ſchon in nächſter Stunde! Die verlangte Unterredung mit ihm ſollte ihr möglicher Weiſe ſchon jetzt den Weg zu einer Annäherung an ihn bahnen!

Wir haben geſehen, wie ſchnell und wie gründlich ſie ſeine Illuſionen zerſtörte, und können uns jetzt ein Bild von ſeinem Gemüthszuſtande nach ihrer Entfernung aus ſeinem Zimmer machen. Wuth über ſeine Enttäuſchung und ſeine Ohnmacht dieſem Mädchen gegenüber, Furcht und Angſt vor ihrer energiſchen Drohung, Scham und Zerknirſchung wegen ſeiner neuen Niederlage; vor allen aber ſeine glühende, wahnſinnige, durch jeden neuen Widerſtand ſich nur vergrößernde Leidenſchaft für dieſes unbegreifliche Weſen, und endlich die durch den Wein hervorgebrachte Aufregung; das Alles vereinigte ſich, um ihn aller Faſſung und Beſinnung zu berauben. Er rannte wie ein verwundeter Tiger, Wuth ſchäumend, auf und nieder, leerte Glas auf Glas und entwarf die tollſten

und ruchloſeſten Pläne, wie er den Sinn des ſtolzen Mädchens beugen, ihre Drohung zu nichte machen und ſie ſelber endlich gewinnen möchte. In dieſem Zuſtande traf ihn Anton, welcher ihm die plötzliche Abreiſe Karo⸗

Wuth bis zum Wahnſinn. geſattelt werde.

linens zu melden kam. Dieſe Nachricht ſteigerte ſeine Er befahl, daß ſein Pferd

Jetzt darf ſie nicht fort von hier! Ich

muß ſie zurückführen, und geſchähe es mit Gewalt!

Mit dieſem tollen Entſchluſſe ſtürzte er aus dem Zimmer. Der Knecht, welcher das Pferd ſattelte, wurde ſeiner

raſenden Ungeduld nach nicht ſchnell genug fertig. Er

ſchlug ihn mit der Reitgerte ins Geſicht. lität beſchleunigte ſein Verhängniß.

Er ſprang in den Sattel, drückte dem Pferde die Sporen tief in die Weichen und jagte davon. Er jagte im raſenden Galoppeüber Stock und Stein, Berg auf, Berg ab; wie der Reiter inLenore. Er jauchzte vor Trunkenheit und wahnſinniger Aufregung und ſetzte über Gräben und Hecken. Er drückte die Sporen in die blu⸗ tenden Weichen, lachte wild auf und ſang:Und biſt Du nicht willig, ſo brauch' ich Gewalt!

Er gelangte auf den Gipfel eines Berges und er⸗ blickte unten am Fuße deſſelben den Wagen mit Karoli nen.Hurrah! Juchhei! rief der Wahnſinnige, drückte die Sporen ein, ſchlug das ſchäumende, keuchende Thier mit der Gerte auf den Kopf und jagte den Berg hinab in ſein Verderben!

Der mißhandelte Knecht hatte, ſei es aus Bosheit oder ſei es aus Angſt, den Sattelgurt nicht feſt geſchnallt. Der Gurt ſprang auf, und Sattel und Reiter glitten herab.

Das ohne Sattel und Reiter heimkehrende Roß ließ im Schloſſe vermuthen, daß ein Unglück geſchehen. Anton, welcher den Weg kannte, den Karl eingeſchlagen, ging mit mehreren Leuten und einer Tragbahre aus, ihn zu ſuchen. Man fand ihn am Fuße des Berges, be⸗

Dieſe Bruta⸗

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