Jahrgang 
1857
Seite
424
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ſind nicht einzellig und eiförmig wie bei dem Blattſchimmel, ſondern mehrzellig und wurſtförmig. Die Botaniker haben dieſen auf der Knolle wachſenden Schim⸗ mel Fusisporium Saloni genannt.

Am Kartoffelſtengel und vorzüglich an der knollentragendenSchnalle erhält der Zerſtörungsproceß dadurch eine eigene Bedeutung, daß jene Theile in der Regel vorzeitig abſterben. Eine große Anzahl Knollen wird in Folge davon gleichſam aus dem organiſchen Verbande geriſſen und

beendigen. Hieraus erklärt ſich der Um⸗ - ſtand, daß ſelbſt vom Pilze nicht ange⸗

K griffene Früchte unreif und ſtärkemehlarm

bleiben. Freilich iſt auch bis gegenwärtig in Zweifel gezogen worden, ob der bezeichnete Pilz wirklich die erſte Urſache der Erkran⸗ kung der Knolle abgegeben, oder ob er V nicht vielmehr erſt in Folge der Krankheit fig. IV ſich eingefunden habe. Durch meine Un⸗ terſuchungen bin ich aber auf Experimente geleitet worden, die dieſen Zweifel, wie ich meine, gänzlich heben und zugleich vollſtändig erklären, in welchem Zuſammenhange die Erkran⸗ kung des Kartoffelblattes mit der Erkrankung der Knolle ſteht.

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außer Stande geſetzt ihre Entwicklung zu

Junge, noch nicht dick beſchalte Erdäpfel, bei denen die Korkzellenlage ſich in Fetzen abblättern läßt, werden ſorg⸗ fältig abgewaſchen und auf ihre vollkommene Geſundheit genau unterſucht. Wenn dieſe feſtgeſtellt iſt, ſind die Knollen zu den Experimenten geeignet. Man nimmt dann friſche kranke Blätter, welche reichlich mit fruchttragenden Pilzen beſetzt ſind, und bindet ſie vermittelſt eines reinen dünnen Leinwandſtreifens in der Weiſe auf jene Knollen, daß die Pilzſamen mit den letzteren in unmittelbare Berührung kommen. So vorgerichtet werden ſie zum Schutze vor Ver⸗ unreinigung in feuchte Tücher geſchlagen und in feuchte Erde oder naſſen Sand in Blumentöpfe eingegraben oder in einem feuchten Keller aufbewahrt. Je nachdem die Bedingungen mehr oder weniger günſtig ſind, findet man nach vier bis ſieben bis zehn Tagen die erſten Spuren der Erkrankung, und zwar immer da, wo die pilztragende Blattſtelle auf der Knolle aufgelegen hat. Zur Anſteckung mit der Krankheit genügt auch ein bloßes Aufſtreuen der Samenkörnchen des Blattpilzes, was durch Betupfen gewiſſer Stellen mit Pilz⸗ ſamen tragenden Blättern geſchehen kann, wenn man nur dafür ſorgt, daß jene Samen haften bleiben und die zu ihrer Keimung nöthige Feuchtigkeit finden. Alte, feſtbeſchalte Erd⸗ äpfel laſſen ſich auf die angegebene Weiſe nur dann zum Erkranken bringen, wenn man die Schimmel⸗Samenkörner auf nackte, d. h. von der dicken Korkſchicht(Schale) befreite Stellen bringt.

(Schluß folgt.)

Aus dem Weltleben.

Oramazes? Wer und was war Oramazes? Daß auch Brock⸗ haus' Converſationslexikon 10. Auflage, ſowie Pierer's Realen⸗ cyklopädie nebſt ihren Ergänzungsbänden keine Sterbensſylbe von Oramazes wiſſen, iſt das deutlichſte Zeugniß ihrer wühle⸗ riſchen Tendenz. Denn giebt es für den loyalen Staatsbürger wohl etwas Wichtigeres als Oramazes, ſeitdem die gutgeſinnte Tagespreſſe entdeckt und mit gewohnter Befliſſenheit bekannt gemacht hat, daßOramazes, qui Darium fecit ſoviel heißt, alsVon Gottes Gnaden, Darius I., König von Perſien. Ein Quintaner von beſchränktem Unterthanenverſtande würde es freilich überſetzen: Oramazes, welcher den Darius gemacht hat. Aber die ſublime Bedeutung dieſes profanen Ortes iſt ohne Widerrede der bezeichnete Titel. Dieſer heiligt ſomit ein Alter von genau 2398 Jahren und König Darius I. ſchuf ihn vollſten Rechts. Denn nachdem er mit Andern ſeinen Vorgänger ermordet, zankten ſich die Thronprätendenten um die Krone, bis ſie ſich dahin einigten, Derjenige ſolle ſie tragen, deſſen Leibroß zuerſt wiehern werde. Da führte ein Reitknecht des Darius Hengſt an einem Stutenſtall vorbei, er wieherte und Darius ward König von Gottes Gnaden. Wären Preisnovellen heut⸗ zutag nicht ſchon abgebraucht, die Redaction des Feierabends müßte nothwendig eine Preisarbeit ausſchreiben, welche den dunkeln Zuſammenhang zwiſchen Oramazes und der Entwicklung des ofterwähnten Legitimitätstitels den blöden Augen der Welt bloszulegen und wo möglich auch nachzuweiſen hätte, daß er am 15. Auguſt entſtand.

Doch grübeln wir vorläufig nicht weiter. Der Royalismus wird ſicherlich bald von den gutgeſinnten Entzündern derora⸗ maziſchen Frage aus ſeinen Zweifeln erlöſt werden, die Ge⸗ wißheit darüber bleibt dann als ewiggrünes Eiland alleinbe⸗ ſtändig zwiſchen den neuen Sturmwogen, welche nach der tiefen politiſchen Windſtille an allen Horizontgrenzen ſich drohend aufthürmen. Blutgetränkt überſtürzen ſie ſich bereits in Indien, der Schatzkammer Englands, und es ſcheint faſt, als ſollte dort

aus dem wüthenden Kampfe der Elemente ein Seitenſtück zur Unabhängigkeitserklärung Nordamerikas auſſteigen.*) Als einſt der engliſch⸗amerikaniſche Kampf entglomm, da wurden deutſche Unterthanen dem britiſchen Reiche als transatlantiſches Kanonen⸗ futter verkauft von ihren Fürſten. Die Wiederkehr dieſerguten alten Zeit haben wir nun wohl heute nicht zu erwarten. Denn bereits, da England vor dem Parlamente nur erſt ſeine Abſicht zu Werbungen kundgab, antworten die gutgeſinnten Blätter gewiſſer deutſcher Politiker mit energiſcher Mahnung an die Verordnungen und Geſetze, welche demjenigen drohen, der in fremden Kriegsdienſt übertreten möchte. Das war genau ebenſo, als England, damals mit Frankreich und der öffentlichen Mei⸗ nung ganz Europas vereint, das Schwert zur Machtbrechung Rußlands erhob. Heut ſtehen die Dinge anders. Frankreich hat der Petersburger Politik über Deutſchland hinweg die Hand gereicht, Preußen hat ſich ſofort ſeinerfreien Hand begeben, um die ruſſiſch⸗franzöſiſchen Forderungen in Konſtantinopel zu unterſtützen, gegen welche die Dictate, die einſt Fürſt Mentſchi⸗ koff aus ſeinem berühmten Palletot ſchüttelte, ſanfte Bitten waren. Die lang angeſtrebte Trennung der franzöſiſch⸗engliſchen Politik iſt erreicht, Oeſterreich ſteht auf dem Feſtlande, Groß⸗ britannien, ſchon vom chineſiſchen, perſiſchen, indiſchen Kampfe in Anſpruch genommen, in ſeiner inſularen Lage iſolirt. Und faſt ſpurlos hinweggedrängt vom politiſchen Schauplatz iſt die deutſch⸗däniſche Frage!.... Doch nein! Baiern hat für ſeine patriotiſche Geltendmachungpolitiſch⸗polizeilicher Gründe gegen die Sammlungen für die vertriebenen Schleswig⸗Hol⸗ ſteiner einen Nachfolger in Kurheſſen erhalten. In Hanau wurde eine Production des Geſangvereins für dieſelben gewaltſam exilirten Deutſchen ebenfalls unterſagt.

Erhebend iſts daneben, mit welch ausnehmenden Feſtivi⸗

*) Dieſe Gefahr liegt doch wohl ſehr fern. Angelſachſen.

Die Hindus ſind keine D. Red.

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