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zurückkehren, die Sipoy-Offiziere aus der eingeborenen Gentry vom Hindoſtan nehmen, oder ſie muß die Zahl ihrer europäiſchen Offiziere auf dieſelbe Höhe mit denen im Dienſte der Königin bringen. Der erſtere Weg wäre der am meiſten ökonomiſche; die Anſtellung ſo vieler europäi⸗ ſcher Offiziere würde ſchwer auf das Budget der Compagnie
fallen. Jedenfalls muß man jetzt zu einer Entſcheidung kommen.— Man wird bekennen müſſen, daß die vorſtehen⸗ den, aus engliſchen Blättern entnommenen Thatſachen ein helles Licht auf die Ereigniſſe in Indien werfen und zuſam⸗ men mit der Thorheit religiöſer Propaganda vollkommen hinreichen, ſie zu erklären.
Die Kartaffelknolle und ihre Erkrankung.
Von Dr. J. Speerſchneider.
II. Die Rartoffelkrankheit.
Wenn ich über eine ſo viel beſprochene Frage vor den Leſern des Feierabends mir das Wort erbitte, ſo ſcheint es zum Voraus nöthig, mich gewiſſermaßen zu legitimiren, da⸗ mit der geneigte Leſer, der beſorgt, die zahlreichen, oft ge⸗ hörten Vermuthungen über das Weſen der Seuche noch ein— mal hören zu müſſen oder mit einer neuen unberufenen Theorie überlaufen zu werden, nicht die Seite überſchlage. Dieſe Rückſicht möge entſchuldigen, daß ich das Endergebniß meiner Forſchungen, wodurch ich die wiſſenſchaftliche Kennt⸗ niß der Krankheit gefördert zu haben glaube, in kurzer An⸗ deutung vorausſchicke.
Ich bin durch ein ſorgfältiges Studium jener Krankheit dahin gelangt, ſie künſtlich erzeugen d. h. eine beliebige Kartoffelknolle binnen wenigen Tagen mit der viel beſproche⸗ nem Seuche anſtecken zu können. Meine Verſuche, über die ich am Schluſſe des Artikels Bericht geben werde, ſind leicht von jedem mit der Handhabung des Mikroſkopes vertrauten Botaniker und Landwirthe zu wiederholen. Kennt man aber einmal die Entſtehungsweiſe einer Krankheit ſicher, ſo hat man auch Hoffnung das geeignete Heilmittel aufzufinden.
Woher ſtammt jene Seuche, in der man einen Traban— ten der geſpenſtiſchen Cholera zu ſehen geneigt iſt? Die Krank⸗ heit mag ſeit der Einführung und größeren Verbreitung des Kartoffelbaues beſtehn, wahrſcheinlich mit der Kartoffel ſelbſt eingewandert ſein. Sie blieb aber unbeachtet, ſo lange ſie ſich nicht durch umfangreiche Zerſtörung auffällig machte. Wenige zu früh verwelkte Blätter einzelner Pflanzen, ja einige faulende Knollen, betrachtete der frühere Oekonom höchſtens als Merkwürdigkeiten, über deren Grund und Bedeutung Beobachtungen anzuſtellen er für unnütze Mühe hielt; und die Wiſſenſchaft verfolgte andere Ziele, als daß ſie dergleichen Dingen ihre Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte, ja zu gründlichen Beobachtungen würden ihr ſelbſt die noth⸗ wendigen Vergrößerungsgläſer, und hinreichende Bekannt⸗ ſchaft mit den Lebensverhältniſſen der Pflanzen gefehlt haben.
Sicher bedurfte es nur einige Jahre hindurch gewiſſer Witterungsverhältniſſe, welche die verhandenen Faktoren der Krankheit ſteigerten um die Seuche in weiterer Ausdehnung und zwar ſcheinbar plötzlich, mit einem Male erſcheinen zu ſehen. Wenn Urkunden angeben, daß im Jahre 1757 die Kartoffeln im Erzgebirge durch ſchwarzfaulende, ſtinkende Flecken verdarben, daß ſie 1778 in Belgien und 1780 in der Pfalz mißriethen u. ſ. w., ſo beziehen ſich dieſe Angaben höchſt wahrſcheinlich auf die ganz gleiche Krankheit, die in den letzten 10— 12 Jahren ſo allgemein gewüthet hat. Wohl kann, wie auch früher, durch beſondere atmoſphäriſche Vor⸗ gänge, die Seuche auf eine gewiſſe Zeit verdrängt werden, wie wir dieſes im letzten Jahre durch anhaltende Dürre ſahen; ganz ausſterben wird ſie aber kaum.
In Thüringen werden die Kartoffeln in der Regel von Mitte April bis Anfangs Mai ausgelegt, zu welchem Be— hufe ſie in mehrere„Augenſtückchen“ zerſchnitten werden. Zwar hat man dieſelben hie und da, zur Verhütung des Erkrankens, ganz ausgeſäet, allein, ſo viel mir bekannt, ohne den beabſichtigten Erfolg. Je nach der mehr oder weniger günſtigen Witterung treten nach vierzehn Tagen bis drei Wochen die erſten Blätter aus der Erde hervor. Die Pflanzen werden in Zwiſchenräumen„behackt, umhäufelt“ und entwickeln bei dieſer Behandlung kräftige, ſtark beblätterte Stöcke, die gewöhnlich bis Mitte Juli, wo ſie zu blühen be⸗ ginnen, ſich geſund erhalten. Bis dahin haben ſie an ihren Ausläufern ziemlich ausgebildete, aber noch wäſſerige, in ihren Parenchymzellen nur kleine Stärkemehlkörner bergende, dünn beſchalte Knollen entwickelt. Bald nach dieſer Zeit finden ſich die erſten Symptome der Seuche. Geht man durch ein erkrankendes Kartoffelfeld, ſo fällt, beſonders gegen Abend, ein eigenthümlich widerlicher Geruch auf, und eine ſorgſamere Unterſuchung ergiebt, daß die anſcheinend ge⸗ ſunden Pflanzen hie und da Blätter tragen, die ſich zu kräuſeln und einzelne miſtfarbige Stellen zu zeigen be⸗ ginnen. Solcher erkrankten Blätter finden ſich meiſt ſchon nach wenigen Tagen mehr ein, die Krankheit verbreitet ſich endlich über größere Gruppen von Stöcken, und jetzt erſt wird ſie augenfälliger. Dieſes Verderben der Blätter, das man Kräuſelkrankheit genannt hat, greift, einmal ausge⸗ bildet, ungemein ſchnell um ſich; nach wenigen Wochen iſt das frühere, ſaftige Grün der Kartoffelpflanzungen ganz verſchwunden. Ein großer Theil des Laubes hängt welk und verdorrt an dem nackten, grünlich bräunlichen Stengel herab, oder bedeckt als faulende, übelriechende Maſſe den Boden. Anfangs werden die jüngeren, höher ſitzenden Blätter nicht ergriffen; ſobald aber die Krankheit eine ge⸗ wiſſe Höhe erreicht, bleiben auch ſie nicht verſchont.
Die Knollen der Kartoffelpflanze ſind während der erſten Erkrankungsvorgänge des Krautes noch vollkommen geſund; erſt acht, ſelbſt vierzehn Tage ſpäter werden ſie in den Krank⸗ heitsproceß gezogen. Nach dieſer Zeit erſcheinen kleine bräun⸗ liche, verwaſchene Flecken auf der zarten, ſich leicht abblät⸗ ternden Schale der Knolle. Anfangs nur oberflächlich und beſchränkt, greifen dieſelben mehr und mehr um ſich, dringen dabei in die Tiefe des Parenchyms und durchziehen endlich den größten Theil der Knolle, welcher von dieſer Stelle ſich zu zerſetzen und in Folge deſſen einen unangenehmen Ge⸗ ruch zu verbreiten anfängt. Beginnt die Erkrankung der Knolle zu einer Zeit, wo die Stärkemehlbildung in den Parenchymzellen noch nicht geſchloſſen iſt und nimmt ſie ihren ferneren Verlauf unter der Einwirkung größerer Feuchtigkeit, dann entwickelt ſich die ſogenannte naſſe Fäule, während


