Jahrgang 
1857
Seite
426
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Die neuſten Vorgänge in Conſtantinopel, die ka⸗ tegoriſche Forderung des franzöſiſchen Geſandten, daß die Wahlen in der Moldau für nichtig erklärt werden ſollten, die Weigerung der Pforte, welche ſich auf die Unterſtützung Englands und Oeſt⸗ reichs ſtützte, das Einziehen der Flagge und die Drohung mit Abreiſe von Seiten des franzöſiſchen Geſandten, dem ſich die Ge⸗ ſandten von Rußland, Sardinien und Preußen in edlem Chorus anſchloſſen alle dieſe Vorgänge ſetzen die Welt in dieſem Augenblick in Beſorgniß, da ſich eine neue Phaſe der orientali⸗ ſchen Angelegenheit darin anzukündigen ſcheint, welche, nicht weniger als die erſte, eine blutige Entſcheidung nöthig machen würde, zu welcher diesmal ohne Zweifel auch Deutſchland ſeinen Beitrag zu liefern hätte. Es iſt bemerkenswerth, daß durch die ganze deutſche Preſſe, auch die ſonſt preußenfreundlichen Blätter, ein Schrei der Entrüſtung tönt über das Benehmen Preu⸗ ßens. Wozu der Lärm? könnte man die Herrn von der Preſſe fragen. Preußen hat ſtets Alles gethan, was in Petersburg ge⸗ wünſcht wurde und jetzt hat es nichts andres gethan. Wenn man findet, daß das was in Petersburg gewünſcht wird, nicht eben daſſelbe iſt, was in Deutſchlands Intereſſe liegt, ſo mußte und muß man die Vertretung des Intereſſes von Deutſchland über⸗ haupt nicht bei Preußen ſuchen, oder von da erwarten. Ueb⸗ rigens läßt ſich der Gang, den dieſe Politik nehmen wird, im Allgemeinen vorausſehen. Frankreich hat man, zunächſt nur in einer Einzelfrage, zu einem Siege über Oeſtreich und England verholfen. Man wird nun über die Hauptfrage Conferenzen veranſtalten und dieſe ewigen Conferenzen werden von Napoleon⸗ benutzt, um ſich immer größeren Einfluß in Europa zu ver⸗ ſchaffen. Natürlich wird dieſer Einfluß am ſtärkſten in Deutſch⸗ land gefühlt, und die preußiſche Politik führt ſomit recht eigent⸗ lich den neuen Cäſar von Frankreich zur Herrſchaft über die deutſchen Angelegenheiten. Allerdings müßte man ſich über dieſe ſelbſtmörderiſche Politik Preußens wundern, wenn das Alles nicht ſchon einmal dageweſen wäre, von 1795 bis 1806. Das engliſch⸗ franzöſiſche Bündniß, obgleich anſcheinend durch die Nachgiebigkeit Englands in der Frage der moldauiſchen Wahlen, alſo durch eine Niederlage Englands, befeſtigt, kann nunmehr als mit raſchen Schritten ſeiner Auflöſung zugehend betrachtet werden. England, durch die von Rußland theils veranſtalteten theils wohl benutzten Vorfälle in Indien für den Augenblick ge⸗ ſchwächt, hat in einer Nebenfrage nachgegeben und vor Europa ſich gedemüthigt, indem es ſeine augenblickliche Schwäche nicht zu verbergen wußte. Allein ſobald ſein jetzt in Frage geſtelltes Anſehen in Indien wieder hergeſtellt ſein wird und dieß wird vorausſichtlich in wenigen Wochen geſchehen ſein wird es ſich erinnern, daß Napoleon III. es war, welcher dieſe augenblickliche Verlegenheit zu ſeiner Demüthigung benutzt hat und daß Preußen ihm dabei zur Hand ging, das proteſtantiſche Preußen, welches Deutſchlands und Europas Intereſſen ſeiner Feind ſeligkeit gegen Oeſtreich zum Opfer gebracht. Dann wird kein Miniſter von England im Stande ſein, länger ein Bündniß

aufrecht zu erhalten, welches auf die moraliſche Demüthigung

und die politiſche Schwächung Englands berechnet iſt und dazu dienen ſollte, dem modernen Cäſarismus freie Hand für die Ver⸗ folgung ſeiner Herrſchaftspläne auf dem Continent zu gewähren. Dann, nach Beſiegung des Aufſtandes in Indien, wird eine neue Aera der europäiſchen Staatenpolitik beginnen, eine für Deutſchland und Europa bedeutungsvolle Aera, und wahrlich wie auch ſonſt der Ausgang ſein mag Preußen wird zuletzt bei dieſer neuen Politik Europas ſeine Rechnung nicht finden, denn auch der enragirteſte Preußenfreund kann es jetzt nicht mehr unternehmen, auch nur ein Wort zur Vertheidigung einer Po⸗

litik zu ſagen, welche ſich von den Intereſſen Deutſchlands wie des Proteſtantismus losgeſagt hat.

Dem franzöſiſchen Sänger Béranger iſt der Romandichter Eugen Sue, raſch ins Grab gefolgt. In Deutſchland kannte man den letzteren genauer und allgemeiner; ſeine Romane wur⸗ den zum Theil in zahlreichen Ueberſetzungen dem deutſchen Publikum zugänglich gemacht und fanden eifrige Leſer in allen Schichten der deutſchen Geſellſchaft. Wenn ſchon Béranger vom moraliſchen Standpunkt aus getadelt worden iſt, ſo wird man ſchwerlich im Stande ſein von dieſem Standpunkt aus Etwas zu Gunſten Sue's zu ſagen. Béranger war wenigſtens ein ein⸗ facher, unabhängiger Mann, deſſen Leben durch nichts an ſeine gewaltige Macht und Wirkſamkeit als Schriftſteller erinnerte. Eugen Sue, ein Mann ohne große Ideen, ſchwelgte wie ein aſia⸗ tiſcher Satrap in den Wollüſten, deren Koſten er ſich aus dem Elend des Volks herausſchrieb. Das Elend des Volks war näm⸗ lich die einzige Idee ſeiner Romane. Sie gehörte nicht ihm an; ſie iſt ein Erzeugniß der franzöſiſchen Revolution, welche das eigentlicheVolk d. h. die arbeitende Claſſe im weiteren Sinn der beſſer geſtellten Geſellſchaft in wahnſinniger Verblendung gegenüberſtellte, alles Unglück wie alle Tugenden auf jenes, alle Schuld wie allen Genuß des Lebens auf dieſe häufte. In dieſem Sinn war ſchon Robespierre bekanntlich der Schmeichler des Volkes, peuple, im eigentlichen Sinn und wollte ihm durch die Guillotinirung aller Ariſtokraten d. h. aller derer, welche ſich über das Niveau der Niedrigkeit erhoben, zu ſeinemRecht und zu dem ihm gebührenden Antheil an den Gütern des Lebens ver⸗ helfen. Dieſe Richtung, deren Unverſtand jeder denkende Menſch einſieht, erwachte zu Ende der dreißiger Jahre weeder, zunächſt in der Literatur; und hier wurde Eugen Sue ihr Prophet. Die Wirkſamkeit ſeiner Romane beruht auf den grauenvollen Schil⸗ derungen des natürlich ſtets unverſchuldeten phyſiſchen und moraliſchen Elends desVolkes gegenüber der raffinirten Bos⸗ heit und den überſchwenglichen Genüſſen der Reichen und Hoch⸗ geſtellten. Nirgends war eine Verſöhnung angekündigt, alles athmete den Kampf beider Geſellſchaftsklaſſen und dieſer trat denn auch mit der Februarrevolution ein. Bekanntlich hat der⸗ ſelbe dasVolk nicht glücklicher gemacht. Was Eugen Sue ſelbſt betrifft, ſo hatte er nicht die mindeſte Neigung an dieſem Kampfe perſönlich ſich zu betheiligen. Erſt nach der Juniſchlacht, als die Reihen der Vorkämpfer des Proletariats durch Pro⸗ ſkriptionen ſich gelichtet hatten, zog man den unglücklichen Ro⸗ manſchriſtſteller von ſeinen Marmortiſchen und orientaliſchen Divans, aus ſeinen Harems und ſeinen Orgien auf die politiſche Bühne. Es war eine nicht ganz ungerechte Strafe für ſeine literariſchen Sünden, daß er die letzten Schickſale der ſocialiſti⸗ ſchen Partei theilen mußte und von Napoleon nach dem Staats⸗ ſtreich in die Verbannung gejagt wurde. Uebrigens war die Zeit eine andre geworden: ſeine letzten Romanepackten nicht mehr. In Deutſchland wenigſtens kennt man ſie kaum. Es mag aber hier als Curioſität und zur Charakteriſtik einer noch nicht ſehr weit hinter uns liegenden Zeit erwähnt werden, daß die durch den Sonderbundskrieg 1847 in Freiburg ans Ruder gelangte Regierung die allgemeinſte Verbreitung von Eugen SuesGe⸗ heimniſſe des Volkes in deutſcher und franzöſiſcher Ausgabe ſich angelegen ſein ließ, in der Meinung, dadurch ihr unter den Hän⸗ den der Pfaffen zurückgebliebenes reaktionäres Volk am ſchnellſten aufklären und bilden zu können. Bekanntlich iſt das ſchlecht ge⸗ lungen, vielmehr mußte der Freiburg'ſche Radikalismus, obwohl von der Bundesgewalt ſo lang als thunlich gehalten, die Regie⸗ rungsſeſſel längſt mit einer mehr vermittelnden Richtung theilen.

Derichtigung.

In No. 31, Bericht über das landwirthſchaftl. Feſt in Gotha II. heißt es irrthümtich

Tennſtädt, was wir auf beſonderen Wunſch hier berichtigend mittheilen

Eine Heckſelmaſchine von G. Streitwieſer in Jennſtadt. Der richtige Ortoname iſt

Verlag von Hugo Scheube in Gotha

Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſeche& Devrient in Leipzig