Jahrgang 
1857
Seite
428
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völlig verſtört ſind, und es wird keine Commiſſion das ge⸗ ringſte Bedenken tragen, ihn für wahnſinnig zu erklären.

Bevor eine derartige Commiſſion berufen wird, muß Karl im Verein mit ſeiner Schweſter einen Antrag ſtellen. Da ich aber feſt überzeugt bin, daß Richards Gemüths⸗ zerrüttung durch künſtliche Mittel herbeigeführt iſt, und daher auch vorübergehen wird, ſo will ich thun, was in meinen Kräften ſteht, um den Antrag ſo lange als mög⸗ lich zu hintertreiben.

Der Anwalt ſchüttelte mit dem Kopfe:Ich fürchte, es wird Ihnen nicht gelingen. Sie werden vielmehr die Kataſtrophe nur beſchleunigen und ſich ſelber widerwär⸗ tigen Scenen, wenn nicht perſönlichen Beleidigungen aus⸗ ſetzen. Und ich wiederhole meine Bitte, fliehen Sie dieſes unglückſelige Haus, auf welchem der Fluch der Habgier und des Mammons laſtet. Trotz all Ihres Muthes nnd Ihrer Hochherzigkeit werden Sie das Schickſal nicht auf⸗ halten können. Ja, es iſt ein Glück, daß Sie es nicht aufhalten können! Denn bei der ſittlichen Bodenloſigkeit unſrer Zeit, bei der bis ins Mark des Geſellſchaftskörpers gedrungenen Corruption, bei dem kraſſen, entſetzlichen, alle Begriffe von Ehre, Liebe, Recht und Tugend um⸗ ſtürzenden, verzerrenden Materialismus iſt es nöthig, daß

das Schickſal ſelber zuweilen eine heilſame, abſchreckende

Lehre ertheile, daß es augenſcheinlich zeige, wohin der un erſättliche Durſt nach Golde führe und wie arm und elend der reiche Menſch ohne ſittliche Erhebung ſei.

Nach kurzem Sinnen verſetzte Karoline:Sie haben Recht; aber ich fühle, daß ich auch Recht habe und im Begriff bin, das Rechte zu thun. Ich werde hier bleiben, ſo lange man mich duldet, oder ſo lange ich noch die ge⸗ ringſte Hoffnung hegen darf, dem Unglücklichen, Hilfloſen zu nützen.

Und dann? fragte der Anwalt mit forſchendem, bangem Blicke.

Karoline zögerte und erröthete, ehe ſie antwortete: Dann werde ich Ihren Wunſch erfüllen und nach der Stadt kommen, um Ihre Schweſter kennen zu lernen. Vielleicht, ja wahrſcheinlich wird es in andrer Beziehung ſogar abſolut nothwendig werden, daß ich mich noch einige Zeit in hieſiger Gegend aufhalte. Und ſo trenn⸗ ten ſie ſich.

Am nächſtfolgenden Tage wurde unter Zuziehung eines andern Rechtsanwaltes(welcher mit Karl Brach vogel ſchon ſeit lange in ſehr intimen Beziehungen ſtand) der Nachlaß des Commerzienrathes unterſucht und berech⸗ net. Es fand ſich an baarem Gelde, Actien und Pfand⸗ briefen die enorme Summe von acht Millionen Thalern vor. Der Werth der Güter wurde auf eine Million geſchätzt; ſo daß, da kein Teſtament vorgefunden wurde, und die drei Erben alſo zu gleichen Theilen erbten, ſich ein Jeder derſelben in dem Beſitze von drei Millionen ſah.

Richard war bei der Berechnung nicht zugegen, ſon⸗ dern von dem Rechtsanwalt vertreten worden; daher beeilte ſich Karoline, ihn von dem Ergebniſſe der Be rechnung in Kenntniß zu ſetzen. Das edle Mädchen war wieder voll Hoffnung in Bezug auf eine günſtige Löſung der verwickelten Verhältniſſe des Hauſes. Sie war über⸗ zeugt, Richard würde, ſobald ſein Argwohn und ſeine Furcht ſich als nichtig erwieſen, ſehr bald ſeine Ruhe und Geſundheit wiedergewinnen; und Karl würde, da ihn die unerwartete, außerordentliche Größe ſeines Erbtheils in Stand ſetzte, auch nach Abzahlung ſeiner Schulden noch den reichen verſchwenderiſchen Mann zu ſpielen, ſei⸗

nen böſen, abſcheulichen Plan in Bezug auf Richard aufgeben.

Sie fand Richard allein in ſeinem Zimmer und theilte ihm in ruhiger, vorſichtiger Weiſe das Ergebniß mit. Er ſchaute ſie mit ſtarren, glanzloſen Augen an, ſchüttelte dann mit dem Kopfe und ſagte:Das iſt Alles Lug' und Trug. Ich laſſe mich nicht täuſchen auch von Ihnen nicht. Aber wenn Sie mir eine Güte erweiſen wollen, ſo befehlen Sie dem Anton, mich nicht mehr zu ſchla⸗ gen! Es thut mir ſehr weh'.

Karoline erſchrak; nicht als ob ſie dem, was er über Anton ſagte, einen Sinn unterlegte, ſondern weil ſie eine ihrer letzten Hoffnungen ſchwinden ſah. Jetzt blieb ihr Nichts mehr übrig, als ſich geradewegs an Karl zu wen⸗ den. Sie überwand nach heroiſcher Anſtrengung ihren Stolz, ihren Abſcheu und ließ den Wüſtling um eine Unterredung bitten. Er bewilligte ſie.

Er ſaß, als ſie in ſein Zimmer trat, wieder an dem alten Eichentiſche und trank Wein. Er erhob ſich und ver⸗ ſuchte, ſie zum Sopha zu führen. Sie dankte, ſetzte ſich auf einen Stuhl bei der Thür und begann:Ich will nur noch, bevor ich von hier ſcheide, eine Bitte an Sie rich⸗ ten, eine Bitte, welche Ihren unglücklichen hilfloſen Bruder betrifft.

Er ſtand mit gekreuzten Armen vor ihr und ver⸗ ſchlang ſie mit ſeinen Blicken. 6

Richard iſt für den Augenblick allerdings geiſtesab⸗ weſend, fuhr ſie fort,allein er kann und wird bei guter, angemeſſener Behandlung wieder geneſen, gewiß, und ich hoffe ſogar, recht bald.

Nie! ſagte er mit einem Lächeln des Triumphs.

Er muß wieder geneſen! rief ſie mit erhobener Stimme.Wehe Ihnen, wenn es nicht geſchieht!

Er näherte ſich ihr noch um einige Schritte, bis er dicht vor ihr ſtand, ſo daß ſein Athem ſie berührte, und ſagte leiſe, flüſternd:Nur ein Mittel giebt es ihn zu ret⸗ ten: Sei mein, ſtolzes, kühnes Mädchen!

Sie ſprang empor und maß ihn mit ihrem königlichen Blicke. Dann nach einer kurzen Pauſe fuhr ſie fort: Wehe Ihnen, wenn er nicht wieder geneſet! Schon laſtet ein Fluch auf Ihnen, der Fluch des väterlichen Haſſes. Dann aber wird auch noch der Fluch des Brudermordes auf Ihnen laſten!

Wer einmal verflucht iſt, verſetzte er mit erzwun genem Lächeln,mag es auch zweimal ſein! Es kommt auf Eines hinaus.

Und nicht nur innere Unſeligkeit, ſondern auch die

Verachtung, der Abſcheu der Welt wird jede Stunde Ihres ſpäteren Lebens vergiften. Die Sonne bringt Alles an den Tag, auch dieſe Ihre Miſſethat wird ſie an den Tag bringen. Man wird flüſtern, heimlich und dunkel Anfangs, dann öffentlich und deutlich, lauter und lauter, bis Jedermann das Brandmal der Schande an Ihrer Stirn ſehen wird! Man wird es nicht wagen! rief er vor Wuth bebend,Niemand wird es wagen, auch Sie nicht nein, auch Sie nicht! Ich habe tauſend Zeugen ſeiner Verrücktheit ſein eigner Diener wird und muß für mich zeugen, während dieſer ſelbige Menſch ein Zeugniß ablegen kann, welches Ihre Ausſage entkräftigt, gegen Sie ſpricht, Sie verdächtigt!

Sie ſtarrte ihn an, voll Verachtung und edler Ent⸗ rüſtung.

Werden Sie leugnen können, leugnen vor Gericht,