Jahrgang 
1857
Seite
423
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Zellen abgegeben wird, ſcheint als Gift zu wirken. Auf dieſe Weife ſieht man ſelbſt Zellenpartien dahinſterben, die mit jenen Schimmelfäden in keiner direkten Berührung ſtehen. Mangelt die nöthige Feuchtigkeit, iſt die erkrankte Blatt⸗ ſtelle vielleicht gar heißen Sonnenſtrahlen ausgeſetzt, ſo ver⸗ trocknen und verſchrumpfen hier ſchnell die erkrankten Zellen und nöthigen den Rand des Blattes ſich zu krümmen und zu kräuſeln; iſt aber die Luft mit Waſſerdunſt überladen, dann faulen und zerſetzen ſich die erkrankten Blätter ſchnell zu einer übelriechenden Maſſe. In beiden Fällen geht der Pilzfaden entweder theilweiſe oder gänzlich mit zu Grunde. Gewöhnlich aber ſind die Verhältniſſe für den Schmarotzer günſtiger, und er treibt eine Menge kleiner, baumförmig verzweigter Stämmchen(Fig. II. c) aus der kranken Blatt⸗ ſtelle hervor, die an ihren gegliederten Zweigen, winzige, eiförmige Knöpfchen(Fig. II. d), die Samenkörner(Sporen) des Schimmelpilzes tragen, die in ſehr kurzer Zeit ihre Reife erlangen und dann durch die geringſte Bewegung der Luft abgeworfen werden. Die Botaniker haben dieſen Schimmelpilz Peronospora devastatrix genannt. Er iſt ungemein klein, ein ganzer Wald von vielen Hundert Stämm⸗ chen, erſcheint dem bloßen Auge nur als ein zarter, weiß⸗ licher Anflug, und nur gute Mikroskope und ſehr ſorgfäl⸗ tige Präparation geben über ſeinen Bau und über ſein Ver⸗ halten zum erkrankten Blatte Aufſchluß. Immer ſind es blos die oben erwähnten Athemhöhlen, von welchen aus die frucht⸗ tragenden Bäumchen durch die Spaltöffnungen hervortreten, bisweilen einzeln, häufig zu drei, vier, fünf und mehr. Da

das Vorkommen jener Oeffnungen auf die untere Blattſeite Beobachtung darſtellt, iſt bekannt. Die mikroskopiſche Unter⸗

beſchränkt iſt, wird man den Pilz auch nur hier finden. Iſt dieſer bezeichnete Pilz wirklich die erſte Urſache der Erkrankung des Blattes? Die Frage iſt oft mitNein

beantwortet worden; ich muß mich für ein entſchiedenesJa

erklären. Zwar mögen gewiſſe Verhältniſſe des Luftkreiſes und des Erdbodens das Gedeihen jenes Schmarotzers bald begünſtigen, bald verhindern; ſie allein aber können unmög⸗ lich jene Krankheit hervorrufen. Bei dem allgemeinen Ein⸗ fluß, den ſolche Verhaltniſſe üben, würde ganz unbegreiflich bleiben, warum in einem Felde gewiſſe Pflanzen mehr, andere weniger, andere gar nicht leiden, warum an den einzelnen Pflanzen nur einzelne Blätter und auch dieſe nur ſtellenweiſe erkranken. Wenn man weiß, daß durch Schimmelbildungen organiſche Subſtanzen z. B. Brod und Speiſen leicht ver⸗ derben, daß durch ſie ſelbſt Thiere, wie die Seidenraupe und Fliegen getödtet werden können, wenn man wahrnimmt, wie die Zellen des Kartoffelblattes von Pilzfäden durchbohrt und in Folge davon gänzlich verändert werden, wie mit der Aus⸗ breitung jener Pilzfäden die Erkrankung des Blattes gleich⸗ mäßig an Umfang gewinnt, wie ſich endlich alle Erſcheinungen der Krankheit einfach und ungezwungen durch die Einwirkung des Schmarotzers erklären laſſen, darf man dann noch Zweifel hegen und Theorien und Hypotheſen huldigen, die zu be⸗ gründen man nicht im Stande iſt? Zwar haben Manche das beſtändige Vorkommen des bezeichneten Pilzes auf der erkrankten Blattſtelle geläugnet, ſicher aber haben ſich dieſe durch irgend welche Zuſtände täuſchen laſſen, vielleicht durch die oben genannten Verhältniſſe, wo durch Austrocknen oder Fäulniß die Zellen des Kartoffellaubes gleichzeitig mit den Pilzfäden zu Grunde gingen. Eine genaue Unterſuchung, das iſt die Meinung der umſichtigſten Forſcher, hat immer das Vorhandenſein des Schmarotzers nachgewieſen. Kann dieſer aber nicht auch durch die Zerſetzung kranker Pflanzen⸗ ſäfte, wie man gewöhnlich ſagt,von ſich ſelbſt entſtehen? Das Werden eines Thieres oder einer Pflanze ohne Eltern

iſt, ſo verbreitet der Glaube daran im Volke auch ſein mag, von der ſtrengen Wiſſenſchaft längſt gründlich widerlegt. Der mit der Fortpflanzung der organiſchen Weſen weniger Ver⸗ traute begreift allerdings nicht, wie manche Thiere oder Pflanzen an Orten vorkommen können, die auf das vollkom⸗ menſte gegen das Eindringen der Eltern oder der lebens⸗ fähigen Keime geſchützt ſcheinen. Aber tauſend Wege, dem bloßen Auge verborgen, erſchließen ſich durch das Mikroskop.

Die Samenkörnchen der Schimmelpilze ſind aller Orten ſo zahlreich verbreitet, ſo winzig klein, ſo leicht durch den bloßen Hauch der Luft umher zu tragen, daß vor ihnen kein Verſchluß, wenn er nicht gerade abſolut luftdicht iſt, ſichert. In dem Inneren vieler Früchte, beſonders der Aepfel und Birnen, ſieht man oft aus ſolchen Samenkörnern Schimmel entſtehen. Hier ſind die Staubwegkanäle in der Mitte der Schnuppe eine verhältnißmäßig breite Straße, die zu dem ſcheinbar gänzlich geſchloſſenen Innern führt. An der Kar⸗ toffelpflanze bilden die zahlreichen Spaltöffnungen an der Oberhaut der unteren Blattfläche ebenſo viel weit geöffnete Thore, die das Eindringen ſolcher kleinen Pilzſamenkörner in das Innere des Blattes geſtatten. Wenn jene hier keimen und neue Pflanzen erzeugen, die ſich auf Koſten der Zellen ernähren, und dieſe ſchließlich verderben, ſo iſt der ganze Verlauf der Dinge ein höchſt einfacher, zu dem ſich zahlreiche Analogien auffinden laſſen.

Als das zweite Stadium der Kartoffelfäule kann die Er⸗ krankung des Stengels und hauptſächlich die der Knolle be zeichnet werden. Unter welchen Erſcheinungen ſich die Krank⸗ heit dieſer Theile dem bloßen Auge und einer oberflächlichen

ſuchung läßt auch hier als Urſache Pilzfäden erkennen, die zwiſchen und in den Parenchymzellen wuchern und ſich in ganz ähnlicher Weiſe wie im Blatte verhalten. In gleichem Maße, wie dieſe Fäden ſich ausbreiten, wachſen die bekann⸗ ten bräunlichen Flecken, die von einer Bräunung der Wände der verletzten und vergifteten Zellen herrühren. Dieſe, die Behälter des Stärkemehles, zerſetzen ſich unter begünſtigenden Umſtänden dergeſtalt, daß die Körner der Stärke bloß gelegt werden, die in der Regel dem Krankheitsproceſſe dauernd widerſtehen und wenigſtens in ihrem Aeußeren ſelten merk⸗ lich verändert erſcheinen. In dieſem entblößten Zuſtande ſind dieſe Stärkemehlkörner einer Milbenart zugänglich, von der ſie oft in ſehr großer Anzahl heimgeſucht werden. Dieſes Thierchen, öfter als Urſache der Krankheit genannt, iſt aber vollkommen ſchuldlos an der Pflanzenſeuche; höchſtens ver⸗ zehrt es, wie die Milbe des Mehles, einen Theil der Kar⸗ toffelſtärke.

Haben die Pilzfäden eine gewiſſe Zeit in der Knolle ge wuchert, und durch zahlreiche Verzweigungen ein dichtes Ge⸗ wirr gebildet, ſo entſendet letzteres durch die Korkſchicht (Schale) hindurch, einen dichtgedrängten Wald fruchttragen⸗ der Pilzſtämmchen, der ſich dem bloßen Auge als ein weißes, ſpäter bräunliches Schimmelhäufchen darſtellt, auf die Ober⸗ fläche der Knolle(Fig. III. A). Solche Häufchen beſetzen den kranken Erdapfel bisweilen ſehr zahlreich. Häufig findet man ſie ſchon bei der Ernte, öfter während des Winters oder im Frühjahr in den Kel⸗ 4 lern, beſonders wenn letztere feucht gelegen ſind. Dieſer Schimmelpilz(Fig. IV.) weicht in ſeinem Baue entſchieden von dem des Blattes abz; ſeine Veräſtelung iſt eine andere und ſeine Früchte,(Fig. IV. a b c)

fig. III.