Jahrgang 
1857
Seite
425
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täten diesmal der Napoleonstag in Frankreich umgeben wurde. Im brillantirenden Glanze ſeines Feuerwerks auf dem Pariſer Marsfeld, welches durchaus nicht die Einnahme des Malakoff vorſtellte, wovon der plötzlich verſchollene Marſchall Peliſſier den Herzogstitel trägt, ſondern irgend eine indifferente Kabylen⸗ ſchlacht in der Saharah in dieſem Zauberglanze pyrotechniſcher Geſchicklichkeit verſchwand auch ſofort die noch vor wenigen Tagen feierlichſt eingeläutete Beſuchsreiſe des Kaiſers und der Kaiſerin am engliſchen Königshofe. Ob ſie zu denüberwun⸗ denen Standpunkten gehört? Wer weiß es zu ſagen? Gewiß iſt nur, daß die imperialiſtiſchen Journale heut mit derſelben Begeiſterung, wie früher von ihr, vom bevorſtehenden Beſuche des Kaiſers von Rußland bei den franzöſiſchen Herbſtmanövern reden. Sogar am Zarenzelte wird ſchon genäht, welches un⸗ mittelbar neben dem des Napoleoniden aufgeſtellt wird; Alles rüſtet zur Verherrlichung der cäſarozariſchen Freundſchaft und die ſchwarzorangeweißen Feſtflaggen aus Darmſtadt oder Wild⸗ bad oder Berlin können den Pariſern zum Muſter dienen. Schade, daß jetzt kein echter Homer dieſer neuen Periode franzöſiſcher Begeiſterung vorhanden iſt! Den Béranger, welcher die Orleans auf den Thron ſang, den Alfred de Müſſet, welcher 1840 die Franzoſen über den Rhein und gegen Deutſchland trommeln wollte, haben ſie begraben; und Eugen Sue, welcher die ſociale Zerrüttung Frankreichs anatomirte, ſo daß die Pariſer Myſterien, der ewige Jude u. ſ. w. zu gährenden Elementen der Februarrevolution wurden er iſt am 3. Aug. als Verbannter geſtorben, ſelbſt ſeinen Gebeinen wurde die Uebertragung in ein heimathliches Grab verſagt. Wo iſt der Sänger der Gegenwart? Pfui, ein politiſch Lied, ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen, daß ihr nicht braucht für's fränk'ſche Reich zu

ſorgen. Jawohl, ſie haben Recht, die ſo rufen; das deutſche Vaterland beruhigt den aufgeregten Blick und Gedanken, während er ringsum jenſeits ſeiner Grenzen unheimlichen Feuerzeichen begegnet. In Deutſchland iſt Alles in herzerhebender Ordnung.

Kunſt und Viſſenſchaft halten vorläufig noch Hundstags⸗ ferien. Und dieſe ſcheinen ſo vollſtändig, daß ſelbſt die vierte Säcularfeier der Hochſchule zu Freiburg im Breisgau, trotz Deputationen und Gratulationsſchreiben, kaum über die offizielle Geſtaltung hinauskam. Nichts vernimmt man vom begeiſterten Aufflammen geiſtigen Wechſelaustauſches im perſönlichen Ver⸗ kehr der Träger deutſcher Wiſſenſchaft aus den verſchiedenſten Gauen, confeſſionell gefärbte Differenzen hatten ſelbſt bei den Vorbereitungen dazu mühſam überdeckt und umgangen werden müſſen, ohne daß ſich verhindern ließ, daß der Reifhauch aus dieſen Klüften das volle Aufblühn eines Triumphfeſtes deutſcher Intelligenz erkältend hemmte. Tröſten wir uns darüber mit deutſchem Troſt! Wie herzerhebend war die Eröffnungsfeier der Trieſter Eiſenbahn, wie gewaltig der Toaſt des Freiherrn von Bruck auf die Durchſtechung der Landenge von Suez! Und blicken wir zum fernen Norden hinauf! Eine ſkandinaviſche Kunſtausſtellung, von allen drei Reichen beſchickt, verherrlicht ſoeben in Chriſtiania die immer mehr wachſende Macht der ſkan⸗ dinaviſchen Idee. Oder blicken wir nach Paris. Dort feiert die Reinheit der Kunſt ihre vollſten Triumphe. Denn die Kunſt⸗ ausſtellungsjury hat den großen Entſchluß gefaßt, allen den⸗ jenigen Portrait's, Statuetten und ſonſtigen Werken, welche nur als merkantile Annoncen und induſtrielle Reclamen zu betrachten ſind, künftighin den Eintritt in die geheiligten Hallen der Kunſt zu verſagen. Wer wollte zagend in die Zukunft ſchauen, da die Gegenwart ſo Gewaltiges ſchafft?!

mas beliebt.

Prof. Neumann in München, dem die aſiatiſche Welt auf⸗ geſchloſſen iſt wie kaum irgend einem andern Forſcher, iſt zu der

Ueberzeugung gelangt, daß die Vorgänge in Britiſch⸗Indien

Folgen einer weitverzweigten, lange vorbereiteten Verſchwörung

ſind, welche keineswegs bloß die Armee, ſondern namentlich auch

die penſionirten Fürſten und großen Lehnsträger, insbeſondere

die Nachkommen der ſogenannten Großmongolen, die Baberiden

umfaßt. Hindu und Muſelmann überwanden ihren tiefen, tödt⸗ lichen Haß wenigſtens für den Augenblick und verbanden ſich zur Vertreibung der Fremdlinge und zur Erhaltung ihrer Religion. Geld wurde in Menge zuſammengebracht, Delhi, die Binnenſtadt, als Sammelplatz für die Verſchwornen auserkoren. Der Auf⸗ ſtand ſollte in den verſchiedenen Cantonirungen und Garniſonen zu Calcutta und Barrakpur, zu Amballah und Peſchawer, in Simlah und Lacknau, im Nimatſch der Bandalas, dann zu Nagpur, Heiderabad im Nizamſtaat und im Meiſoreland an einem und demſelben Tag zum Ausbruch kommen. Alle Engländer, alle einheimiſchen Chriſten ſollten ermordet, ihr Beſitzthum geraubt werden. Einzelne Garniſonen brachen aber in wildem Fanatismus zu früh los und dies rettete die Engländer. Dieſer tiefangelegte, die ganze Bevölkerung umfaſſende Plan wird unſtreitig ſehr glaubhaft gemacht durch Beibringung eines ungemein inte reſſanten Aktenſtückes, einer Bittſchrift des britiſch⸗indiſchen Vereins zu Calkutta, welche während der Parlamentsverhand⸗ lungen über die Erneuerung des Freibriefs der oſtindiſchen Ge⸗ ſellſchaft im Jahr 1853 in London überreicht, vom Parlament aber keiner Beachtung gewürdigt wurde. Es iſt dabei zu bemerken, daß zwanzig Jahre früher, als über jene Erneuerung in London berathen wurde, keine Klage aus Indien eingelaufen war. In dieſen zwanzig Jahren war alſo die Stimmung in

merkwürdiger Weiſe umgeſchlagen. Daran hatte großen Antheil das Geſetz über die neue Erbordnung, wodurch die alte Sitte und Beſtimmung, daß Religionswechſel Verluſt oder Schmäle⸗ rung des Vermögens zur Folge habe, aufgehoben wurde. Man erblickte hierin eine unerträgliche Begünſtigung des Abfalls vom heimiſchen Glauben, einen ſchmählichen Bruch feierlicher Zu⸗ ſicherungen. In jener vom Parlament ſehr ungnädig aufge⸗ nommenen Bittſchrift ſprachen 5900 angeſehene Männer und Gutsbeſitzer die Wünſche der Hindu⸗Nation aus. Sie verlangten, daß der indiſche Rath in London aus Männern zuſammengeſetzt werde, welche Indien aus eigner Erfahrung kennen; bei der Regierung in Indien Abſonderung der Exekutive von der geſetz⸗ gebenden Gewalt, Einſetzung einer Legislatur von ſieben Mit⸗ gliedern, darunter drei Eingeborne; vor Allem aber feierliche Verbürgung des unantaſtbaren Gebrauchs der religiöſen Geſetze und Inſtitutionen Hindoſtans; Ernennung von Männern indi⸗ ſcher Erfahrung zu Regierungspräſidenten, gleichere Vertheilung der Beſoldungen, Umgeſtaltung des Beamtenweſens überhaupt, da es ſcheine, als wenn die indiſchen Länder und die indiſchen Völkerſchaften bloß zur glänzenden Verſorgung einer Anzahl Engländer vorhanden wären, Gleichſtellung der Eingebornen mit den Engländern in Bezug auf Anſtellung und in Bezug auf Juſtiz(die Gerichtshöfe der Compagnie dürfen nur über Einge⸗ borne, nicht über Engländer richten), Umgeſtaltung des Beſteu⸗ rungsſyſtems und Schutz gegen Beamtenerpreſſung, materielle und geiſtige Hebung der Bevölkerung. Dieſe Bittſchrift von Hindus hätte den engliſchen Behörden allerdings zeigen ſollen, daß eine Reform der Verwaltung Indiens ohne Gefahr nicht länger ver⸗ ſäumt werden dürfte. Daß ſie dennoch verſäumt wurde, hat jetzt eine ſchwere Strafe über die Herrſcher von Indien gebracht.