Jahrgang 
1857
Seite
422
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unter den entgegengeſetzten Verhältniſſen die trockene Knollen⸗ fäule zum Vorſchein kömmt. Obwohl beide Arten mittelſt des Vergrößerungsglaſes nicht unweſentliche Verſchiedenheiten erkennen laſſen, können ſie doch füglich nur als eine und dieſelbe Krankheit gelten, die nur nach zufälligen Umſtänden ihr Anſehn geändert hat.

Merkwürdigerweiſe wird in der Regel nur ein Theil der Knollen der erkrankten Pflanze von der Fleckenſeuche be⸗ fallen, während ein anderer, häufig größerer Theil wegen des zu frühzeitigen Abſterbens des Stockes nicht die voll⸗ kommene Reife, und damit nicht den gewöhnlichen Stärke⸗ mehlgehalt erlangt: Nur die wenigſten Früchte können als gut ausgebildet betrachtet werden. Dieſer allerdings räthſel⸗ hafte Umſtand iſt es hauptſächlich, der die Krankheit furcht⸗ bar gemacht hat, indem die dezimirten Ernten ein dem größten Theile nach ungeſundes, für viele Zwecke unbrauch⸗ bares Produkt lieferten.

Bisher haben wir die für jeden Beobachter zugänglichen

äußeren Symptome der Kartoffelfäule angegeben. Die Ur⸗ ſache aber, die jener Gruppe von Erſcheinungen zu Grunde liegt, muß tiefer geſucht werden. Man hat dieſe Urſache in den verſchiedenſten Verhältniſſen vermuthet. Bald ſollten Düngung, bald gewiſſe Bodenverhältniſſe, Fehlen oder Ueber⸗ maß beſtimmter Bodenbeſtandtheile, bald Vorgänge in der Luft, namentlich elektriſcher Art, bald unzeitigegiftige Regen, bald allzuweit getriebene Kultur, bald Mangel an hinreichender Einwirkung von Luft und Licht auf die Kartoffel⸗ pflanzen, die urſächlichen Momente abgegeben haben. Mit wie viel Scharfſinn auch manche dieſer Hypotheſen aufgeſtellt und vertheidigt wurden, immer entbehrten ſie jedoch eines ſtrengen wiſſenſchaftlichen Beweiſes, und immer blieb dabei eine Anzahl wichtiger Erſcheinungen unerklärt. Die Wiſſen⸗ ſchaft nahm ſich endlich der Sache an. Früher ſchon hatte man gefunden, daß eine kleine Milbe an den faulenden Knollen ſich einfand, etwas ſpäter entdeckte man Schimmel⸗ bildung an derſelben, ſo wie auch an den kranken Blättern. Dieſe Pilzbildung(denn jene Schimmelgebilde ſind äußerſt kleine Fadenpilze) zog die Aufmerkſamkeit der Forſcher be⸗ ſonders auf ſich. Aus anderen Beobachtungen war hervor⸗ gegangen, daß dieſe mikroskopiſchen Pflanzen in vielen Fällen bei der Zerſtörung maſſenhafter Gewächſe ſich einfinden, muthmaßlich ſogar die erſte Veranlaſſung dazu geben.

Im Bezug auf die Krankheit der Kartoffel lautet nun gegenwärtig die Hauptfrage: Sind die Schimmel⸗(Pilz⸗) Bildungen Urſache oder Folge der Seuche? Diejenigen,

welche ſich für das Erſtere entſcheiden, erklären die Krankheit

etwa in folgender Weiſe: Durch einen Pilz, der an den Blättern der Kartoffelpflanze ſich anſiedelt, werden dieſelben in ihrer Verrichtung geſtört. Dieſe Lebensſtörung hat eine Stockung und ſchließlich Entartung des Saftes der Pflanze zur Folge, wodurch ein Krankheitproceß eingeleitet wird, der unter Einwirkung verſchiedener, hauptſächlich atmoſphäriſcher Urſachen, mit dem Abſterben und Faulen der Pflanze endigt. Dieſe Anſicht, welcher ſehr tüchtige Forſcher beipflichten, hat für's Erſte den Schein großer Wahrſcheinlichkeit für ſich, allein auch ſie kann nicht vollſtändig bewieſen werden, und eine Menge Erſcheinungen bleiben auch bei ihr unerklärt.

Verfolgen wir ſelbſt die Entwicklung der Krankheit auf dem Wege, welchen die Wiſſenſchaft in ähnlichen Fällen und auch hier eingeſchlagen hat, ſo werden wir in das Gebiet der mikroskopiſchen Unterſuchung gewieſen. Es gilt, Vorgänge in der innerſten, für das bloße Auge unzugänglichen, Orga⸗ niſation der Pflanze, Veränderungen in dem Leben der Zelle zu belauſchen.

Ein zarter Querdurchſchnitt durch das Blatt der Kar⸗ toffelpflanze(Fig I.) belehrt uns, daß daſſelbe, ſo dünn es

A.

fig. I.

iſt, doch aus mehreren, über einander liegenden, Zellen ſchichten beſteht. Die oberſte und unterſte dieſer Schichten (Fig. I. a und b) ſetzt ſich aus plattenförmigen, waſſerhellen Zellen(Epidermiszellen) zuſammen, die übrigen im Inneren des Blattes befindlichen Zellen ſind von mannichfacher, meiſt kugeliger Form und alle mit grünen Körnchen, dem ſoge⸗ nannten Blattgrün, erfüllt. Eine Schicht, die ſich unmittel⸗ bar unter der oberſten Epidermislage vorfindet, iſt beſonders dadurch auffällig, daß ihre mehr cylindriſchen Zellen dicht neben einander, ſenkrecht gegen die Plattfläche geſtellt ſind(Fig. I. c). Zwiſchen den Epidermiszellen der unteren Blattfläche ſtößt man auf zahlreiche, ſpaltenförmige Oeffnungen(Fig. I. d und Fig. II. a)(Spaltöff⸗ nungen,, die, durch je zwei ſogenannte Schließzellen (Fig. I. ee und Fig. II. bb) gebildet, den Eingang zueiner Höhle(Fig. I. f) darſtellen. Mittelſt dieſer Oeffnungen und Höhlen athmet das Blatt; die atmoſphäriſche Luft dringt von hier aus in deſſen Inneres, wo die ein⸗ zelnen Zellen die ihnen noth⸗ wendigen Beſtandtheile aus jener aufnehmen, und dafür überflüſſig gewordene Gaſe ab⸗ geben. Solche Athemöffnungen beſitzt die untere Blattfläche in größerer Anzahl, dagegen hat die obere Fläche des Kartoffel⸗ blattes gar keine. Fängt eine Stelle des Blattes zu er⸗ kranken an, ſo ſieht man hier zwiſchen den blattgrün⸗haltigen Zellen Schimmelfäden umherwuchern(Fig. I. g), ja ſie wachſen ſelbſt durch jene hindurch, verzweigen ſich mannig⸗ fach und bilden endlich ein dichtes Geflecht. Die von ihnen durchdrungenen Zellen verlieren ihr lebhaftes Grün, werden bräunlich und tragen alle Spuren eines tiefen Leidens. Höchſt wahrſcheinlich iſt es nicht blos die mechaniſche Verletzung, welche ihren krankhaften Zuſtand bedingt, ſondern der Saft in jenen Pilzfäden, der mit ihrem Inhalte in Wechſelwirkung tritt, der von ihnen angezogen und wieder an benachbarte

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5 fig II.

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